Das verschwundene jüdische Leipzig. Digitale Wiederentdeckung von Orten jüdischer Religionsausübung in Leipzig

Von Erik Fuhrken

Einführung

Wer heute durch Leipzig geht, wird nur an wenigen Orten auf Hinweise auf jüdisches Leben stoßen. Schnell entsteht der Eindruck, die jüdische Gemeinde habe in der Stadt nie eine bedeutende Rolle gespielt. So zählte die Leipziger jüdische Gemeinde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weniger als 30 Mitglieder (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Erst bis 2023 konnte die Gemeinde wieder auf über 1.200 Gemeindemitglieder anwachsen und ist damit heute die größte jüdische Gemeinde Ostdeutschlands (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 37).

Das besonders einschneidende Ereignis im Nationalsozialismus hinsichtlich der räumlichen Präsenz von Jüdinnen und Juden sind die Pogromereignisse vom 9. November 1938 (Ristau 2018). Mit der Verwüstung und Entweihung jüdischer Synagogen und Gebetshäuser sowie der anschließenden Schließung dieser Einrichtungen wurde das religiöse Leben der Gemeinde dauerhaft zerstört (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Insgesamt sind die Zerstörung von mindestens drei Synagogen, vier Bethäusern, einer Friedhofskapelle sowie die Niederbrennung der beiden großen Synagogen in der Gottschedstraße (Abb. 1) und Otto-Schill-Straße belegt (Trautmann 2024: 42). In dem folgenden Beitrag will ich mittels einer digitalen Rekonstruktion herausfinden, wie sichtbar jüdisches Leben vor 1938 wirklich war und inwiefern die jüdische Gemeinde die Stadt Leipzig räumlich prägte. War Leipzig vor dem Nationalsozialismus also nur eine Stadt mit einer kleinen jüdischen Minderheit oder ist dieser Eindruck vor allem das Ergebnis der Zerstörung und des Vergessens?

Abb. 1: Synagoge in der Gottschedstraße, Ansicht von Nordosten. Stich von Alfred Krauße nach einer Zeichnung von Adolf Eltzner, 1850 (Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Kupferstich-Kabinett via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit der Georeferenzierung der einzelnen Orte der Religionsausübung kann die religiöse Vielfalt Leipzigs vor der Reichspogromnacht gezeigt werden. Unter Orten der Religionsausübung können Betstuben in Privatwohnungen verstanden werden, Betstuben einzelner jüdischer Vereine, Synagogen oder von jüdischen Vereinen betriebene Ritualbäder. Darüber hinaus soll die räumliche Darstellung verdeutlichen, wie sich die jüdische Gemeinde im Laufe der Zeit entwickelte und wuchs. Dies geschieht durch eine farbliche Kennzeichnung der Orte nach ihrem Gründungszeitraum. Abschließend sollen alle Orte der Religionsausübung auf einem historischen Stadtplan der Stadt Leipzig projiziert und dargestellt werden. Weiterlesen →

Aus der Blogosphäre: Migration jüdischer Frauen

Im März 2026 haben wir in unserer Rubrik “Aus der Blogosphäre” ein Interview mit Historikerin Francesca Weil vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden (HAIT) über ihre lange Verbindung mit den Beständen und Lesesälen der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig vorgestellt. Das Newsblog zu “Tacheles 2026. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen” hat unlängst ein weiteres Gespräch mit der Forscherin veröffentlicht. Hierin geht es um ihre Forschungen zur Migration jüdischer Frauen. Sie sind eingebettet in das Projekt “Aus, nach und innerhalb von Deutschland migrierte Frauen (1918–2018)”, über das wir bereits im März 2024 einen Beitrag veröffentlicht haben. Zum aktuellen Interview geht es hier:

https://tacheles.sachsen.de/tacheles-2026/newsblog/interview-francesca-weil

Gute Fragen finden. Dresden und der 13. Februar

Gedanken, Anregungen und Perspektiven der Filmemacherin, Soziologin und Historikerin Barbara Lubich zu Erinnerungskultur und Gedenken anlässlich des 13. Februar in Dresden

Ein vergessener Ort gerät aktuell ins Bewusstsein der Stadt: das sog. ‚Judenlager Hellerberg‘. Den Zugang zum Gelände an der vielbefahrenen Radeburger Straße auf dem Weg zur Autobahnauffahrt erreichten wir 2011 bei einem kurzen Spaziergang an rasenden LKWs vorbei. Im verwilderten Wäldchen, wo einst das Lager war, interviewten wir Hildegart Stellmacher, Aktivistin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit: „Ich kann das verstehen“, sagte sie in die Kamera, „so eine Erinnerung drückt.“ Sie bezog sich auf die Erinnerung an die zwischen 1942 und 1943 dort untergebrachten jüdischen Zwangsarbeiter:innen. Von den 293 Menschen überlebten nur zehn den Holocaust. Und sie bezog sich auf das „kommunikative Beschweigen“ der Nachkriegszeit, das jenes bereits von den Nationalsozialisten erfolgreich während des Kriegs eingeführte Narrativ der von britischen und amerikanischen ‚Luftgangstern‘ bombardierten unschuldigen Stadt auf Dauer stellte.

Bewachsenes Gebiet des ehem. Lagers Hellerberg

Bewachsenes Gebiet des ehem. Lagers Hellerberg von der Radeburger Straße aus gesehen. Februar 2011 (Wikimedia Commons/Paulae, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

In den 1960er und 1970er Jahren war das offizielle Gedenken an die Bombardierung Dresdens nicht mehr ganz so präsent. Erst durch eine pazifistische Initiative junger Oppositioneller gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft wurde es 1983 wiederbelebt. Das an der Frauenkirche initiierte Kerzen-Ritual wurde zum Symbol des Friedens. Aus der gesamten DDR reisten Kriegsgegner:innen an, um daran teilzunehmen. Allerdings dekontextualisierte auch dieses Ritual ungewollt den Blick auf die Bombardierung Dresdens und bestätigte die Darstellung der Stadt als Opfer des Krieges. Doch 1987 entstand aus der Friedensbewegung die Idee für eine Ausstellung zu Dresden in Zeiten des Nationalsozialismus in der Kreuzkirche. Die Initiatorinnen des ersten Stillen Gedenkens waren auch dabei und nutzten dafür Bilder aus den eigenen Familienalben. Die Friedensbewegung hatte vier Jahre gebraucht, um „aus der Geschichte zu lernen“. Die Stadt Dresden sollte länger brauchen. Und bald waren auch die ersten Toten gefallen, die der neuaufkommende Rechtsradikalismus in der DDR forderte.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass in Dresden anlässlich des 13. Februars die größten Neonazi-Aufmärsche in Europas jüngster Geschichte stattfinden konnten, wandte sich unser Dokumentarfilm Come Together. Dresden und der 13. Februar dem Mythos Dresden zu. Weiterlesen →