Waldbrände in Europa und weltweit lenken unseren Blick auf das ‘Feuer’ in Sammlungen digitaler Bibliotheken. Große und kleine Brandkatastrophen beschäftigen die Menschheit seit jeher und haben einen reichen historischen Wortschatz rund um Feuer, Brände und das Feuerwehrwesen hervorgebracht. Diese Vokabeln finden und spiegeln sich in überlieferten Zeitungen, Verordnungen, Berichten und vielen weiteren Quellen wider.
Man kennt sie als Bierdeckel, Bierteller oder Bierfilz – jene Pappscheiben, die als Getränkeuntersetzer vor allem in Kneipen und Restaurants ganz selbstverständlich zum Getränk gereicht werden, um Tischoberflächen vor Feuchtigkeit zu schützen. Doch auch diesem unscheinbaren Alltagsgegenstand wohnt ein bemerkenswerter Quellenwert inne: Willkommen im Summer of Ephemera.
Unter Ephemera versteht man Drucksachen und Objekte des täglichen Gebrauchs, etwa Fahr- und Eintrittskarten, Werbezettel, Verpackungen, Postkarten – und eben auch Bierdeckel. Sie werden meist in großer Stückzahl produziert, wirken auf den ersten Blick banal und sind oft nur für den kurzfristigen Gebrauch bestimmt. Gerade deshalb sind sie für die Geschichtswissenschaft so wertvoll: Sie verbinden Funktionalität mit Werbung, Design und spiegeln Alltag, Mentalitäten sowie visuelle Codes ihrer Zeit häufig unmittelbar wider.
Historisch betrachtet sind Bierdeckel eng mit Sachsen und der sächsischen Industriegeschichte verbunden.1 Die Entwicklung der heute bekannten Form geht maßgeblich auf einen sächsischen Erfinder zurück. Der Vorläufer des modernen Bierdeckels entstand im späten 19. Jahrhundert. Nachdem im Magdeburger Stadtteil Buckau seit etwa 1880 bereits Bierglasuntersetzer aus Karton hergestellt und bedruckt wurden, gelang dem aus Dresden stammenden Papierfabrikanten Robert Sputh 1892 eine tiefgreifende Weiterentwicklung. In seiner eigens errichteten Papiermühle in Sebnitz-Mittelndorf, der sogenannten Sputhmühle, entwickelte er ein Verfahren zur Herstellung von Holzfilzplatten und Holzfilzdeckeln. Dabei wurde ein Papierbrei in runde Formen gegossen und anschließend getrocknet, was im Gegensatz zu früheren Fertigungsmethoden günstiger war und Massenproduktion erlaubte. Für diese Innovation erhielt Sputh ein Patent. Die Sputhmühle blieb bis 1937 in Betrieb.
Die primäre Funktion des Bierdeckels ist offensichtlich: Er dient als Untersetzer für Getränke, schützt Tischplatten und Tischdecken vor Kondenswasser, verhindert Ränder und Abdrücke und kann außerdem als Abdeckung gegen Insekten oder Schmutz im Glas verwendet werden. Zugleich ist der Bierdeckel in aller Regel bedruckt – meist mit Werbung für Brauereien, Getränkemarken oder Veranstaltungen – und fungiert damit als kostengünstiges Werbemedium. Darüber hinaus erfüllt er situativ ganz andere Aufgaben. Bierdeckel dienen als Baumaterial für Kartenhäuser, werden mit Notizen, spontanen Ideen oder kleinen Zeichnungen versehen oder als Strichlisten für die konsumierten Getränke genutzt, um bei der Abrechnung den Überblick zu behalten [Abb. 2].
[Abb. 2] Bieruntersetzer zur 750 Jahrfeier Dresdens 1956, VEB Dresdner Felsenkeller, mit Bleistiftstrichen.
Besonders aufschlussreich ist jedoch ihre Gestaltung. Als Bildquellen geben Bierdeckel Einblicke in die Vorstellungswelten ihrer Entstehungszeit.
Werbung und Markenkommunikation: Bierdeckel werben für Produkte, Dienstleistungen oder Veranstaltungen. Logos, Schriftarten, Slogans und Bildwelten vermitteln Einblicke in Markenstrategien und das Selbstverständnis unterschiedlichster Akteur:innen – von Brauereien über selbstbewusste Kommunen bis hin zu wissenschaftlichen Konsortien. Mitunter enthalten sie auch Hinweise auf die produzierenden Betriebe, etwa Pappenwerke oder Holzpappenfabriken.
Zeitgeschichtliche Ereignisse und Erinnerungskultur: Manche Bierdeckel erinnern an Jubiläen, Unternehmensgründungen oder historische Ereignisse.
Stadt- und Landschaftsbilder: Bierdeckel zeigen Stadtansichten, historische Gebäude, Wahrzeichen oder idealisierte Ortsbilder. Sie vermitteln damit zeitgenössische Vorstellungen von lokaler Identität und kulturellem Erbe.
Symbolische und politische Botschaften: Farben, Embleme und Motive können Werte, politische Strömungen oder kollektive Identität transportieren. So symbolisierten beispielsweise Stadtwappen und -farben auf Bierdeckeln im zentralistischen Einheitsstaat DDR kommunale Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.
[Abb. 3] Bieruntersetzer zur 1000 Jahrfeier Großenhains 1954, hergestellt vom VEB Pappenwerk Großschirma Sa.
Wo finden wir Bierdeckel? Zunächst selbstverständlich in der Gastronomie, wo sie bis heute als alltägliche Gebrauchsgegenstände eingesetzt werden. Darüber hinaus sind sie beliebte Sammelobjekte und werden auf Online-Marktplätzen, Trödelmärkten oder Sammlerbörsen gehandelt. Auch in Gedächtniseinrichtungen sind sie anzutreffen. Findbucheinträge des Sächsischen Staatsarchivs, insbesondere des Staatsarchivs Leipzig, weisen Bierdeckel in verschiedenen Nachlässen nach – vermutlich als Ergebnis der Sammlungstätigkeit der Nachlassgebenden. Daneben begegnen sie sogar als Beweismittel in Gerichtsakten: So enthält eine Akte des Amtsgerichts Borna zu einem Betrugsfall aus dem Jahr 1940 den Vermerk „Bierdeckel mit gefälschten Eintragungen“. Auch digital sind historische Bierdeckel inzwischen zugänglich. Datenbanken wie museum-digital, die Deutsche Fotothek oder die Online-Findmittel der Archive machen sie recherchierbar und ermöglichen es, diese vermeintlich unscheinbaren Objekte als historische Quellen zu entdecken und zu erforschen.
[Abb. 4] Bieruntersetzer zur 800 Jahre Freiberg 1986
So zeigt sich, dass selbst ein alltäglicher Bierdeckel weit mehr sein kann als ein einfacher Getränkeuntersetzer. Wenn zum kurzlebigen Gebrauch konzipierte Alltagsgegenstände die Zeiten überdauern, bewahren sie Spuren von Konsum, Werbung, Gestaltung, gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Alltagskultur. Wer genauer hinsieht, entdeckt auf wenigen Quadratzentimetern mitunter ein überraschend dichtes Stück Zeitgeschichte.
[Abb. 6] Bieruntersetzer des NFDI-Konsortien-Verbunds Text+
‘Summer of Ephemera’ steht 2026 im Saxonica-Team der SLUB für Beiträge über vergängliche Medien und Sammelobjekte: Bierdeckel, Zettel, Plakate, Tanzkarten, Tafellieder und ähnliche Informationsträger in sächsischen Sammlungen, in institutionellen wie privaten. Uns interessiert der Wert von Ephemera für die Landeskunde: bislang unentdeckte, Forschungsfragen, blinde Flecken in Sammlungen, Erschließungsgeschichten und die Potentiale, die mit neuen Verknüpfungen und sozial-medialer Aufmerksamkeit entstehen.
(Q140779645) ist das Wikidata-Item dieses Beitrags.
Das Historische Naturalienkabinett wurde 1845/46 in der zweiten Etage des Museums eingerichtet. (…) Die hier erlebbare Mischung ist in Deutschland einzigartig: Sie vereint die bürgerliche Gelehrten-Sammlung der Leipziger Apothekerfamilie Linck aus dem 17./18. Jh. mit einer fürstlichen Lehrsammlung des 19. Jh. Bis 1945 kamen weitere Konvolute von Naturalien und Ethnografica sowie Einzelstücke hinzu, die in die einmal gefundene Präsentation integriert wurden.
Zu den Schriftstücken zählen neben Chroniken Waldenburgs auch Archivgut aus der Schönburgischen und Waldenburger Kommunalverwaltung, von diversen Vereinen und Verbänden, Tagebücher des produzierenden Gewerbes sowie Chroniken der lokalen Kirchgemeinden. Im Jahr 2017 wurde zu diesem Bestand ein Findbuch durch den Regionalforscher Michael Etzold erstellt, das hier abrufbar ist.
Die Melodie eines Tafellieds sollte unter den Festgästen bekannt sein.
Diese Zeile steht heute auf der Startseite der deutschsprachigen Wikipedia unten in der Rubrik Schon gewusst?, um Neugier zu wecken.1
Der Wikipediaartikel Tafellied ist neu. Er entstand am 14. Juni2 auf Grundlage der Tafellieder in der SLUB3, Transkriptionen mit der Wikisource-Gemeinschaft4, Funden in sächsischen Archiven und Blogbeiträgen, um die Literaturgattung wieder bekannt zu machen.5 Spannend ist vor allem, was seit der Veröffentlichung mit dem Artikel passiert.
Der Artikel wurde am 20. Juni für die Startseitenrubrik Schon gewusst vorgeschlagen und erst skeptisch kommentiert. Die Herausforderung: Es gibt sehr wenig Literatur über Tafellieder, um Aussagen belegen zu können ohne grundlegend neue Forschung zu publizieren. Der Tafellied-Artikel ist gleichwohl ‘Stand der Forschung’. Denn der Text in der Wikipedia wuchs durch die Bearbeitungen und die Recherchen Dritter.6
Solche Dynamiken der Kommunikation und Wissensproduktion sind mit die wichtigsten bzw. wertvolle Wirkungen von Wikipediaartikeln für z. B. landesbibliothekarische Themen aus Sachsen. Tafellieder gab und gibt es in vielen Gegenden, was eine Suche im Archivportal-D beweist.7 Ein räumlicher Schwerpunkt der Erschließung ist seit ein paar Jahren die SLUB Dresden durch uns im Saxonica-Referat und engagierte Kolleginnen im Sächsischen Staatsarchiv.
Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg, 1897-09-25, Nr. 224, S. 8, via Wikimedia Commons.
Ob Tafellieder in Sachsen8 tatsächlich öfter gedichtet und gesungen wurden als bspw. in Berlin, Wismar, Stuttgart9 und Thüringen10, kann man nicht einfach ableiten. Solche Fragen sind offen.
Für Grundlagenforschung fehlen uns Zeit, Auftrag und Ressourcen: Wir stehen am Anfang der Lernkurve Tafellied und am Anfang der Wissensproduktion. Neugier und Interesse können wir wecken. Die bibliografische Erschließung für die Sächsische Bibliografie läuft.
Wikipedia:
Ein Tafellied ist ein Lied, das für eine bestimmte festliche Gelegenheit gedichtet wird, um gemeinsam bei einer Liedertafel oder sonstigen Tafelrunden gesungen zu werden.11
Günter Kempcke, Ruth Klappenbach, H. Malige-Klappenbach: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Band 5. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2022, ISBN 978-3-11-257820-9, S. 3681. [↩]
Das historische Gebäude der „Alten Aktienspinnerei“ in Chemnitz an der Straße der Nationen 33 beherbergt seit fünfeinhalb Jahren die Universitätsbibliothek der Technischen Universität. Es blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: 1857 bis 1859 als damals größte Spinnerei Sachsens erbaut, diente es später unter anderem als Figurentheater, Kfz-Werkstatt, Stadtbibliothek und Kaufhaus.
Um diese Geschichte(n) neu in den Blick zu nehmen, wurde 2025 im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres das Projekt „Fäden der Erinnerung“ ins Leben gerufen. Dabei wurden Videointerviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt, die im März 2026 bei einer Ergebnispräsentation vorgestellt wurden. Im Gebäude selbst weisen kleine Holzmodelle mit QR-Codes in den Bücherregalen auf die digitalen Interviews hin. Im Blog der UB Chemnitz blickt Victoria Tyrner auf das Projekt und die Präsentation zurück.
Dass Hirschs Arbeit und Sammlung unser visuelles Gedächtnis von Dresden prägen, ist hinlänglich bekannt. […] Dabei gibt es immer noch Material, das bisher kaum in Erscheinung getreten ist, etwa die Videobänder mit Interviews von ehemaligen Dresdner Jüd:innen und Juden, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebt haben. In Ausschnitten sind sie nun in der Ausstellung zu sehen.
Die auf den ersten Blick unscheinbaren Motive von Landschaften, Städten sowie Kulturdenkmälern zielten auf identitätsstiftende Prozesse ab. Sie sollten Werte und Gefühle einer homogenen sächsischen ‘Heimat’ vermitteln. […] Dabei waren die Bildinhalte keineswegs neu: Motive von Landschaften und Sehenswürdigkeiten knüpften an bereits etablierte und immer wiederkehrende Bildästhetiken an, die sich im kulturellen Gedächtnis der sächsischen Bevölkerung gefestigt hatten.
Ende Februar haben wir mit einem Beitrag von Gabriela Brudzyńska-Němec zuletzt aus den Aktivitäten der SLUB Dresden zur Provenienzforschung berichtet. Unlängst ist nun ein neuen Forschungsprojekt gestartet: Ziel ist es, in bis Januar 2028 in 300 Fällen die rechtmäßigen Erbinnen und Erben von Verfolgten zu recherchieren, deren Bücher sich bis heute im Bestand der SLUB befinden. Die Projektmitarbeiterinnen berichten darüber im Hypotheses-Blog “Retour. Freier Blog für Provenienzforschende”:
Die Ergebisse bisheriger Projekte werden in der Reihe “Provenienzforschung in der SLUB” dokumentiert, die einzelnen Falldossiers darin auf den Dokumentenserver Qucosa veröffentlicht: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-727174.
Viele der Erschließungsdaten aus Kulturerbeeinrichtungen (in der Folge kurz GLAMs für Galleries, Libraries, Archives und Museums) sind mittlerweile maschinenlesbar verfügbar und orientieren sich – bald mehr bald weniger – an den FAIR-Prinzipien.[1]
Die tatsächliche Nachnutzbarkeit[2] ist aber nicht immer voll ausgeprägt. Zahlreiche unterschiedliche Wege des Datenabrufs, mangelnde Dokumentation, eine Vielzahl von Datenformaten – um nur einige Hemmnisse und Herausforderungen zu nennen – können die Arbeit mit GLAM-Daten erschweren. Die Daten sind zwar oft von hoher Qualität und verwenden insbesondere etablierte Vokabulare und Normdaten; bei genauerem Besehen brauchen aber auch diese qualitativ hochwertigen Daten oft noch eine gewisse Vorverarbeitung, ehe sie produktiv genutzt werden können.
So werden Normdaten oft unterschiedlich eingebunden: mit schlichten (und damit schwer maschinell auflösbaren) IDs, mit falschen URIs[3] etc. Es muss also vor einer Weiterverarbeitung erst eine Harmonisierung der Daten erfolgen. Vor der Verarbeitung an sich müssen zudem relevante Daten erst lokal individuell zusammengetragen werden. Die Korpusbildung geht also der Nutzung voraus.
Die Überführung von GLAM-Daten in Linked Open Data (LOD), d.h. die Integration von GLAM-Daten in einen sog. Wissensgraphen kann einige der skizzierten Hürden absenken. LOD sind offen, maximal verknüpft, maschinenlesbar und hoch interoperabel. Verschiedene LOD-Bestände lassen sich über eine sog. Föderation im Verbund abfragen, sodass – so zumindest die Idee – einer Silo-Bildung entgegengewirkt wird.
Das besondere Potential von LOD ist im Kulturerbesektor längst erkannt, wie die Bemühungen der einschlägigen NFDI-Konsortien demonstrieren.[4] Viele dieser Wissensgraphen entwickeln eine eigene Ontologie, die die möglichen Beziehungen zwischen den verschiedenen enthaltenen Entitäten definieren. Es mag hierfür überzeugende inhaltliche Gründe geben, eine optimale Nachnutzbarkeit profitiert jedoch von einem möglichst einheitlichen Datenmodell und einer mehr oder minder zentralisierten Infrastruktur.
In seinem Hypotheses-Blog “Bienengeschichte” untersucht Max Grund eine Sage aus der Sächsischen Schweiz mit Blick auf Ihren Quellenwert für die Geschichte der Waldbienenhaltung im Elbsandsteingebirge. Demnach sei ein ortansässiger Ritter aufgrund eines Angriffs durch einen Bienenschwarm aus einem Fenster zu Tode gestürzt. Das Fazit:
Es kann […] als durchaus wahrscheinlich bezeichnet werden, dass die Sage um die Honigsteine wie auch deren Name auf die Zeidlerei um Rathen zurückgeht. Urkundliche Beweise hierfür lassen sich jedoch leider nicht finden, da sich quasi keine Aufzeichnungen über das Rathen jener Zeit erhalten haben. Im einschlägigen Hohnsteiner Amtserbbuch des frühen 16. Jahrhunderts finden sich für Rathen keine Honigzinsen, wohl aber für andere Orte in der Sächsischen Schweiz. Auszuschließen ist sie für das Spätmittelalter deshalb jedoch keineswegs, da auch in Rathen die Holznutzung bereits in die Seitentäler der Elbe ausgegriffen hatte und mögliche Nebennutzungen möglicherweise verdrängte.
In meiner Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München untersuche ich vier Fälle, in denen Frauen aus der Dynastie Wettin (welche die sächsischen Herzogtümer und die Kurwürde innehatte) mit Ehebruchvorwürfen konfrontiert waren. Von diesen vier Frauen erreichte nur Elisabeth von Sachsen (1502–1557) die Rehabilitation und konnte sich unbeschadet auf ihren Witwensitz zurückziehen. Die anderen drei hatten weniger Glück: Sie wurden bis zum Ende ihres Lebens auf entlegenen Burgen und Klöstern gefangengesetzt. Anna von Oranien (1544–1577) und Anna von Sachsen-Coburg (1567–1613) mussten hinnehmen, dass ihr Ehegatte sich von ihnen scheiden ließ und neu heiratete. Elisabeth von Pfalz-Simmern (1552–1590) wiederum verstarb nach nur sechsmonatiger Haft unter ungeklärten, aber verdächtigen Umständen. Es ist nicht auszuschließen, dass sie im Auftrag ihres Gatten vergiftet wurde, wie einige Zeitgenossen glaubten. Mit meiner Dissertation möchte ich zu einem besseren Verständnis dazu beitragen, wie Familienehre, Dynastiepolitik und konfessionelle Abhängigkeiten in protestantischen Fürstentümern gegeneinander abgewogen wurden.
Anna von Sachsen (1544–1577), Porträt von Anthonis Mor, 1560er Jahre (Muzeum Narodowe we Wrocławiu/Nationalmuseum Wrocław, VIII-720, via Wikimedia Commons)
Die weibliche Untreue in einer mit Herrschaftsrechten ausgestatteten Familie zog immer die Legitimität der Erbfolge in Frage und destabilisierte dadurch direkt die dynastische Herrschaft. Politische Feinde konnten diese Situation nutzen, um eigene Ansprüche durchzusetzen. Nichtsdestotrotz waren dem adligen Ehemann im Mittelalter insofern die Hände gebunden, als Ehebruch keine Annullierung einer Ehe legitimierte – er konnte seine Frau zwar verstoßen, blieb aber dennoch bis zum Ende seines Lebens nach lateinischem Kirchenrecht mit ihr verehelicht. Im Zeitalter der Reformation trat jedoch eine neue Situation ein. Mit der Verweltlichung der Ehe wurde für protestantische Fürsten eine Scheidung mit Option auf Wiederheirat möglich. Außerdem übernahm der Landesherr in Ermangelung einer ausdifferenzierten und funktionsfähigen protestantischen Geistlichkeit das Kirchenregiment. Theoretisch konnte sich daher ein protestantischer Fürst, dessen Frau mutmaßlich Ehebruch begangen hatte, selbst von ihr scheiden. Dies eröffnete natürlich auch die Möglichkeit, bestehende Gerüchte gegen die Ehefrau zu instrumentalisieren, um sich ihrer zu entledigen. Andererseits riskierte der Fürst damit aber nicht nur den Konflikt mit der Schwiegerfamilie, sondern auch das öffentliche Bekanntwerden des Vorfalls. Wenn eine Ehefrau im Verdacht stand, außereheliche sexuelle Kontakte zu unterhalten, sagte dies schließlich auch etwas über den „gehörnten“ Ehemann aus. Er hatte die patriarchalische Kontrolle verloren, war nicht in der Lage, seine Frau im Zaum zu halten und dementsprechend der Lächerlichkeit preisgegeben. Wie navigierten Akteure im 16. Jahrhundert diesen Zielkonflikt?
Im Blog Mimeo des Leipziger Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow befasst sich Georg Seltmann mit der Geschichte des Schocken-Konzerns, der auf ein 1901 in Zwickau eröffnetes Warenhaus zurückgeht. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die 1926 erfolgte Eröffnung des Schocken-Kaufhauses in Nürnberg, das anlässlich des 25-jährigen Konzernjubiläums von Architekten Erich Mendelsohn entworfen wurde, der auf die Niederlassungen des Konzerns in Chemnitz und Stuttgart plante. Während der Neubau für Mendelsohn und den Inhaber Salman Schocken ein erfolgreiches Sinnbild für fortschrittliche Zweckmäßigkeit und moderne Gestaltungskraft war und sich bei der Nürnberger Bevölkerung rasch großer Beliebtheit erfreute, wurde das Warenhaus zeitgleich zur zentralen Projektionsfläche antisemitischer Hetze. Insbesondere die von Julius Streicher herausgegebene Zeitschrift Der Stürmer nutzte das Kaufhaus und dessen moderne Architektur, um durch Artikel, Karikaturen und Gedichte ein radikal antisemitisches, christlich-jüdisch dualistisches Weltbild zu propagieren und gegen die angebliche “jüdische Hochfinanz” zu hetzen. Angesichts der nach 1933 zunehmend aggressiveren Bedrohungslage und der drohenden Enteignungen sah sich Salman Schocken zur Emigration nach Palästina gezwungen, von wo aus er sein unternehmerisches Wirken, soweit wie möglich, fortführte.
Kaufhaus Schocken in Nürnberg, ca. 1930 (Bildarchiv Foto Marburg, Fotokonvolut: Archiv Dr. Franz Stoedtner via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0)
Vor anderthalb Jahrhunderten veränderte der Staat mit der Einführung der Zivilehe und der flächendeckenden Beurkundung des Personenstandes die Erfassung von Lebenswegen grundlegend. Anlässlich dieses Jubiläums möchten wir Wissenschaft, Archivwesen, Genealogie und Citizen Science zusammenbringen, um die historische Entwicklung der Standesämter sowie klassische und moderne Auswertungs- und Nutzungsmöglichkeiten ihrer Quellenbestände zu beleuchten.
LEBENS|DATEN. Staatliches Register – genealogische Ressource – kollektives Gedächtnis: 150 Jahre Standesämter in Sachsen
Wann? Freitag & Sonnabend, 5. & 6. Juni 2026 Wo? SLUB-Zentralbibliothek (Dresden, Zellescher Weg 18)
Unsere Tagung schlägt den Bogen von den Anfängen der Standesämter bis hin in die Gegenwart:
Aufbruch & Herausforderungen
In den Blick werden zunächst die historisch-politischen Rahmenbedingungen und administrativen Hürden genommen, unter denen Zivilehe und staatliches Personenstandswesen eingeführt wurden.
Epochen & Zäsuren
Die Vorträge verfolgen außerdem deren Entwicklung durch verschiedene historische Epochen – wie die Instrumentalisierung im Dritten Reich – und betrachten den Wandel von Grundpfeilern wie Ehe- und Namensrecht.
Forschung & Methoden
Von der traditionellen genealogischen Recherche bis hin zu modernen, datengestützten Analysen sollen Möglichkeiten der Erschließung und Auswertung betrachtet und das enorme Potenzial dieses Quellenschatzes neu ausgelotet werden.
Ein detailliertes Programm sowie Informationen zur Anmeldung und zu einem vorbereitenden Workshop folgen in Kürze.