Das verschwundene jüdische Leipzig. Digitale Wiederentdeckung von Orten jüdischer Religionsausübung in Leipzig

Von Erik Fuhrken

Einführung

Wer heute durch Leipzig geht, wird nur an wenigen Orten auf Hinweise auf jüdisches Leben stoßen. Schnell entsteht der Eindruck, die jüdische Gemeinde habe in der Stadt nie eine bedeutende Rolle gespielt. So zählte die Leipziger jüdische Gemeinde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weniger als 30 Mitglieder (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Erst bis 2023 konnte die Gemeinde wieder auf über 1.200 Gemeindemitglieder anwachsen und ist damit heute die größte jüdische Gemeinde Ostdeutschlands (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 37).

Das besonders einschneidende Ereignis im Nationalsozialismus hinsichtlich der räumlichen Präsenz von Jüdinnen und Juden sind die Pogromereignisse vom 9. November 1938 (Ristau 2018). Mit der Verwüstung und Entweihung jüdischer Synagogen und Gebetshäuser sowie der anschließenden Schließung dieser Einrichtungen wurde das religiöse Leben der Gemeinde dauerhaft zerstört (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Insgesamt sind die Zerstörung von mindestens drei Synagogen, vier Bethäusern, einer Friedhofskapelle sowie die Niederbrennung der beiden großen Synagogen in der Gottschedstraße (Abb. 1) und Otto-Schill-Straße belegt (Trautmann 2024: 42). In dem folgenden Beitrag will ich mittels einer digitalen Rekonstruktion herausfinden, wie sichtbar jüdisches Leben vor 1938 wirklich war und inwiefern die jüdische Gemeinde die Stadt Leipzig räumlich prägte. War Leipzig vor dem Nationalsozialismus also nur eine Stadt mit einer kleinen jüdischen Minderheit oder ist dieser Eindruck vor allem das Ergebnis der Zerstörung und des Vergessens?

Abb. 1: Synagoge in der Gottschedstraße, Ansicht von Nordosten. Stich von Alfred Krauße nach einer Zeichnung von Adolf Eltzner, 1850 (Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Kupferstich-Kabinett via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit der Georeferenzierung der einzelnen Orte der Religionsausübung kann die religiöse Vielfalt Leipzigs vor der Reichspogromnacht gezeigt werden. Unter Orten der Religionsausübung können Betstuben in Privatwohnungen verstanden werden, Betstuben einzelner jüdischer Vereine, Synagogen oder von jüdischen Vereinen betriebene Ritualbäder. Darüber hinaus soll die räumliche Darstellung verdeutlichen, wie sich die jüdische Gemeinde im Laufe der Zeit entwickelte und wuchs. Dies geschieht durch eine farbliche Kennzeichnung der Orte nach ihrem Gründungszeitraum. Abschließend sollen alle Orte der Religionsausübung auf einem historischen Stadtplan der Stadt Leipzig projiziert und dargestellt werden. Weiterlesen →

Aus der Blogosphäre: Klanglandschaften und ihre Rolle für Erinnerung, regionale Identität und kulturelles Erbe in der Lausitz

Im Hypotheses-Blog der interdisziplinären Forschungsgruppe “culture environment technology” (CET) resümiert Anna Brautmeier die Ergebnisse der Tagung “Lausitzer Rhythmen: Hören, Erinnern, Leben” vom 4./5. Juni 2026 in Berlin und Cottbus. Es widmete sich der Lausitz als “Klang-, Erinnerungs- und Transformationsraum”. Nachgegangen wurde dabei u. a. den folgenden Fragen:

Wie lassen sich Prozesse eines Strukturwandels hörbar machen? Warum sind Klanglandschaften für Erinnerung, regionale Identität und kulturelles Erbe so wichtig? Wie können Klanglandschaften dokumentiert, analysiert und künstlerisch bearbeitet werden? Welche Rolle können sie konkret für das Transformationsgeschehen der Lausitz spielen?

“Lausitzer Rhythmen: Hören, Erinnern, Leben” – Ein interdisziplinäres Forum / “Lusatian Rhythms: Listening, Remembering, Living” – An interdisciplinary forum

Alles auf Anfang? Gedanken zu Flucht, Exil und Emanzipation jüdischer Künstlerinnen und Akademikerinnen im Zuge der NS-Herrschaft

Von Anne Olsen und Georg Langenberg

Frauen, die sich in den 1920er Jahren ein hohes Maß an Eigenständigkeit erarbeitet hatten, wurden durch Flucht und Exil in eine prekäre Lage versetzt: Ihre bislang erreichten Freiheiten ließen sich unter den neuen Lebensbedingungen nicht ohne Weiteres aufrechterhalten. In ihrem Streben nach Selbstbestimmung standen sie mitunter wieder am Anfang. Diese Problemstellung bildet den Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit jüdischen Akademikerinnen und Künstlerinnen, die vor dem NS-Regime fliehen mussten. Der Verlust beruflicher Netzwerke sowie sozialer und finanzieller Sicherheit konnte ihre Handlungsspielräume erheblich einschränken. Wie tiefgreifend die damit einhergehenden biografischen Brüche waren, unterschied sich jedoch von Frau zu Frau. Bereits erreichte Formen der Emanzipation mussten unter den veränderten Lebensbedingungen des Exils neu behauptet und ausgehandelt werden.

Abb. 1: Jüdische geflüchtete Österreicherin bei ihrer Ankunft in Harwich, 12. Dezember 1938. Quelle: National Archives and Records Administration, College Park, MD, Source Record ID: 306-NT-648-F-2, Public Domain.

In der deutschsprachigen Forschung zur Flucht jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen nehmen die Perspektiven betroffener Frauen bisher noch zu wenig Raum ein, insbesondere im Hinblick auf Emanzipations- und Emotionserfahrungen. Dabei ermöglichen ihre Biografien Einblicke in vielschichtige Lebensgeschichten, die von Hoffnung, Mut und Selbstbehauptung, aber auch von Verlust, Sehnsucht und Rückschlägen geprägt waren. Diesem Desiderat widmet sich das Forschungsvorhaben „Weibliche Emanzipation, Migration und Traditionen – Das Beispiel geflüchteter jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen (1933–1945)“ von Francesca Weil. Es geht der Frage nach, wie sich biografische Brüche durch Flucht und Exil konkret auf die Emanzipation dieser Frauen auswirkten. Im Rahmen unserer Mitarbeit an dem Projekt widmen wir uns der biographischen Recherche zu einzelnen Frauen. Dabei wurde uns schnell und eindrücklich bewusst, wie vielfältig diese Erfahrungen das soziale und berufliche Leben sowie die individuellen Emanzipationsprozesse prägten. Der vorliegende Beitrag stellt auf der Grundlage der einschlägigen biografischen Literatur diese Vielfalt exemplarisch anhand von sechs Frauen und ihren Lebensgeschichten dar, darunter auch Gerda Taro, die in Leipzig in antifaschistischen Kreisen politisiert wurde, und die Dresdnerin Lea Grundig. Ein abschließender Vergleich macht sichtbar, wie unterschiedlich sie mit dem Verlust ihrer Ausgangspositionen vor der Flucht umgingen. Weiterlesen →

Aus der Blogosphäre: Transkription des Besucherbuches der Kurfürstlich-Königlichen Bibliothek Dresden

In einem Citizen-Science-Projekt arbeiten die Sächsische Bibliotheksgesellschaft und die SLUB seit einiger Zeit an der Transkription der Besucherbücher der Kurfürstlich-Königlichen Bibliothek in Dresden aus dem Zeitraum 1753 bis 1813: Bbliotheksgeschichte zum Mitmachen. Der Workflow wurde im vergangenen Sommersemester auch im Rahmen des Datenkompetenz-Seminars im Master-Studiengang Digital Humanities der TU Dresden disktutiert und erprobt. Dimitrij Schäfer stellt im Projektblog des Studienganges die Methodik und beispeilhafte Auswertungsmöglichkeiten der Quelle vor:

Transkription des Besucherbuchs der Kurfürstlichen-Königlichen Bibliothek Dresden (SLUB Bestand).Qualitative Forschung anhand von Martin Jenisch d. Ä.

Spielspaß aus dem Drucker: Sind Print-and-Play-Spiele Ephemera?

Von Robin Reschke

Denkt man an vergängliche Dokumente, kommen einem vermutlich zunächst kurzlebige Drucke wie Bierdeckel, Menükarten oder Tafellieder in den Sinn – Ephemera sind Medien, die nach meist einmaliger Nutzung ihren Zweck erfüllt haben. Das steht zunächst im völligen Kontrast zu analogen (und erst recht zu digitalen) Spielen, die sich erst durch eine lange Nachnutzbarkeit qualifizieren: je hochwertiger das Material, desto länger ist der Spielspaß. Print-and-Play-Spiele dagegen sind in Eigenproduktion hergestellte und daher schnell verfügbare Spiele, die auf dem Do-it-yourself-Konzept basieren. In diesem Beitrag möchte ich kursorisch der Frage nachgehen, inwiefern solche Spiele als Ephemera zu bewerten sind, ohne mich dabei explizit im Rahmen der sächsischen Landesgeschichte zu bewegen, wie es die anderen Beiträge dieser Reihe tun.

Das Spiel 12 Parsecs als Print-and-Play-Version (Quelle: https://boardgamegeek.com/image/5842250/12-parsecs)

Analoge Spiele (Brettspiele, Kartenspiele, …) stehen im Kontrast zu den üblichen Medien, die meist auf Kurzlebigkeit ausgerichtet sind? Das stimmt nur teilweise. Weiterlesen →

Aus der Blogosphäre: Biografische Hochschulforschung an der TU Dresden

Zwei Beiträge im Blog des SLUB Open Science Labs fassen die Ergebnisse zweier Workshops im Rahmen des Projektes “Erzähl(t)e Transformation” zusammen. Das Projekt widmet sich der Frage, was die Umbrüche der 1990er-Jahre für ostdeutsche Hochschulen bedeuteten und wie sie “individuell erlebt, institutionell gestaltet und wissenschaftlich reflektiert [wurden]” – und werden, denn auch die Bedeutung dieser Erfahrungen für die Gegenwart der TU Dresden sollen in den Blick genommen werden. Die Workshops im OSL widmeten sich dabeu den Themen „Wie lässt sich Transformation erzählen?“ und „Wie lässt sich erzähltes Wissen aufbewahren?“. Für die nächsten Monate sind vier Erzählcafés geplant, in denen persönliche Erfahrungen geteilt werden können.

Wie lässt sich Transformation erzählen?

Wie lässt sich erzähltes Wissen aufbewahren?

 

Geschichte zum Kleben. Werbemarken und ihr Wert für die Landesgeschichte

Von Max Grund

Wenn auf dem Blog Saxorum der „Summer of Ephemera“ ausgerufen wird, dann gilt es, diesem Ruf zu folgen. Daniel Fischer berichtete hier neulich vom Quellenwert des Bierdeckels, welcher in seiner Aussagekraft als Zeitzeuge bisher noch unterschätzt sei.[1] Ich möchte dieser Beobachtung gern eine weitere, bisher ebenfalls noch völlig unterschätzte, Quellengattung zur Seite stellen: die sogenannten Werbemarken.[2]

Diese Form der Ephemera kam kurz vor 1900 auf. Werbemarken waren und sind ein ganz spezielles Druckerzeugnis. Sie wurden zumeist im Buchdruck- oder Lithografieverfahren, seltener als Lichtdruck gedruckt und durchliefen anschließend eine Perforiermaschine. Das Papier entsprach oft dem der Briefmarken. Ähnlich wie bei heutigen Werbeaufklebern ist ihr zentraler Sinn, auf ihrem Untergrund, aber auch im Gedächtnis der sie Sehenden haften zu bleiben. Doch stellt sich die Praxeologie der Werbemarke etwas anders als bei heutigen Werbestickern dar. Während uns Aufkleber heute überall begegnen von der Uni-Toilette über Zugabteile bis hin zu Laptopdeckeln, waren Werbemarken ursprünglich einem sehr bestimmten Ort verhaftet – nämlich auf Postsendungen und in Sammelalben.[3] Nicht von ungefähr sind Werbemarken in der Regel ähnlich den Briefmarken mit den markanten Zähnen an ihrem Rand versehen. Diese Zähnung dürfte nicht nur produktionstechnische Gründe gehabt haben. Auch Kaufmannsbilder[4] wurden in großer Masse unter das Volk gebracht und das ganz ohne Zähnung. Vielmehr dürfte die Zähnung der Werbemarke zusätzlich dazu gedient haben, auch ohne Erklärung zu vermitteln, dass diese auf Postkarten, Briefe oder Paketsendungen geklebt werden sollten. Hierzu diente schließlich auch die Gummierung auf ihrer Rückseite, welche sie ebenfalls von normalen Sammelbildern unterschied. Gleichzeitig wurden Werbemarken zu keiner Zeit als Wertzeichen genutzt, was sie klar von den Briefmarken und anderen Wertmarken unterscheidet. Ihr Sinn war ein rein optischer. Sie waren damit quasi die „blinden Passagiere“ der Briefmarken.

Abb. 1: Werbemarken für Wanderluststrumpffabrikate der Firma Wilhelm Dohmen (Chemnitz) anlässlich der Leipziger Löwenjagd am 19. Oktober 1913 (Quelle: Wikimedia Commons)

In ihrer Eigenschaft als postalische Werbebotschafter unterschieden sie sich auch von den durch Daniel Fischer vorgestellten eher ortstreuen Bierdeckeln. Während erstere meist in mit der darauf abgebildeten Marke verbundenen Lokalen oder an bestimmten Orten zu spezifischen Anlässen ausgegeben wurden und in Gebrauch waren, konnten Werbemarken einen ganz anderen Aktionsradius entwickeln. Zumeist erhielt man die Marken im Geschäft beim Kauf eines Produkts vom Markenbogen oder sie lagen den Produkten bei.[5] Einmal gezielt in Umlauf gebracht, verteilten sie sich mit den Postsendungen übers Land und konnten auf diese Weise auch größere Distanzen zurücklegen. Während die Nutzungsorte der Bierdeckel also mehr oder minder von den ausgebenden Entitäten kontrolliert werden konnten, war die Werbemarke auf die anarchische Verbreitung ihrer Botschaft in der Welt ausgelegt. Gleichzeitig entstanden für die Werbenden auf diese Weise neben der Produktion quasi keine Kosten, da das Porto für die Verbreitung der Werbebotschaft durch die Versendenden übernommen wurde. Außerdem wurden Werbemarken von Anfang an auch gesammelt, wofür gesonderte Alben vertrieben wurden. Die ältesten Werbemarken lassen sich bis in das Jahr 1894 zurückverfolgen.[6] Die ersten Sammelkataloge und auf Werbemarken bezüglichen Zeitschriften erschienen im Jahr 1898.[7] Eine Vorreiterrolle nahm hierbei der Leipziger Verleger Walther Fiedler (1860-1926) ein. Zugleich war das Sammeln von Werbemarken ungleich schwieriger als bei Briefmarken oder Kaufmannsbildern, da auf ihnen nur äußerst selten die zugehörige Serie abgedruckt wurde.[8] So war es Sammlerinnen und Sammlern fast unmöglich, zu ermitteln, welche Marken zu welcher Serie gehörten. Teilweise fehlte es auch schlicht am Überblick über die vorhandenen Marken. In den Sammelalben führte dies zu recht bunten Mischungen, welche auch heute noch eine Erschließung dieser Druckgrafiken in Archiven, Bibliotheken und Sammlungen erschwert. Glücklich konnte sich daher schätzen, wer keine einzelnen Marken, sondern direkt den gesamten Bogen der Reihe erhielt.

Angesichts der potenziellen Verbreitung über große Distanzen und des Zwecks der Bewerbung bestimmter Dinge kommt den auf den Werbemarken abgebildeten Motiven ein großer historischer Quellenwert zu. Weiterlesen →

Aus der Blogosphäre: Filme als zeitgeschichtliche Quellen am Beispiel von Ernst Hirsch

Mitte Juni haben wir in dieser Rubrik schon einmal auf die Sonderausstellung zum Filmemacher und -sammler Ernst Hirsch in den Technischen Sammlungen Dresden hingewiesen. Im Hypotheses-Blog Bildsehen/Bildhandeln untersucht Luise Eberspächer – Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Forschungsprojekt zu Hirsch am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) – am Beispiel von Hirschs Dokumentation “Die Frauenkirche zu Dresden” von 2010 die Rolle von Filmen als “wichtige[n] Zeitzeugen für stadtgeschichtliche und räumliche Entwicklungen”. Der Beitrag über den Wiederaufbau der Kirche verdeutlicht für sie die “Verschränkung von physischem Raum, sozialer Interaktion und symbolischer Zuschreibung ein und macht sie für die kulturwissenschaftliche Analyse zugänglich”.

Filme als zeitgeschichtliche Quellen

 

Aus der Blogosphäre: Über den Verkauf von Museumsgut in der DDR

Die Beschaffung von Devisen im Ausland gehörte in der DDR zu den wichtigsten Aktivitäten, um Handesdefizite zu begrenzen und akute Finanzbedarfe zu decken. Die dazu nötigen Unternehmungen machten auch vor dem Verkauf von Kunstgegenständen aus den Museen des Landes nicht halt. Im Hypotheses-Blog Retour fasst die Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin Barbara Bechter die Ergebnisse eines Projektes zusammen, das am Beispiel von Beständen des Dresdner Kunstgewerbemuseums und des Kupferstich-Kabinetts solche Verkäufe genauer erforscht hat:

„Es gab wiederholt Krach über den Verkauf von Museumsgut zur Devisensteigerung.“ Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Antikhandel Pirna und die Außenhandelsfirmen der DDR

Ein ausführlicher Bericht zum Projekt ist auf dem Dokumentenserver ART-Dok unter DOI 10.11588/artdok.00010104 einsehbar.

Volltextsuche auf Spuren historischer Brände und Feuerwehrbegriffe

Von Daniel Fischer und Jens Bemme

Waldbrände in Europa und weltweit lenken unseren Blick auf das ‘Feuer’ in Sammlungen digitaler Bibliotheken. Große und kleine Brandkatastrophen beschäftigen die Menschheit seit jeher und haben einen reichen historischen Wortschatz rund um Feuer, Brände und das Feuerwehrwesen hervorgebracht. Diese Vokabeln finden und spiegeln sich in überlieferten Zeitungen, Verordnungen, Berichten und vielen weiteren Quellen wider.

Dieser Blogpost lädt zu einer Entdeckungstour durch historische Begrifflichkeiten und Schreibweisen rund um das Brandwesen ein, die sich in den Volltexten von Digitalisaten aus den Digitalen Sammlungen der SLUB sowie dem Portal Sachsen.digital nachweisen lassen.

Die Gartenlaube (1864) b 733 1Oswald Faber: Leute bei der Spritze, Die Gartenlaube, 1864, Nr. 46, S. 733, via Wikimedia Commons.

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Bierdeckel im ‘Summer of Ephemera’ – kleine Pappscheiben, großer Quellenwert

Von Daniel Fischer

Man kennt sie als Bierdeckel, Bierteller oder Bierfilz – jene Pappscheiben, die als Getränkeuntersetzer vor allem in Kneipen und Restaurants ganz selbstverständlich zum Getränk gereicht werden, um Tischoberflächen vor Feuchtigkeit zu schützen. Doch auch diesem unscheinbaren Alltagsgegenstand wohnt ein bemerkenswerter Quellenwert inne: Willkommen im Summer of Ephemera.

Unter Ephemera versteht man Drucksachen und Objekte des täglichen Gebrauchs, etwa Fahr- und Eintrittskarten, Werbezettel, Verpackungen, Postkarten – und eben auch Bierdeckel. Sie werden meist in großer Stückzahl produziert, wirken auf den ersten Blick banal und sind oft nur für den kurzfristigen Gebrauch bestimmt. Gerade deshalb sind sie für die Geschichtswissenschaft so wertvoll: Sie verbinden Funktionalität mit Werbung, Design und spiegeln Alltag, Mentalitäten sowie visuelle Codes ihrer Zeit häufig unmittelbar wider.

Robert Sputh

Abb. 1: Porträt von Robert Sputh, Fotoatelier Hahn, Sebnitz, 1900.

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Aus der Blogosphäre: Lied der Töpfer, Volkslied, am Tauftage gesungen – Stadtarchivische Sammlungen im Naturalienkabinett Waldenburg

Waldenburg.

Das Historische Naturalienkabinett wurde 1845/46 in der zweiten Etage des Museums eingerichtet. (…) Die hier erlebbare Mischung ist in Deutschland einzigartig: Sie vereint die bürgerliche Gelehrten-Sammlung der Leipziger Apothekerfamilie Linck aus dem 17./18. Jh. mit einer fürstlichen Lehrsammlung des 19. Jh. Bis 1945 kamen weitere Konvolute von Naturalien und Ethnografica sowie Einzelstücke hinzu, die in die einmal gefundene Präsentation integriert wurden.

Die Stadtarchivischen Sammlungen im Naturalienkabinett Waldenburg boten im Juni Anlass für einen Archivbesuch, um Lieder und andere Dokumente einzusehen und Kooperationen auszuloten.

 Zu den Schriftstücken zählen neben Chroniken Waldenburgs auch Archivgut aus der Schönburgischen und Waldenburger Kommunalverwaltung, von diversen Vereinen und Verbänden, Tagebücher des produzierenden Gewerbes sowie Chroniken der lokalen Kirchgemeinden. Im Jahr 2017 wurde zu diesem Bestand ein Findbuch durch den Regionalforscher Michael Etzold erstellt, das hier abrufbar ist.

Ein Beitrag im Blog des Naturalienkabinetts dokumentiert den Besuch, gemeinsame Transkriptionen und Ideen.

Link zum Blogbeitrag: https://www.museum-waldenburg.de/blog/detail/ein-ausflug-nach-waldenburg

Lieder – historische Quellen

Quelle: openbiblio.social/@slubdresden, 24. Juli 2026

Aus der Blogosphäre: Migration jüdischer Frauen

Im März 2026 haben wir in unserer Rubrik “Aus der Blogosphäre” ein Interview mit Historikerin Francesca Weil vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden (HAIT) über ihre lange Verbindung mit den Beständen und Lesesälen der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig vorgestellt. Das Newsblog zu “Tacheles 2026. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen” hat unlängst ein weiteres Gespräch mit der Forscherin veröffentlicht. Hierin geht es um ihre Forschungen zur Migration jüdischer Frauen. Sie sind eingebettet in das Projekt “Aus, nach und innerhalb von Deutschland migrierte Frauen (1918–2018)”, über das wir bereits im März 2024 einen Beitrag veröffentlicht haben. Zum aktuellen Interview geht es hier:

https://tacheles.sachsen.de/tacheles-2026/newsblog/interview-francesca-weil

Schon gewusst? Wikipedia heute: Tafellied

Die Melodie eines Tafellieds sollte unter den Festgästen bekannt sein.

Diese Zeile steht heute auf der Startseite der deutschsprachigen Wikipedia unten in der Rubrik Schon gewusst?, um Neugier zu wecken.1

Der Wikipediaartikel Tafellied ist neu. Er entstand am 14. Juni2 auf Grundlage der Tafellieder in der SLUB3, Transkriptionen mit der Wikisource-Gemeinschaft4, Funden in sächsischen Archiven und Blogbeiträgen, um die Literaturgattung wieder bekannt zu machen.5 Spannend ist vor allem, was seit der Veröffentlichung mit dem Artikel passiert.

Der Artikel wurde am 20. Juni für die Startseitenrubrik Schon gewusst vorgeschlagen und erst skeptisch kommentiert. Die Herausforderung: Es gibt sehr wenig Literatur über Tafellieder, um Aussagen belegen zu können ohne grundlegend neue Forschung zu publizieren. Der Tafellied-Artikel ist gleichwohl ‘Stand der Forschung’. Denn der Text in der Wikipedia wuchs durch die Bearbeitungen und die Recherchen Dritter.6

Solche Dynamiken der Kommunikation und Wissensproduktion sind mit die wichtigsten bzw. wertvolle Wirkungen von Wikipediaartikeln für z. B. landesbibliothekarische Themen aus Sachsen. Tafellieder gab und gibt es in vielen Gegenden, was eine Suche im Archivportal-D beweist.7 Ein räumlicher Schwerpunkt der Erschließung ist seit ein paar Jahren die SLUB Dresden durch uns im Saxonica-Referat und engagierte Kolleginnen im Sächsischen Staatsarchiv.

Tafellied gesucht 1897
Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg, 1897-09-25, Nr. 224, S. 8, via Wikimedia Commons.

Ob Tafellieder in Sachsen8 tatsächlich öfter gedichtet und gesungen wurden als bspw. in Berlin, Wismar, Stuttgart9 und Thüringen10, kann man nicht einfach ableiten. Solche Fragen sind offen.

Für Grundlagenforschung fehlen uns Zeit, Auftrag und Ressourcen: Wir stehen am Anfang der Lernkurve Tafellied und am Anfang der Wissensproduktion. Neugier und Interesse können wir wecken. Die bibliografische Erschließung für die Sächsische Bibliografie läuft.

Wikipedia:

Ein Tafellied ist ein Lied, das für eine bestimmte festliche Gelegenheit gedichtet wird, um gemeinsam bei einer Liedertafel oder sonstigen Tafelrunden gesungen zu werden.11

https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tafellied&oldid=268551514

  1. De.Wikipedia: Archiv der Rubrik Schon gewusst, 06. Juli 2026, https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Hauptseite/Schon_gewusst/Archiv. [↩]
  2. Wikipedia: Tafellied, 14. Juni 2026, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tafellied&oldid=267933637. [↩]
  3. Daniel Fischer: Tafellieder sind kulturelles Erbe – Sammlung in der SLUB Dresden, Saxorum, 30. September 2025, https://doi.org/10.58079/14tm6. [↩]
  4. Wikisource.de: Tafellieder, https://de.wikisource.org/wiki/Tafellieder. [↩]
  5. Thekla Kluttig: Tafellieder – eine noch zu entdeckende Textgattung, SAXARCHIV-Blog, 16. Juni 2025, https://doi.org/10.58079/144tk. [↩]
  6. Wikipedia: Versionsgeschichte des Artikels ‘Tafellied’, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tafellied&action=history. [↩]
  7. Archivportal-D: Tafel*lied, https://www.archivportal-d.de/objekte?query=Tafel*lied [↩]
  8. Beitragsbild: Tafellied und Mundart – in „Keeniglich Säcksische Värsche“, SLUB Dresden, Hist.Sax.H.350,40.g,11 [↩]
  9. WLB Stuttgart: Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg, 1897-09-25, Nr. 224, S. 8, http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/kxp1811805795-18970925/page/8. [↩]
  10. Schulportal Thüringen: Tafellieder – Informationen, Digitalisate und Einsatzmöglichkeiten im Bildungsbereich, 2026, https://www.schulportal-thueringen.de/media/detail?tspi=18946. [↩]
  11. Günter Kempcke, Ruth Klappenbach, H. Malige-Klappenbach: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Band 5. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2022, ISBN 978-3-11-257820-9, S. 3681. [↩]

Aus der Blogosphäre: Theater, Kaufhaus, Bibliothek – die “Alte Aktienspinnerei” in Chemnitz

Das historische Gebäude der „Alten Aktienspinnerei“ in Chemnitz an der Straße der Nationen 33 beherbergt seit fünfeinhalb Jahren die Universitätsbibliothek der Technischen Universität. Es blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: 1857 bis 1859 als damals größte Spinnerei Sachsens erbaut, diente es später unter anderem als Figurentheater, Kfz-Werkstatt, Stadtbibliothek und Kaufhaus.

Um diese Geschichte(n) neu in den Blick zu nehmen, wurde 2025 im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres das Projekt „Fäden der Erinnerung“ ins Leben gerufen. Dabei wurden Videointerviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt, die im März 2026 bei einer Ergebnispräsentation vorgestellt wurden. Im Gebäude selbst weisen kleine Holzmodelle mit QR-Codes in den Bücherregalen auf die digitalen Interviews hin. Im Blog der UB Chemnitz blickt Victoria Tyrner auf das Projekt und die Präsentation zurück.

Wo „Fäden der Erinnerung“ zusammengefügt werden …Link zum Blogbeitrag: https://blog.hrz.tu-chemnitz.de/bibo/2026/06/12/wo-faeden-der-erinnerung-zusammengefuegt-werden/

Link zu den Videos: https://www.tu-chemnitz.de/ub/aktuell/veranstaltungen/faeden-der-erinnerung/