Geschichte zum Kleben. Werbemarken und ihr Wert für die Landesgeschichte

Von Max Grund

Wenn auf dem Blog Saxorum der „Summer of Ephemera“ ausgerufen wird, dann gilt es, diesem Ruf zu folgen. Daniel Fischer berichtete hier neulich vom Quellenwert des Bierdeckels, welcher in seiner Aussagekraft als Zeitzeuge bisher noch unterschätzt sei.[1] Ich möchte dieser Beobachtung gern eine weitere, bisher ebenfalls noch völlig unterschätzte, Quellengattung zur Seite stellen: die sogenannten Werbemarken.[2]

Diese Form der Ephemera kam kurz vor 1900 auf. Werbemarken waren und sind ein ganz spezielles Druckerzeugnis. Sie wurden zumeist im Buchdruck- oder Lithografieverfahren, seltener als Lichtdruck gedruckt und durchliefen anschließend eine Perforiermaschine. Das Papier entsprach oft dem der Briefmarken. Ähnlich wie bei heutigen Werbeaufklebern ist ihr zentraler Sinn, auf ihrem Untergrund, aber auch im Gedächtnis der sie Sehenden haften zu bleiben. Doch stellt sich die Praxeologie der Werbemarke etwas anders als bei heutigen Werbestickern dar. Während uns Aufkleber heute überall begegnen von der Uni-Toilette über Zugabteile bis hin zu Laptopdeckeln, waren Werbemarken ursprünglich einem sehr bestimmten Ort verhaftet – nämlich auf Postsendungen und in Sammelalben.[3] Nicht von ungefähr sind Werbemarken in der Regel ähnlich den Briefmarken mit den markanten Zähnen an ihrem Rand versehen. Diese Zähnung dürfte nicht nur produktionstechnische Gründe gehabt haben. Auch Kaufmannsbilder[4] wurden in großer Masse unter das Volk gebracht und das ganz ohne Zähnung. Vielmehr dürfte die Zähnung der Werbemarke zusätzlich dazu gedient haben, auch ohne Erklärung zu vermitteln, dass diese auf Postkarten, Briefe oder Paketsendungen geklebt werden sollten. Hierzu diente schließlich auch die Gummierung auf ihrer Rückseite, welche sie ebenfalls von normalen Sammelbildern unterschied. Gleichzeitig wurden Werbemarken zu keiner Zeit als Wertzeichen genutzt, was sie klar von den Briefmarken und anderen Wertmarken unterscheidet. Ihr Sinn war ein rein optischer. Sie waren damit quasi die „blinden Passagiere“ der Briefmarken.

Abb. 1: Werbemarken für Wanderluststrumpffabrikate der Firma Wilhelm Dohmen (Chemnitz) anlässlich der Leipziger Löwenjagd am 19. Oktober 1913 (Quelle: Wikimedia Commons)

In ihrer Eigenschaft als postalische Werbebotschafter unterschieden sie sich auch von den durch Daniel Fischer vorgestellten eher ortstreuen Bierdeckeln. Während erstere meist in mit der darauf abgebildeten Marke verbundenen Lokalen oder an bestimmten Orten zu spezifischen Anlässen ausgegeben wurden und in Gebrauch waren, konnten Werbemarken einen ganz anderen Aktionsradius entwickeln. Zumeist erhielt man die Marken im Geschäft beim Kauf eines Produkts vom Markenbogen oder sie lagen den Produkten bei.[5] Einmal gezielt in Umlauf gebracht, verteilten sie sich mit den Postsendungen übers Land und konnten auf diese Weise auch größere Distanzen zurücklegen. Während die Nutzungsorte der Bierdeckel also mehr oder minder von den ausgebenden Entitäten kontrolliert werden konnten, war die Werbemarke auf die anarchische Verbreitung ihrer Botschaft in der Welt ausgelegt. Gleichzeitig entstanden für die Werbenden auf diese Weise neben der Produktion quasi keine Kosten, da das Porto für die Verbreitung der Werbebotschaft durch die Versendenden übernommen wurde. Außerdem wurden Werbemarken von Anfang an auch gesammelt, wofür gesonderte Alben vertrieben wurden. Die ältesten Werbemarken lassen sich bis in das Jahr 1894 zurückverfolgen.[6] Die ersten Sammelkataloge und auf Werbemarken bezüglichen Zeitschriften erschienen im Jahr 1898.[7] Eine Vorreiterrolle nahm hierbei der Leipziger Verleger Walther Fiedler (1860-1926) ein. Zugleich war das Sammeln von Werbemarken ungleich schwieriger als bei Briefmarken oder Kaufmannsbildern, da auf ihnen nur äußerst selten die zugehörige Serie abgedruckt wurde.[8] So war es Sammlerinnen und Sammlern fast unmöglich, zu ermitteln, welche Marken zu welcher Serie gehörten. Teilweise fehlte es auch schlicht am Überblick über die vorhandenen Marken. In den Sammelalben führte dies zu recht bunten Mischungen, welche auch heute noch eine Erschließung dieser Druckgrafiken in Archiven, Bibliotheken und Sammlungen erschwert. Glücklich konnte sich daher schätzen, wer keine einzelnen Marken, sondern direkt den gesamten Bogen der Reihe erhielt.

Angesichts der potenziellen Verbreitung über große Distanzen und des Zwecks der Bewerbung bestimmter Dinge kommt den auf den Werbemarken abgebildeten Motiven ein großer historischer Quellenwert zu. Weiterlesen →

Bierdeckel im ‘Summer of Ephemera’ – kleine Pappscheiben, großer Quellenwert

Von Daniel Fischer

Man kennt sie als Bierdeckel, Bierteller oder Bierfilz – jene Pappscheiben, die als Getränkeuntersetzer vor allem in Kneipen und Restaurants ganz selbstverständlich zum Getränk gereicht werden, um Tischoberflächen vor Feuchtigkeit zu schützen. Doch auch diesem unscheinbaren Alltagsgegenstand wohnt ein bemerkenswerter Quellenwert inne: Willkommen im Summer of Ephemera.

Unter Ephemera versteht man Drucksachen und Objekte des täglichen Gebrauchs, etwa Fahr- und Eintrittskarten, Werbezettel, Verpackungen, Postkarten – und eben auch Bierdeckel. Sie werden meist in großer Stückzahl produziert, wirken auf den ersten Blick banal und sind oft nur für den kurzfristigen Gebrauch bestimmt. Gerade deshalb sind sie für die Geschichtswissenschaft so wertvoll: Sie verbinden Funktionalität mit Werbung, Design und spiegeln Alltag, Mentalitäten sowie visuelle Codes ihrer Zeit häufig unmittelbar wider.

Robert Sputh

Abb. 1: Porträt von Robert Sputh, Fotoatelier Hahn, Sebnitz, 1900.

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Aus der Blogosphäre: Adventskalender des ISGV zu Wintersport in Sachsen

Zum mittlerweile dritten Mal veröffentlicht das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) einen Adventskalender, der hauptsächlich auf den Beständen seines Bildarchivs beruht. Thematisch geht es diesmal um Sachsen als Ort des Wintersports:

Um 1900 führte die Entdeckung des Winters als Reisezeit schnell zur Verbreitung einer ganzen Reihe von Wintersportarten, für die eine Infrastruktur erforderlich wurde. Wintersport- und Postkarten aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts belegen den erstaunlichen Umfang, mit dem die technischen Voraussetzungen für den Wintersport geschaffen wurden. Aber auch jüngere Fotografien aus den Hauptorten des sächsischen Wintersports wie Annaberg, Geising, Altenberg oder Oberwiesenthal dokumentieren, wie vielfältig sich in Sachsen in der kalten Jahreszeit sportlich betätigt wurde.

Die einzelnen Beiträge sind im Hypotheses-Blog “Bildsehen/Bildhandeln” des Instituts abrufbar: https://fotografie.hypotheses.org/

Und auf der Institutsseite gibt es eine ausführliche Einführung zum Thema: https://www.isgv.de/aktuelles/details/adventskalender2023

Ein Mann und eine Frau auf Skiern im Schnee liegend. Der Mann raucht eine Pfeife, die Frau schaut schmunzelnd in die Landschaft.

Junges Paar während einer Pause beim Skilaufen, Holzhau, 1927, unbekannter Fotograf (SLUB/Deutsche Fotothek)

Das Kind im Dresden-Fotobuch

Von Katharina Hahn

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Motiv des Kindes in der Fotografie geht es in der Regel um Einzelbilder, in denen das Kind das Hauptmotiv ist, um den erwachsenen Blick auf das Kind und die gesellschaftliche Konstruktion von Kindheit. Dabei handelt es sich beispielsweise um inszenierte Kinderportraits oder Reportagefotos von Kindergruppen oder Familien. Im Stadt-Fotobuch ist das Kind nie das Hauptmotiv, es ist vielmehr ein Teil der Darstellung seiner sozialen und gebauten Umwelt. Als Stadt-Fotobuch bezeichne ich buch- oder heftförmige Publikationen, die primär mit dem Mittel der Fotografie monothematisch eine Stadt behandeln, Botschaften über diese Stadt vermitteln und aus Bildserien und -sequenzen ein Stadtbild evozieren. Welche Rolle kann die Repräsentation von Kindern dabei spielen?

Dieser Beitrag ist ein kleiner Ausschnitt aus meinem Dissertationsprojekt. Ich untersuche und vergleiche darin eine Auswahl von sechs Fotobüchern über Dresden und fünf Fotobüchern über Köln, die zwischen 1945 und 1975 unter Beteiligung von Akteuren und Akteurinnen der jeweiligen Stadtverwaltung herausgegeben wurden. Dabei frage ich nach den Botschaften der Fotobücher und nach den politischen Regeln, die deren Gestaltung bestimmten. Anhand des empirischen Zugriffs auf die visuelle Darstellung sozialer Verhältnisse und architektonischer Umwelt im Fotobuch möchte ich einen kulturgeschichtlichen Zugang zur Identitäts- und Vergangenheitspolitik der Stadt ermöglichen, der die bisher überwiegend untersuchte Textebene ergänzt und um bildspezifische Inhalte erweitert. Bei der Untersuchung berücksichtige ich anwendungsgestützt sämtliche Abbildungen in den Fotobüchern. Im Hauptteil meiner Arbeit beschreibe ich meine Quellen, gehe auf den historischen Kontext ihrer Entstehung ein und deute und vergleiche die Ergebnisse der Analyse. Ich frage zum Beispiel danach, wie historische, zerstörte, wiederaufgebaute oder nachkriegsmoderne Gebäude repräsentiert wurden oder wie die Darstellungen von Menschen bei der Arbeit oder in der Freizeit erfolgten. Darüber hinaus berücksichtige ich viele weitere Aspekte der Darstellung von Architektur, Menschen, Natur, Kultur und Infrastruktur der Stadt, die einen Einfluss auf die mit den Fotobüchern vermittelten Botschaften haben. Am Beispiel der Darstellung von Kindern in den Fotobüchern über Dresden möchte ich einen Einblick in meine Untersuchung geben.

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Der rote Abreißkalender. Revolutionsgeschichte als Wandschmuck

Von Wolfgang Hesse

Die Geschichte professioneller Fotografie- und Kunstproduktion in der Weimarer Republik ist schon lange gut erforscht und wird es weiterhin. Dies gilt mit Einschränkungen auch für die Agitationskunst – vor allem im Umfeld der KPD mit ihren prominentesten Vertretern John Heartfield und George Grosz. Doch die zahlreichen fotografierenden, zeichnenden oder bastelnden Amateure in diesem Milieu wurden selbst in der DDR-Publizistik nicht umfassend gewürdigt. Dies hat sich in den letzten 15 Jahren geändert. Bei der Entdeckung dieser ‚Kunst der Straße‘ als neuer ‚Volkskunst‘ waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus vielen Ländern beteiligt – und in Deutschland vor allem sächsische Institutionen involviert.

Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der Deutschen Fotothek an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) zu, die Anfang der 1980er Jahre Fotografien proletarischer Amateure aus Sachsen erworben hatte. Dieser nicht allzu große Bestand gab die Anregung für langjährige Forschungen, in die später außerdem Sammlungen in Zwickau und Leipzig einbezogen wurden. Die Arbeiten waren, von 2009 bis 2015 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, unter dem Projekttitel “Das Auge des Arbeiters” am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) in Dresden angesiedelt. Und wiederum kam Unterstützung von der SLUB, die ein nahezu vollständiges Exemplar der KPD-Zeitschrift “Der Arbeiter-Fotograf” erwerben konnte und dieses als Digitalisat frei zugänglich ins Netz stellte. Im November 2017 publizierte sie schließlich ein weiteres zentrales Werk der Bildpolitik der Kommunistischen Internationale, das bisher schwer zugänglich und daher in der Forschung kaum berücksichtigt worden war: den “Arbeiterkalender” aus dem Verlag Carl Hoym Nachf. Hamburg-Berlin. Die Exemplare hatten außer der SLUB die Deutsche Nationalbibliothek Leipzig, das Sächsische Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz und die Universitätsbibliothek Leipzig zur Verfügung gestellt.

Jolán Szilágy: Fahnenschwinger, Linolschnitt 1922 als Titelmotiv für den “Arbeiterkalender” 1923 bis 1929 (Exemplar der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig)

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