Das verschwundene jüdische Leipzig. Digitale Wiederentdeckung von Orten jüdischer Religionsausübung in Leipzig

Von Erik Fuhrken

Einführung

Wer heute durch Leipzig geht, wird nur an wenigen Orten auf Hinweise auf jüdisches Leben stoßen. Schnell entsteht der Eindruck, die jüdische Gemeinde habe in der Stadt nie eine bedeutende Rolle gespielt. So zählte die Leipziger jüdische Gemeinde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weniger als 30 Mitglieder (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Erst bis 2023 konnte die Gemeinde wieder auf über 1.200 Gemeindemitglieder anwachsen und ist damit heute die größte jüdische Gemeinde Ostdeutschlands (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 37).

Das besonders einschneidende Ereignis im Nationalsozialismus hinsichtlich der räumlichen Präsenz von Jüdinnen und Juden sind die Pogromereignisse vom 9. November 1938 (Ristau 2018). Mit der Verwüstung und Entweihung jüdischer Synagogen und Gebetshäuser sowie der anschließenden Schließung dieser Einrichtungen wurde das religiöse Leben der Gemeinde dauerhaft zerstört (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Insgesamt sind die Zerstörung von mindestens drei Synagogen, vier Bethäusern, einer Friedhofskapelle sowie die Niederbrennung der beiden großen Synagogen in der Gottschedstraße (Abb. 1) und Otto-Schill-Straße belegt (Trautmann 2024: 42). In dem folgenden Beitrag will ich mittels einer digitalen Rekonstruktion herausfinden, wie sichtbar jüdisches Leben vor 1938 wirklich war und inwiefern die jüdische Gemeinde die Stadt Leipzig räumlich prägte. War Leipzig vor dem Nationalsozialismus also nur eine Stadt mit einer kleinen jüdischen Minderheit oder ist dieser Eindruck vor allem das Ergebnis der Zerstörung und des Vergessens?

Abb. 1: Synagoge in der Gottschedstraße, Ansicht von Nordosten. Stich von Alfred Krauße nach einer Zeichnung von Adolf Eltzner, 1850 (Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Kupferstich-Kabinett via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit der Georeferenzierung der einzelnen Orte der Religionsausübung kann die religiöse Vielfalt Leipzigs vor der Reichspogromnacht gezeigt werden. Unter Orten der Religionsausübung können Betstuben in Privatwohnungen verstanden werden, Betstuben einzelner jüdischer Vereine, Synagogen oder von jüdischen Vereinen betriebene Ritualbäder. Darüber hinaus soll die räumliche Darstellung verdeutlichen, wie sich die jüdische Gemeinde im Laufe der Zeit entwickelte und wuchs. Dies geschieht durch eine farbliche Kennzeichnung der Orte nach ihrem Gründungszeitraum. Abschließend sollen alle Orte der Religionsausübung auf einem historischen Stadtplan der Stadt Leipzig projiziert und dargestellt werden. Weiterlesen →

Alles auf Anfang? Gedanken zu Flucht, Exil und Emanzipation jüdischer Künstlerinnen und Akademikerinnen im Zuge der NS-Herrschaft

Von Anne Olsen und Georg Langenberg

Frauen, die sich in den 1920er Jahren ein hohes Maß an Eigenständigkeit erarbeitet hatten, wurden durch Flucht und Exil in eine prekäre Lage versetzt: Ihre bislang erreichten Freiheiten ließen sich unter den neuen Lebensbedingungen nicht ohne Weiteres aufrechterhalten. In ihrem Streben nach Selbstbestimmung standen sie mitunter wieder am Anfang. Diese Problemstellung bildet den Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit jüdischen Akademikerinnen und Künstlerinnen, die vor dem NS-Regime fliehen mussten. Der Verlust beruflicher Netzwerke sowie sozialer und finanzieller Sicherheit konnte ihre Handlungsspielräume erheblich einschränken. Wie tiefgreifend die damit einhergehenden biografischen Brüche waren, unterschied sich jedoch von Frau zu Frau. Bereits erreichte Formen der Emanzipation mussten unter den veränderten Lebensbedingungen des Exils neu behauptet und ausgehandelt werden.

Abb. 1: Jüdische geflüchtete Österreicherin bei ihrer Ankunft in Harwich, 12. Dezember 1938. Quelle: National Archives and Records Administration, College Park, MD, Source Record ID: 306-NT-648-F-2, Public Domain.

In der deutschsprachigen Forschung zur Flucht jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen nehmen die Perspektiven betroffener Frauen bisher noch zu wenig Raum ein, insbesondere im Hinblick auf Emanzipations- und Emotionserfahrungen. Dabei ermöglichen ihre Biografien Einblicke in vielschichtige Lebensgeschichten, die von Hoffnung, Mut und Selbstbehauptung, aber auch von Verlust, Sehnsucht und Rückschlägen geprägt waren. Diesem Desiderat widmet sich das Forschungsvorhaben „Weibliche Emanzipation, Migration und Traditionen – Das Beispiel geflüchteter jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen (1933–1945)“ von Francesca Weil. Es geht der Frage nach, wie sich biografische Brüche durch Flucht und Exil konkret auf die Emanzipation dieser Frauen auswirkten. Im Rahmen unserer Mitarbeit an dem Projekt widmen wir uns der biographischen Recherche zu einzelnen Frauen. Dabei wurde uns schnell und eindrücklich bewusst, wie vielfältig diese Erfahrungen das soziale und berufliche Leben sowie die individuellen Emanzipationsprozesse prägten. Der vorliegende Beitrag stellt auf der Grundlage der einschlägigen biografischen Literatur diese Vielfalt exemplarisch anhand von sechs Frauen und ihren Lebensgeschichten dar, darunter auch Gerda Taro, die in Leipzig in antifaschistischen Kreisen politisiert wurde, und die Dresdnerin Lea Grundig. Ein abschließender Vergleich macht sichtbar, wie unterschiedlich sie mit dem Verlust ihrer Ausgangspositionen vor der Flucht umgingen. Weiterlesen →

Aus der Blogosphäre: Propagandafotografien des Heimatwerks Sachsen

Wie sich Fotografien als “zentrales und besonders wirkungsvolles Medium” der NS-Propagande nutzen ließen, zeigt Christoph Sauer in einem Beitrag im Hypotheses-Blog “Bildsehen / Bildhandeln. Akteur:innen und Praktiken der Alltags- und Amateurfotografie”. Darin untersucht er die Sammlung “Bildstelle Heimatwerk Sachsen” im Bildarchiv des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV). Ein zentraler Befund:

Die auf den ersten Blick unscheinbaren Motive von Landschaften, Städten sowie Kulturdenkmälern zielten auf identitätsstiftende Prozesse ab. Sie sollten Werte und Gefühle einer homogenen sächsischen ‘Heimat’ vermitteln. […] Dabei waren die Bildinhalte keineswegs neu: Motive von Landschaften und Sehenswürdigkeiten knüpften an bereits etablierte und immer wiederkehrende Bildästhetiken an, die sich im kulturellen Gedächtnis der sächsischen Bevölkerung gefestigt hatten.

Der schöne Schein

Aus der Blogosphäre: Das Kaufhaus Schocken in Nürnberg als “Projektionsfläche der Hetze”

Im Blog Mimeo des Leipziger Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow befasst sich Georg Seltmann mit der Geschichte des Schocken-Konzerns, der auf ein 1901 in Zwickau eröffnetes Warenhaus zurückgeht. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die 1926 erfolgte Eröffnung des Schocken-Kaufhauses in Nürnberg, das anlässlich des 25-jährigen Konzernjubiläums von Architekten Erich Mendelsohn entworfen wurde, der auf die Niederlassungen des Konzerns in Chemnitz und Stuttgart plante. Während der Neubau für Mendelsohn und den Inhaber Salman Schocken ein erfolgreiches Sinnbild für fortschrittliche Zweckmäßigkeit und moderne Gestaltungskraft war und sich bei der Nürnberger Bevölkerung rasch großer Beliebtheit erfreute, wurde das Warenhaus zeitgleich zur zentralen Projektionsfläche antisemitischer Hetze. Insbesondere die von Julius Streicher herausgegebene Zeitschrift Der Stürmer nutzte das Kaufhaus und dessen moderne Architektur, um durch Artikel, Karikaturen und Gedichte ein radikal antisemitisches, christlich-jüdisch dualistisches Weltbild zu propagieren und gegen die angebliche “jüdische Hochfinanz” zu hetzen. Angesichts der nach 1933 zunehmend aggressiveren Bedrohungslage und der drohenden Enteignungen sah sich Salman Schocken zur Emigration nach Palästina gezwungen, von wo aus er sein unternehmerisches Wirken, soweit wie möglich, fortführte.

Weiterlesen hier: https://mimeo.dubnow.de/projektionsflaeche-der-hetze

Kaufhaus Schocken in Nürnberg, ca. 1930 (Bildarchiv Foto Marburg, Fotokonvolut: Archiv Dr. Franz Stoedtner via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Wie der sächsische Anstaltspsychiater Hermann Paul Nitsche zum Täter während der NS-„Euthanasie“ wurde

Von Judith Marie Nitschke

Menschen- und Freiheitsrechte gelten als selbstverständlich – doch das sind sie weder heute, noch waren sie es vor über 90 Jahren. Fast ein Jahrhundert nach den „Euthanasie“-Verbrechen fehlt es in der deutschen Gesellschaft vielfach noch immer an einem umfassenden Bewusstsein und einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. So gilt es sich bewusst zu machen, dass politische Umbrüche, die Krisen hervorrufen, Radikalisierungsstrukturen fördern. Einen Teil der Aufarbeitung hierfür können Täterbiografien leisten, wofür ich im Folgenden ein Beispiel vorstellen möchte: den Lebensweg des Psychiaters Hermann Paul Nitsche (1876–1948) (Abb. 1).

Abb. 1: Porträt von Hermann Paul Nitsche. Quelle: Roemer, Hans/Rüdin, Ernst: Herrn Obermedizinalrat Professor Dr. Paul Nitsche zum 60. Geburtstag. In: Zeitschrift für psychische Hygiene 9 (1936), S. 129 (gemeinfrei)

Anstaltspsychiater und -direktoren sowie Leiter psychiatrischer Forschungsanstalten oder universitärer Abteilungen tragen Verantwortung für die Verbrechen an nahezu 200.000 psychisch kranken und behinderten Anstaltspatientinnen und -patienten während des Nationalsozialismus. Täterbiografien der Beteiligten an der nationalsozialistischen „Euthanasie“ rekonstruieren die Radikalisierungsprozesse von medizinischen Akteuren der Zeit und wenden sich einem individuellen Akteur aus der Täterperspektive zu. Ziel dieser biografisch orientierten Forschung ist es, einzuordnen, wie und unter welchen Bedingungen – also Strukturen, Motiven und individuellen Handlungsspielräumen – Menschen eine Täterkarriere einschlugen. Damit leistet dieser Ansatz einen mikrohistorischen Beitrag im großen Kontext der Täterforschung.

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Aus der Blogosphäre: Neue Perspektiven für Personenrecherchen zum HASAG-Komplex

Bereits vor längerer Zeit haben wir im Blog das Forschungsprojekt zu Unternehmenskultur, Zwangsarbeit und Judenmord beim Leipziger Rüstungskonzern HASAG vorgestellt. Im jüngsten Beitrag auf seinem eigenen Blog erläutert Martin Clemens Winter die Möglichkeiten für seine Forschung, die sich durch die vollständige digitale Veröffentlichung der mikroverfilmten NSDAP-Zentralkartei sowie -Ortsgruppenkartei durch die US-amerikanische National Archives and Records Administration ergeben:

Perspektivisch kann die Auswertung der NSDAP-Mitgliederkartei über eine Sammlung von Einzelfällen hinaus helfen, weitere Einblicke in die politischen Verhältnisse innerhalb des größten sächsischen Rüstungskonzerns im „Dritten Reich“ zu gewinnen. […] Auch hinsichtlich des Einsatzes von HASAG-Angehörigen in den Zweigwerken im besetzten Polen werden durch die Auswertung der NSDAP-Karteien nicht nur zahlreiche neue Namen bekannt, sondern es können auch Bezüge zwischen Parteimitgliedschaft und Führungspositionen in der Betriebshierarchie untersucht werden. Außerdem wäre denkbar zu prüfen, wie sich die Parteimitglieder im Hinblick auf das Beschäftigungsverhältnis etwa auf Arbeiter:innen und Angestellte aufteilen, um weitere Einblicke in die soziale Struktur der HASAG zu erhalten.

Die Beteiligung an NS-Verbrechen bei der HASAG war keineswegs an eine Mitgliedschaft in der NSDAP geknüpft. Auch zahlreiche Männer und Frauen, die der Partei nicht angehörten, waren darin involviert. Angesichts der eklatanten Überlieferungslücke zur deutschen Belegschaft bietet die Veröffentlichung der NSDAP-Karteien nun die Möglichkeit, mit den Parteimitgliedern im Unternehmen zumindest ein konkretes und wesentliches Segment der „Betriebsgemeinschaft“ des Leipziger Rüstungskonzerns genauer in den Blick zu nehmen.

 

Millionen neue Puzzleteile: Die HASAG in den Karteien der NSDAP

Spuren der Vernichtung, Spuren des Lebens: Bücher aus dem südpolnischen Tarnów der Vorkriegszeit in der SLUB Dresden

Ein Beitrag zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust von Gabriela Brudzyńska-Němec1

Tarnów und Oświęcim – Oshpitzin und Tarne

Oświęcim war in der Vorkriegszeit eine typische polnische Kleinstadt im Süden des Landes; von den rund 12.000 Einwohnern war mehr als die Hälfte jüdisch. Nicht anders war es in der galizischen Großstadt Tarnów. Dort zählte man 1939 etwa 40.000 Einwohner und etwa die Hälfte gehörte zur jüdischen Bevölkerung. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts war sie Teil der Stadtgesellschaft, über Generationen hinweg verwurzelt im Alltag.

Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 durch das nationalsozialistische Deutschland und parallel durch die Sowjetunion annektierte das Deutsche Reich bereits im Oktober große Teile des Landes. Oświęcim wurde unmittelbar eingegliedert und in Auschwitz umbenannt, während Tarnów zum von den deutschen Besatzern errichteten Generalgouvernement gehörte.

In Oshpitzin und Tarne, wie Oświęcim und Tarnów auf Jiddisch hießen, endete 1939 das gewohnte Leben abrupt. Es wurde von da an untrennbar Teil der Geschichte der Shoah.

Der erste Transport nach Auschwitz im Juni 1940

Ab 1940 errichteten die Nationalsozialisten in Oświęcim ein Konzentrationslager. Es diente zunächst zur Inhaftierung politischer Gefangener aus dem besetzten Polen. Zwischen 1942 und 1944 entwickelte sich Auschwitz-Birkenau zum größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Bis Januar 1945 wurden dort über eine Million Menschen ermordet, darunter 960.000 Angehörige der jüdischen Bevölkerung aus ganz Europa. Unter den Opfern befanden sich zudem zehntausende Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene sowie Angehörige anderer Nationalitäten.

Ausgerechnet von Tarnów aus brach am 14. Juni 1940 der erste Transport mit politischen Häftlingen in Richtung Auschwitz auf (Abb. 1). Die 728 Männer wurden zuvor im Gebäude der Mikwe, dem jüdischen Ritualbad, zusammengetrieben, das die Deutschen zu einem provisorischen Gefängnis umfunktioniert hatten. Unter den Gefangenen befanden sich auch einige jüdische Intellektuelle.

Güterrampe am Bahnhof Tarnów, 14. Juni 1940

Abb. 1: Gefangene werden auf Waggons verladen. Güterrampe am Bahnhof Tarnów, 14. Juni 1940 (via Wikimedia Commons)

Als am 27. Januar 1945 die Soldaten der 60. Armee des I. Ukrainischen Front der Roten Armee den Lagerkomplex Auschwitz‑Birkenau erreichten, konnten sie noch etwa 7.000 kranke und erschöpfte Überlebende befreien. Der Tag der Befreiung wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt und 2005 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ausgerufen.

An der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) ist dieser Tag in besonderer Weise mit der Arbeit der Provenienzforschung verbunden. Die in den Sammlungen aufgefundenen Bücher, die während der NS-Zeit auf unterschiedlichen Wegen geraubt wurden, zeugen unmittelbar vom Leid der Verfolgten und von den Verbrechen des NS-Regimes. Zugleich bewahren sie bleibende Spuren ihrer einstigen Eigentümer. Alte Stempel, Notizen und Widmungen auf den brüchigen Seiten sind dabei oft die letzten greifbaren Zeugnisse. In drei Fällen aus dem SLUB-Bestand führen die auf NS-Raubgut hinweisen Provenienzspuren direkt nach Tarnów:

Heinrich Margulies: Kritik des Zionismus, Band 1, Wien 1920, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1120405300

Jakob Oettinger: Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, Den Haag 1916, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1120440653

Joseph Braun: Handbuch der Paramentik, Freiburg im Breisgau 1912, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1117226883

Folgen wir diesen Spuren …

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  1. Eine gekürzte Version des Beitrags erschien unter dem Titel „Wege der Erinnerung zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Bücher aus Tarnów in der SLUB“ am 26. Januar 2026 im SLUBlog, https://blog.slub-dresden.de/beitrag/2026/01/26/wege-der-erinnerung-zum-internationalen-tag-des-gedenkens-an-die-opfer-des-holocaust-buecher-aus-tarnow-in-der-slub. [↩]

Kartierte Machtdemonstration: Ein digitaler Zugang zur Besetzung des öffentlichen Raumes durch nationalsozialistische Veranstaltungen während des Reichstagswahlkampfes 1936 in Dresden

Von Henrik Selle

Großveranstaltungen spielten für das öffentliche Auftreten der Nationalsozialisten eine zentrale Rolle. Sie wurden gezielt als ein Mittel eingesetzt, die Bilder einer disziplinierten und kraftvollen Bewegung zu erzeugen (vgl. Hagen 2008: 350 f.). Es gab Militärparaden, Feste oder Kundgebungen mit hochrangigen Funktionären, wie etwa der Wahlkampfbesuch Hermann Görings in Dresden im späten März 1936 (Abb. 1). Die sorgfältige Dokumentation und fortlaufende Reproduktion dieser Ereignisse in Fotografie, Film und Presse trug wesentlich dazu bei, dass sie bis heute die Vorstellungen über den Nationalsozialismus prägen (vgl. Hagen/Ostergren 2006: 175).

Abb. 1: Titel eines Artikels zur Großkundgebung mit Hermann Göring in der Straßenbahnhalle Waltherstraße Dresden am 22. März 1936. In: Der Freiheitskampf vom 23. März 1936, S. 5 f.

Der Fokus auf das „Spektakuläre“ versperrt jedoch den Blick auf andere, weniger beachtete Formen der öffentlichen Präsenz der Nationalsozialisten. Wie Lokalbeiträge und Veranstaltungsankündigungen des Dresdner NS-Presseorgans Der Freiheitskampf (FHK) zeigen, fand diese nicht nur in den sporadischen Höhepunkten ihren Ausdruck. Vielmehr entwickelten die Nationalsozialisten auch ein dichtes Netz aus regelmäßigen Parteiveranstaltungen und -aktivitäten. Sebastian Haffner schrieb 1939 aus dem englischen Exil heraus über „die Hakenkreuzfahnen überall, die braunen Uniformen, denen man nirgends auskam […]“ (Haffner 2000: 235) – ein zeitgenössischer Hinweis darauf, dass gerade diese Omnipräsenz der NS-Veranstaltungskultur den öffentlichen Raum und damit die unmittelbare Lebenswelt der Bevölkerung maßgeblich beeinflusste. Eine genauere Betrachtung der Veranstaltungsbeiträge im FHK, ihre exemplarische, digitale Visualisierung und Auswertung eröffnen daher eine Perspektive darauf, mit welcher Systematik der öffentliche Raum durch die Nationalsozialisten besetzt worden ist. Im Rahmen meiner Masterarbeit im Studiengang Digital Humanities an der Technischen Universität Dresden konnte ein digitales Modellierungssystem entworfen werden, das es ermöglicht, die Veranstaltungsbeiträge im FHK systematisch zu erfassen, die räumliche Dimension des NS-Veranstaltungsapparates zu visualisieren und auszuwerten. Einen ersten Einblick in diese Auswertungsmöglichkeiten möchte ich mit diesem Beitrag geben.

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Die SLUB Dresden gedenkt der Folgen der NS-Diktatur mit einem neuen Mahndepot am Japanischen Palais

Von Nadine Kulbe

Das Kunst- und Geschichtsprojekt „Gravuren des Krieges – Mahndepots in Dresden“ erinnert seit 2001 an die Folgen des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur in Dresden. An Orten, die während dieser Jahre in der Stadt eine besondere Rolle gespielt haben, werden Edelstahlhülsen in den Boden eingelassen. Sie enthalten einen kurzen Text über die Geschichte des Ortes sowie ein Foto, das den Zustand bei der Einlassung zeigt. Seit dem Start des Projekts wurden mehr als 60 Mahndepots verlegt und damit ebenso viele Orte als Schauplätze des Nationalsozialismus markiert. Nun kommt im 80. Jahr nach dem Ende des NS-Regimes mit dem Japanischen Palais als Sitz der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek (SLB) ein weiterer Ort hinzu.

 Japanisches Palais, Eingangsfront, 1925

Abb. 1: Walter Hahn: Japanisches Palais, Eingangsfront, 1925 (SLUB/Deutsche Fotothek, df_hauptkatalog_0305018).

Deutsche Bibliotheken übernahmen im Nationalsozialismus eine aktive Rolle. Sie waren in die NS-Propaganda eingebunden, mussten NS-Literatur bevorzugt zur Verfügung stellen, setzten Verordnungen des Staates ihr Personal, die Nutzenden und die Kulturpolitik betreffend um, sie profitierten von den Enteignungen politischer Gegner:innen, von Jüdinnen und Juden und von den als jüdisch deklarierten Menschen, so der Dresdner Romanist Victor Klemperer. Und schließlich bekamen Bibliotheken die Folgen des von NS-Deutschland angezettelten Weltkriegs unmittelbar zu spüren: durch die Zerstörung von Gebäuden bei Bombenangriffen, durch die Vernichtung von Beständen im Feuer oder den Verlust von Büchern mit Abtransport der Alliierten. All dies gilt auch für die ehemalige SLB – an ihrem Sitz, dem Japanischen Palais in Dresden, werden die NS-Diktatur und deren Folgen offensichtlich.[1]

Die Institution

Das Japanische Palais am heutigen Palaisplatz 11 war von 1786 bis 1945 der Sitz der SLB, einer Vorgängerin der heutigen Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Weiterlesen →

Anfrage mit Hut. Vom Kauf eines Zylinders in Südostengland zur Biografie eines bekannten Nationalsozialisten

Von Daniel Fischer

Das Referat ‚Saxonica und Kartensammlung‘ der SLUB Dresden steht als Anlaufstelle für alle bereit, die sich für Sachsen, sächsische Landeskunde, Geschichte und Kultur interessieren. Wir bieten individuelle Beratung rund um unsere Bestände und digitalen Angebote.[1] Dazu zählen insbesondere eine umfangreiche Sammlung sächsischer bzw. sachsenbezogener Publikationen, das Regionalportal Saxorum oder Fachdatenbanken wie die Sächsische Bibliografie. Die uns täglich erreichenden Anfragen sind entsprechend vielfältig. Sie reichen von Erwerbungsvorschlägen für Publikationen sowie Erkundigungen zur Nutzung von Beständen und Online-Ressourcen bis hin zu Titelmeldungen für die Landesbibliografie u.v.m. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit uns in Kontakt zu treten:

Immer wieder ins Zentrum des Interesses rücken dabei genealogische Fragestellungen bzw. Anfragen, die sich mit der Erforschung von Biografien historischer Persönlichkeiten beschäftigen. Hier bewegen sich Nutzer:innen auf den Spuren ihrer Vorfahren, rekonstruieren Familiengeschichten oder forschen zu Persönlichkeiten der sächsischen Orts-, Regional- und Landesgeschichte. Wir unterstützen unsere Nutzenden bestmöglich mit Empfehlungen zu Recherchemöglichkeiten in gängigen Onlineportalen, Abfragen einschlägiger Kataloge und Datenbanken, Literaturtipps oder verweisen auf Institutionen für weiterführende Anfragen oder Recherchen, in der Regel andere Bibliotheken, Forschungseinrichtungen, Archive oder Museen.

Eine Hutschachtel als Startpunkt

Im Sommer des Jahres 2023 erreichte uns eine personengeschichtliche Anfrage mit einem durchaus bemerkenswerten, eher außergewöhnlichen Ausgangspunkt: einem Hut, gekauft im Südosten Englands. Der Anfragende war Thom Nelson, der in einem vintage shop seiner Heimat einen Zylinder erstanden hatte, gefertigt in der 1875 gegründeten Hut-Fabrik und Schuhwarenhandlung Richard Schubert in Dresden (Abb. 1, 2).

In der zugehörigen Hutschachtel fand er einen Besitzstempel (Abb. 3). Demnach hatte der Zylinder im April 1930 einem gewissen Rechtsanwalt Dr. Schreiter, wohnhaft im Dresdener Stadtteil Bühlau/Weißer Hirsch, gehört. Thoms Interesse war geweckt. Er wollte mehr über die Geschichte hinter dem Hut und seinen Besitzer wissen. Mit dem Stichwort „Dresden“ als Anhaltspunkt begab er sich also auf die Suche nach Expertise. Seine Recherche im Internet führte Thom zur SLUB Dresden und somit zum für sächsische Landeskunde zuständigen Referat. Weiterlesen →

Der unbekannte Star: Der Radrennfahrer Richard Menapace in Chemnitz

Von Matthias Marschik

Der Radrennfahrer Richard Menapace war Ende der 1930er Jahre in Italien kein Unbekannter, nachdem er 1937 das Amateurrennen Mailand – München gewonnen und bei den folgenden beiden Giro d‘Italia reüssiert hatte. Ende der 1940er Jahre wurde er, nach Siegen bei den ersten beiden Landesrundfahrten, zum ersten Nachkriegs-Sporthelden Österreichs. Doch kaum jemand weiß, dass er in der Zwischenzeit – als Berufsfahrer im Chemnitzer „Wanderer“-Team – zweieinhalb Jahre im Deutschen Reich tätig war. 

Porträt Richard Menapace im Wanderer-Dress. Staatsarchiv Chemnitz, Bestand 31030, Karton 5345

Abb. 1: Porträt Richard Menapace im Wanderer-Dress. Staatsarchiv Chemnitz, Bestand 31030, Karton 5345

Am 1. September 1939 überfiel das Deutsche Reich Polen, im März 1940 erfolgte die Eroberung Dänemarks und anschließend Norwegens. Am 10. Mai 1940 begann mit dem deutschen Überfall auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg der Westfeldzug. Der Sportbetrieb kam allerdings, mit Ausnahme einer kurzen Phase nach Beginn des Polenfeldzugs, nicht zum Erliegen. Für die Nationalsozialisten war Breitensport ein wichtiger Beitrag zur Volksertüchtigung, Jugendsport in HJ und BdM ein zentraler Aspekt der Erziehung und vormilitärischen Ausbildung. Der Spitzensport sollte schließlich nach innen wie nach außen deutsche Überlegenheit beweisen, und das gerade auch in Kriegszeiten. Weiterlesen →

Ein Oberfrohnaer Briefwechsel als Palimpsest im digitalen Zeitalter: Eine Datenbank bereitet historische Briefe mit Hilfe von Citizen Scientists auf

Von Andrew S. Bergerson und Laura Fahnenbruck

Briefe aus der NS-Zeit sind vieles: intime Kommunikationsmittel, kostbare Familienstücke, historische Selbstzeugnisse. Sie eignen sich gut, um historische Fragen neu zu denken und unterschiedliche Blickwinkel in und auf vergangene Ereignisse darzustellen. Das trifft auch auf 2.600 Briefe aus Oberfrohna zu, die durch ein Citizen-Science-Projekt veröffentlicht werden.

Darstellung des Briefes OBF-410804-002-01, Alltag im Krieg.

Darstellung des Briefes OBF-410804-002-01 auf der Webseite von Alltag im Krieg.

„Herzallerliebster mein!! Du!!! Mein lieber, guter [Roland]!“

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Aus, nach und innerhalb von Deutschland migrierte Frauen (1918–2018). Interdisziplinäre Analysen

Ein Beitrag zum Projekt „Aus, nach und innerhalb von Deutschland migrierte Frauen – Aufbau einer erfahrungsgeschichtlichen Wissensbasis“ des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung e.V. an der TU Dresden im Rahmen des Verbundprojekts „DIKUSA“. Von Nicole Husemann, Sophie Seeliger, Francesca Weil und Chris Weinhold

Forschungen zum Thema „Migration und Geschlecht“ zeigen, dass Frauen spezifische Erfahrungen, Handlungsspielräume, Integrationsvorteile und -hindernisse erlebten und nach wie vor erleben, die eng mit Geschlechterrollen und -erwartungen verknüpft waren.[1] Das DIKUSA-Projekt des Hannah-Arendt-Instituts (HAIT) gehört einem Verbundnetz mit mittlerweile zehn Einzelprojekten an, das seit 2020 etabliert wurde. In allen Projekten werden Ursachen und Motive von Migration, inklusive Flucht, anhand der klassischen drei Phasen der Migration untersucht: die Situation der Frauen in den jeweiligen Herkunftsländern, die Erfahrungen während der Migration und die Integration in den Ankunftsländern. Darüber hinaus wird das Verhalten der Aufnahmegesellschaften in den Blick genommen.

Freundinnen (© Katja Berngruber)

Ausgehend von einer gender-bewussten Migrationsforschung, die Frauen und Männer zueinander und zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten in Beziehung setzt,[2] steht im DIKUSA-Projekt am HAIT (2022–2025) die Frage nach den emanzipatorischen Auswirkungen im Mittelpunkt, die sich für Frauen aus der Migration ergeben. Wir untersuchen, inwiefern und unter welchen Bedingungen die Migration für Frauen berufliche und andere Chancen eröffnete, die sie in ihren Herkunftsländern in diesem Maße nicht gehabt hätten, und die ihre emanzipatorische Entwicklung vorantrieben, bzw. welche Barrieren und Grenzen Letzterer in den Ankunftsländern entgegenstanden. Damit sollen unter anderem Geschichten von persönlicher Emanzipation einzelner Frauen dargestellt werden bzw. von deren Vorstellungen. Gesellschaftliche Bedingungen und Möglichkeiten sowohl in den Herkunfts- als auch in den Ankunftsländern spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Darüber hinaus bilden Emotionen während der Flucht von Frauen einen wichtigen Pfeiler unserer Forschung, um mehr über die Bedingungen einzelner Migrationsbiographien in Erfahrung zu bringen und diese besser miteinander vergleichen zu können. Weiterlesen →

WikiRemembrance Barcamp: Methoden für das Wissen über den Nationalsozialismus

Von Jens Bemme

Wie gelingen Einstiege? Einen Zugang zur Arbeit mit Wissen in Wikis – wie findet man den? Wie vermitteln wir Anstöße und dann nächste Schritte für die Nutzung und Mitarbeit in Wikipedia und Wikidata, Commons oder in der Wikiversität, digital und/oder analog?

Ein Beispiel:

Buecherverbrennung-flugblatt

Flugblatt des NS-Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde.

„Wider den undeutschen Geist!“

Das Flugblatt Wider den undeutschen Geist! der Deutschen Studentenschaft zur Bücherverbrennung 1933 wurde 2008 in Wikisource transkribiert, der Wikipedia-Artikel Bücherverbrennung 1933 in Deutschland ist dort in den Textdaten verlinkt. Dieser Artikel verweist selbst auch auf das Flugblatt in Wikisource und die Zusammenhänge.

Mehr Transkriptionen solcher Quellen wären leicht zu erstellen, um Wikipedia-Artikel zu ergänzen oder um den Zugriff z.B. für Lehrmaterialien zu vereinfachen.

Zwischennutzung

Die Portale und Werkzeuge der Wikimediabewegung stehen frei zur Verfügung, aber ihr Einsatz für Erinnerungsarbeit und Bildungsprojekte ist noch nicht selbstverständlich. Vor dem ‘Wie?’ steht die Frage nach dem ‘ob?’

Wie passen Bildungsarbeit, frei editierbares Wissen, Erinnerungskulturen und Gedenkstättenarbeit zusammen? Weiterlesen →

Die Sächsische Flurnamenstelle und Ortsumbenennungen im Nationalsozialismus

Von Eric Iwanski

Betrachtet man die Ortsnamenlandschaft Sachsens, ergibt sich ein facettenreiches Bild: Orte tragen charakteristisch deutsche Siedlungsnamen wie Mühlgrün, Schönlind oder Rüdigsdorf, es gibt einige auf Ethnien verweisende Namen wie Flemmingen, Wendischbora oder Deutschluppa und gleichzeitig finden sich unzählbar viele Ortsnamen slawischer Herkunft, zu erkennen beispielsweise an den Endungen -itz und -ow. Diese Vielseitigkeit lässt sich durch die sächsische Siedlungsgeschichte erklären: unterschiedliche Siedlungsströme hinterließen ihre Spuren; wechselnde Grundherrschaften und Verwaltungszugehörigkeiten beeinflussten das Namengut ebenso wie Sprachwandelprozesse. Insbesondere die slawischen Ortsnamen passten nicht in die Ideologie des Nationalsozialismus, widerlegten sie doch eine von den Nationalsozialisten inszenierte germanisch-deutsche Dauerbesiedelung Sachsens und das damit einhergehende Geschichtsbild. Die Untrennbarkeit der Bevölkerung von dem von ihr bewohnten Raum im Sinne der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie war seinerzeit nicht nur eine geisteswissenschaftliche Grundannahme, sondern zugleich eine siedlungspolitische Richtlinie. Um slawische Ortsnamen und somit Zeugnisse einer nicht-deutschen Siedlungsgeschichte zu tilgen, wurden ganze Dörfer umbenannt, wodurch eine deutsche Siedlungskontinuität in Sachsen suggeriert werden sollte.

An dieser Stelle muss allerdings hervorgehoben werden, dass der Nationalsozialismus nicht als homogene Ideologie zu verstehen ist – unterschiedliche Akteure reagierten auf die Frage nach der Benennung von Orten mit ungleichen und mitunter gegensätzlichen Ansätzen. Während sich – zwar je nach Region unterschiedlich radikal ausgeführt – die Idee durchsetzte, Orte umzubenennen und so ideologisch unbequeme Namen zu verschleiern, gab es durchaus die Auslegung, slawische Ortsnamen beizubehalten und als Erinnerung an eine erfolgreiche Raumvereinnahmung durch deutsche Siedler auszulegen. Ohnehin war eine eindeutige Trennung zwischen „Deutschen“ und „Slawen“ selbst im Nationalsozialismus unmöglich – je nach Betrachtungsweise konnte zwar nach Kategorien wie sprachlicher oder kultureller Zugehörigkeit unterschieden werden, doch selbst diese Einordnungen griffen zu kurz, weil sie sowohl den intensiven Kultur- und Sprachkontakt als auch Mehrsprachigkeit ignorierten. Ebenso wurde darüber gestritten, in welchem Maße – und ob überhaupt – eine Anpassung möglich war und wie diese aussehen sollte. Wie Andreas Wirsching[1] herausgearbeitet hat, meinte Hitler 1933 vor der Reichswehr, dass man lediglich Boden – und somit keine Menschen – germanisieren könne.

Eine umfängliche ideen- und kulturgeschichtliche Erforschung der Ortsumbenennungen im Nationalsozialismus fehlt noch; bisherige Arbeiten begnügten sich im Wesentlichen mit dem Auflisten der veränderten Namen. Sachsen in seinen heutigen Grenzen bietet sich als Untersuchungsraum und Ausgangspunkt für eine Analyse aus zwei Hauptgründen an: Weiterlesen →