Bierdeckel im ‘Summer of Ephemera’ – kleine Pappscheiben, großer Quellenwert

Von Daniel Fischer

Man kennt sie als Bierdeckel, Bierteller oder Bierfilz – jene Pappscheiben, die als Getränkeuntersetzer vor allem in Kneipen und Restaurants ganz selbstverständlich zum Getränk gereicht werden, um Tischoberflächen vor Feuchtigkeit zu schützen. Doch auch diesem unscheinbaren Alltagsgegenstand wohnt ein bemerkenswerter Quellenwert inne: Willkommen im Summer of Ephemera.

Unter Ephemera versteht man Drucksachen und Objekte des täglichen Gebrauchs, etwa Fahr- und Eintrittskarten, Werbezettel, Verpackungen, Postkarten – und eben auch Bierdeckel. Sie werden meist in großer Stückzahl produziert, wirken auf den ersten Blick banal und sind oft nur für den kurzfristigen Gebrauch bestimmt. Gerade deshalb sind sie für die Geschichtswissenschaft so wertvoll: Sie verbinden Funktionalität mit Werbung, Design und spiegeln Alltag, Mentalitäten sowie visuelle Codes ihrer Zeit häufig unmittelbar wider.

Robert Sputh
[Abb. 1] Porträt von Robert Sputh, Fotoatelier Hahn, Sebnitz, 1900.

Historisch betrachtet sind Bierdeckel eng mit Sachsen und der sächsischen Industriegeschichte verbunden.1 Die Entwicklung der heute bekannten Form geht maßgeblich auf einen sächsischen Erfinder zurück. Der Vorläufer des modernen Bierdeckels entstand im späten 19. Jahrhundert. Nachdem im Magdeburger Stadtteil Buckau seit etwa 1880 bereits Bierglasuntersetzer aus Karton hergestellt und bedruckt wurden, gelang dem aus Dresden stammenden Papierfabrikanten Robert Sputh 1892 eine tiefgreifende Weiterentwicklung. In seiner eigens errichteten Papiermühle in Sebnitz-Mittelndorf, der sogenannten Sputhmühle, entwickelte er ein Verfahren zur Herstellung von Holzfilzplatten und Holzfilzdeckeln. Dabei wurde ein Papierbrei in runde Formen gegossen und anschließend getrocknet, was im Gegensatz zu früheren Fertigungsmethoden günstiger war und Massenproduktion erlaubte. Für diese Innovation erhielt Sputh ein Patent. Die Sputhmühle blieb bis 1937 in Betrieb.

Die primäre Funktion des Bierdeckels ist offensichtlich: Er dient als Untersetzer für Getränke, schützt Tischplatten und Tischdecken vor Kondenswasser, verhindert Ränder und Abdrücke und kann außerdem als Abdeckung gegen Insekten oder Schmutz im Glas verwendet werden. Zugleich ist der Bierdeckel in aller Regel bedruckt – meist mit Werbung für Brauereien, Getränkemarken oder Veranstaltungen – und fungiert damit als kostengünstiges Werbemedium. Darüber hinaus erfüllt er situativ ganz andere Aufgaben. Bierdeckel dienen als Baumaterial für Kartenhäuser, werden mit Notizen, spontanen Ideen oder kleinen Zeichnungen versehen oder als Strichlisten für die konsumierten Getränke genutzt, um bei der Abrechnung den Überblick zu behalten [Abb. 2].

Bieruntersetzer 750 Jahre Dresden 1956, VEB Dresdner Felsenkeller
[Abb. 2] Bieruntersetzer zur 750 Jahrfeier Dresdens 1956, VEB Dresdner Felsenkeller, mit Bleistiftstrichen.

Besonders aufschlussreich ist jedoch ihre Gestaltung. Als Bildquellen geben Bierdeckel Einblicke in die Vorstellungswelten ihrer Entstehungszeit.

  • Werbung und Markenkommunikation: Bierdeckel werben für Produkte, Dienstleistungen oder Veranstaltungen. Logos, Schriftarten, Slogans und Bildwelten vermitteln Einblicke in Markenstrategien und das Selbstverständnis unterschiedlichster Akteur:innen – von Brauereien über selbstbewusste Kommunen bis hin zu wissenschaftlichen Konsortien. Mitunter enthalten sie auch Hinweise auf die produzierenden Betriebe, etwa Pappenwerke oder Holzpappenfabriken.
  • Zeitgeschichtliche Ereignisse und Erinnerungskultur: Manche Bierdeckel erinnern an Jubiläen, Unternehmensgründungen oder historische Ereignisse.
  • Stadt- und Landschaftsbilder: Bierdeckel zeigen Stadtansichten, historische Gebäude, Wahrzeichen oder idealisierte Ortsbilder. Sie vermitteln damit zeitgenössische Vorstellungen von lokaler Identität und kulturellem Erbe.
  • Symbolische und politische Botschaften: Farben, Embleme und Motive können Werte, politische Strömungen oder kollektive Identität transportieren. So symbolisierten beispielsweise Stadtwappen und -farben auf Bierdeckeln im zentralistischen Einheitsstaat DDR kommunale Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.
[Abb. 3] Bieruntersetzer zur 1000 Jahrfeier Großenhains 1954, hergestellt vom VEB Pappenwerk Großschirma Sa.

Wo finden wir Bierdeckel? Zunächst selbstverständlich in der Gastronomie, wo sie bis heute als alltägliche Gebrauchsgegenstände eingesetzt werden. Darüber hinaus sind sie beliebte Sammelobjekte und werden auf Online-Marktplätzen, Trödelmärkten oder Sammlerbörsen gehandelt. Auch in Gedächtniseinrichtungen sind sie anzutreffen. Findbucheinträge des Sächsischen Staatsarchivs, insbesondere des Staatsarchivs Leipzig, weisen Bierdeckel in verschiedenen Nachlässen nach – vermutlich als Ergebnis der Sammlungstätigkeit der Nachlassgebenden. Daneben begegnen sie sogar als Beweismittel in Gerichtsakten: So enthält eine Akte des Amtsgerichts Borna zu einem Betrugsfall aus dem Jahr 1940 den Vermerk „Bierdeckel mit gefälschten Eintragungen“. Auch digital sind historische Bierdeckel inzwischen zugänglich. Datenbanken wie museum-digital, die Deutsche Fotothek oder die Online-Findmittel der Archive machen sie recherchierbar und ermöglichen es, diese vermeintlich unscheinbaren Objekte als historische Quellen zu entdecken und zu erforschen.

[Abb. 4] Bieruntersetzer zur 800 Jahre Freiberg 1986

So zeigt sich, dass selbst ein alltäglicher Bierdeckel weit mehr sein kann als ein einfacher Getränkeuntersetzer. Wenn zum kurzlebigen Gebrauch konzipierte Alltagsgegenstände die Zeiten überdauern, bewahren sie Spuren von Konsum, Werbung, Gestaltung, gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Alltagskultur. Wer genauer hinsieht, entdeckt auf wenigen Quadratzentimetern mitunter ein überraschend dichtes Stück Zeitgeschichte.

[Abb. 6] Bieruntersetzer des NFDI-Konsortien-Verbunds Text+

Autor

Dr. Daniel Fischer studierte Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften in Dresden. 2020 wurde er an der Technischen Universität Dresden promoviert. Derzeit arbeitet er als bibliothekarischer Mitarbeiter im Referat Saxonica und Kartensammlung der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.

Publikationen von Daniel Fischer in der Sächsischen Bibliografie


‘Summer of Ephemera’ steht 2026 im Saxonica-Team der SLUB für Beiträge über vergängliche Medien und Sammelobjekte: Bierdeckel, Zettel, Plakate, Tanzkarten, Tafellieder und ähnliche Informationsträger in sächsischen Sammlungen, in institutionellen wie privaten. Uns interessiert der Wert von Ephemera für die Landeskunde: bislang unentdeckte, Forschungsfragen, blinde Flecken in Sammlungen, Erschließungsgeschichten und die Potentiale, die mit neuen Verknüpfungen und sozial-medialer Aufmerksamkeit entstehen.

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  1. Vgl. Gunter Vogel/Bernd Hoffmann: Der „Bierkenner“ erinnert an 115 Jahre „Bierglasuntersetzer“, 125 Jahre Sputhmühle. In: Der Bierkenner 16 (2007), S. 10-12. []

„Dicke Luft“ im Zschopautal: Ausstellung befasst sich mit dem Nebeneinander von Burg Kriebstein und Papierfabrik Kübler & Niethammer

Von Martin Munke

Die Gleichzeitigkeit von „Altem“ und „Neuem“ ist ein typisches Moment des Industrialisierungszeitalters. Bisweilen ist dieses Nebeneinander ganz wörtlich zu verstehen. Das gilt besonders für ländliche Regionen, die zunehmend von Industrialisierungsprozessen betroffen waren und wo sich in Sachsen regelrechte Industriedörfer herausbildeten.[1] Ein Beispiel ist die Situation der ab dem 14. Jahrhundert errichteten Burg Kriebstein im Zschopautal, in deren unmittelbarer Nähe in den 1850ern eine Papierfabrik gebaut wurde. Die Auswirkungen dieser Nachbarschaft werden aktuell in einer Kabinettausstellung des Museums auf der Burg mit dem Titel „Dicke Luft. Burg Kriebstein und die Papierfabrik 1856–1945“ nachgezeichnet.

Rudolf Zimmermann: Schloss Kriebstein von Südwesten und Papierfabrik von Niethammer, 1926 (SLUB/Deutsche Fotothek, Public Domain)

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