Aus der Blogosphäre: Perspektiven jüdischer Geschichten und Gegenwarten – #JüdischesMuseumSachsen

Seit März 2021 ist es online: das Blog des Stadtmuseums Dresden als “eine (zu jeder Tageszeit zugängliche und kostenlose) digitale Sammelstelle für Gedanken und Bilder über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft Dresdens”. Einerseits sollen damit Teilaspekte der Arbeit des Museums dokumentiert werden, andererseits auch Debattenbeiträge geleistet werden. Letzteres geschieht u. a. seit einigen Monaten mit einer Beitragsreihe zu einer Intervention in der Dauerausstellung des Hauses, die sich von Oktober 2021 bis März 2022 unter dem Titel “Rethinking Stadtgeschichte” Perspektiven jüdischer Geschichten und Gegenwarten in Dresden und Sachsen widmet. Aufgriffen werden damit auch die Debatten um die Ausgestaltung eines Jüdischen Museums in der sächsischen Landeshauptstadt. Im jüngsten Beitrag führt der Historiker Daniel Ristau, der die Intervention kuratiert hat, ein Interview mit der Dresdner Schülerin Jasmin Kogan. Sie hätte u. a. folgende Erwartungen an das Museum:

Wichtig wäre mir, dass ein solches Museum individuelle Geschichten von jüdischen Menschen vorstellt, wie etwa die der jüngst hier in Dresden mit einem Festakt bedachten Familie Arnhold. Das sollte sich aber nicht allein auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränken, sondern genauso ganz einfache Lebensgeschichten einschließen. Außerdem sollte, mit Blick auf die Gegenwart, in solch einem Museum den Vertreterinnen und Vertretern der unterschiedlichen Richtungen innerhalb des Judentums ebenfalls eine Stimme gegeben werden, da diese gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben in Dresden teilhaben.

Das ganze Interview und weitere Beiträge zur Debatten finden Sie unter: https://www.blog-stadtmuseum-dresden.de/diskurs/.


Beitragsbild links: (Semper-)Synagoge in Dresden. Stahlstich von Ludwig Thümling nach der Fotografie von Hermann Krone, um 1860 (SLUB/Deutsche Fotothek, Public Domain)

Beitragsbild rechts: Neue Synagoge und Gedenkstele in Dresden, April 2004, bearbeitet (Wikimedia Commons/Christoph Münch, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Stadtgeschichte digital. Den “Tabakrausch an der Elbe” online erforschen

Von Martin Munke

Jasmatzi, Yenidze, Yramos – drei der bekanntesten, aber bei weitem nicht die einzigen Namen, die für die einst blühende Zigaretten- und Tabakindustrie von Dresden stehen. Das erste größere Unternehmen hatte 1862 Joseph von Huppmann-Valbella als Filiale der St. Petersburger Firma „La Ferme“ gegründet. Viele weitere folgten. Dem „Tabakrausch an der Elbe“ widmet das Stadtmuseum gerade eine gleichnamige Ausstellung. Im Internet gibt es dazu unter tabakstadt-dresden.de eine interaktive Karte, auf der man die Vielzahl der Zigaretten- und Maschinenfabriken, der Zulieferer, der Verbände und Genossenschaften sowie der Fachpresse erkunden kann. Sie ist zugleich ein Beispiel dafür, wie Archive, Bibliotheken und Museen vermehrt Informationen im digitalen Raum anbieten. Wie zu anderen Themen lassen sich zur Geschichte der Dresdner Tabakindustrie bereits zahlreiche Informationen aus gesicherten Quellen online finden. Einige dieser Quellen möchte ich im Folgenden kurz vorstellen, ausgehend von den Angeboten der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB).

Seit 1960 wird an der Bibliothek die „Sächsische Bibliografie“ als Literaturdatenbank zur sächsischen Geschichte, Kultur und Landeskunde geführt. Schon seit 1998 ist sie im Internet abrufbar. Eine Suche nach „Dresden“ und Begriffen wie „Tabak“ oder „Zigaretten“ liefert insgesamt um die 100 Treffer –Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, aktuelle Sekundärliteratur wie den Katalog zur Ausstellung, aber auch historische Quellentexte aus dem späten 18. Jahrhundert über die zu zahlenden Abgaben bei der Einfuhr von ausländischem „Rauch- und Schnupf-Tabak“. Viele dieser Texte wurden durch die SLUB und andere Bibliotheken gescannt und sind kostenfrei für alle Interessierten verfügbar. Sie können direkt aus der Bibliografie heraus aufgerufen werden, z. B. ein Artikel aus dem Sammelband „Zur technisch industriellen Entwicklung Dresdens“ von 1956 oder zwei Aufsätze aus den „Dresdner Heften“ von 1996 (Nr. 45, „Zwischen Integration und Vernichtung“) bzw. 2000 (Nr. 61, „Industriestadt Dresden?“). Derjenige von Erik Lindner zu Jüdischen Unternehmern in der Dresdner Zigarettenindustrie zeigt die verschiedenen Facetten von Stadt- und Wirtschaftsgeschichte auf, die sich eben auch mit Fragen von Verfolgung, Enteignung und Ermordung von Fabrikanten unter den Nationalsozialisten befassen muss.

Detailansicht zur Alexandria Zigarettenfabrik A.-G. im interaktiven Stadtplan “Tabakstadt Dresden” (© Screenshot: Stadtmuseum Dresden; © Visualisierung: TU Dresden/Heiko Figgemeier, SLUB/Deutsche Fotothek)

Für solche und andere Fragen finden sich in den „Digitalen Sammlungen“ der SLUB weitere Quellen. Seit einigen Jahren werden z. B. in großem Umfang sächsische Tageszeitungen mit Erscheinungsjahr bis 1945 digitalisiert, die viele Informationen über lokale Ereignisse liefern. Am 17. September 1890 berichtete die „Sächsische Arbeiter-Zeitung“ über den Kongress der Tabak-Arbeiterinnen und -Arbeiter, der drei Tage zuvor in Dresden eröffnet worden war. Lohn- und Lebensverhältnisse, der Kampf gegen die Kinderarbeit sowie die Versuche der Organisation in Vereinigungen und Gewerkschaften waren u. a. die sozialhistorisch relevanten Themen, die sich mithilfe der Tageszeitungen erschließen lassen. Angaben zu Fabrikstandorten, Produkten und den vielen Groß- und Kleinhändlern der Branche kann man über die Annoncen und Gewerbeverzeichnisse der historischen Adressbücher suchen und finden, die sowohl in den „Digitalen Sammlungen“ als auch in einem eigenen Portal präsentiert werden. Weiterlesen

Wikidata kennt nun jede Straße in Dresden. Erfahrungsbericht aus der Dresdner Wikipedia-Community

Von Stefan Kühn

Die Wikipedia-Community in Dresden ist eine der aktivsten in Deutschland (18,6 Artikel je 1000 Einwohner). Neben monatlichen Stammtischen (normalerweise offline, aktuell online) arbeiten über ein Dutzend Wikipedianer an der Verewigung ihrer Heimatstadt in der Online-Enzyklopädie. Zahlreiche bekannte Projekte wie die Erschließung des Firmenarchives Brück & Sohn mit 30.000 Ansichtskarten oder der umfangreichen Fotosammlungen von Jörg Blobelt sind von den Dresdner Wikipedianern initiiert worden.

Eine beliebte Aktivität sind Fototouren durch Elbflorenz, um die vielfältigen Facetten des Stadtbildes einzufangen. Durch fleißiges eigenes Fotografien und Kategorisieren sowie durch zahlreiche Bildspenden von Dresden-Touristen oder aus öffentlichen Archiven und Sammlungen wie dem Bundesarchiv und der Deutschen Fotothek können im zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons aktuell über 284.000 Bilder, Videos und Dokumente zu Dresden abgerufen werden. Und täglich kommen zahlreiche neue Bilder hinzu.

Dieses Medienarchiv ist aktuell über einen flexiblen Kategorienbaum erschlossen. Bei den großen Straßen der Stadt Dresden, welche einen eigenen Wikipedia-Artikel besitzen, erreicht man die dazugehörigen Commons-Kategorien recht einfach über den Link im Artikel. Aber nicht jede der über 3.000 Straßen in der sächsischen Landeshauptstadt besitzt einen solchen eigenständigen Wikipedia-Artikel.

Wikimedia Commons: Hauffstraße, Dresden

Mit der Einführung von Wikidata im Jahr 2012 und der immer stärkeren Verknüpfung der Wikipedia-Artikel mit der freien Wissensdatenbank kamen auch neue Möglichkeiten für die Citizen Sience in Dresden zu Tage. So wurden die Bildkategorien der großen Straßen mit Wikidata-Infoboxen ausgestattet, die z. B. eine kleine Orientierungskarte enthalten. Alle Daten dieser Infoboxen kommen automatisiert aus Wikidata und müssen nicht mehr per Hand aktualisiert werden.

Am 26. Januar 2019 entdeckten die Dresdner am Beispiel einer Straße in Berlin, dass diese Infoboxen auch für die Verknüpfung der Straßenkategorien untereinander sehr gut nutzbar sind. Die Idee eines interaktiven Stadtplans, bei dem man sich von einer Straßenkategorie zur nächsten benachbarten Straßenkategorie per Mausklick bewegen könnte, war geboren.

Dieses Feature der Verknüpfung von Straßen und anderen Datenobjekten wird in Wikidata durch das Merkmal “Physisch verbunden mit” ermöglicht. Nach ersten Tests stellten wir schnell fest, dass es für einen interaktiven Stadtplan wirklich sinnvoll wäre, wenn jede Straße in Dresden in Wikidata eingetragen ist. Nur so lassen sich Lücken bei der Navigationsmöglichkeit vermeiden.

Als Referenzmedium gibt es in Dresden den amtlichen Themenstadtplan der Stadt. Jede Straße lässt sich dabei einzeln ansprechen (Beispiel: Fetscherstraße). Viele der darin enthaltenen Daten sind über das Open Data-Informationsportal verfügbar. Ab März 2019 nutzten wir daraus den Datenbestand der Adressen, um eine vollständige Liste aller Straßen zu erhalten. Weiterlesen

Zwischen Bombenalarm und Kuchengedeck – Studie zum Kriegsalltag in Sachsen

2013 startete Francesca Weil einen Aufruf in der Sächsischen Zeitung, ihr Egodokumente zur Erforschung der Alltagsgeschichte der späten sächsischen Kriegsgesellschaft zukommen zulassen.[1] Nun ist die darauf basierende Studie erschienen.

Eine Rezension zu Francesca Weil: Uns geht es scheinbar wie dem Führer… Zur späten sächsischen Kriegsgesellschaft (1943-1945). Göttingen: V&R unipress, 2020 (= Berichte und Studien. Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der TU Dresden, Bd. 80). ISBN 978-3-8471-0993-8, verfasst von Robin Reschke

 „Uns geht es scheinbar wie dem Führer“, schrieb Hildegard Menzel am 6. November 1943 in einem Brief an ihren Mann Martin. Er verrichtete als Justizinspektor seinen Dienst in Lublin im sogenannten Generalgouvernement und saß somit unmittelbar im Zentrum des Massenmordes an den Juden. Die kommunistisch gesinnte Familie Klara und Johannes Hähnlein dagegen konnte die Befreiung durch die Rote Armee kaum erwarten. Beide Eheleute nutzten Codierungen, um sich über den Kriegsverlauf austauschen zu können. Henny Brenner berichtet von alltäglichen Repressalien, die sie, die als Halbjüdin verfolgt wurde, überstehen musste. Solche und ähnliche Einträge lassen sich in den verschiedenen Egodokumenten finden, die Francesca Weil – wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung – für ihre Studie ausgewählt hat.

Rangierbahnhof Dresden-Friedrichstadt nach dem Luftangriff auf Dresden am 13./14. Februar 1945. Für viele ein traumatisches Ereignis, das auch noch Jahre später nachwirkt – für manche wie Henny Brenner oder auch Victor Klemperer die Rettung vor der Deportation. Foto: Walter Hahn (SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Freier Zugang – Rechte vorbehalten)

Das Ziel der Studie war die Untersuchung der späten sächsischen Kriegsgesellschaft. Dabei handelt es sich nicht um eine Gesellschaftsgeschichte im Sinne Hans-Ulrich Wehlers, der aus soziologischer Perspektive die Metaebene gesellschaftlicher Trends in Wirtschaft, Kultur und Politik im weitesten Sinne analysierte, wie es der Titel nahelegen könnte. Auf Basis subjektiver Betrachtungen einzelner Akteure wollte die Autorin das Alltagsleben im Krieg untersuchen.

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Dresdner Totengedenkbuch 1914–1918. Gemeinsames Crowdsourcingprojekt bürgerschaftlicher Vereine und wissenschaftlicher Bibliothek

Von Martin Munke

Das Forum Citizen Science findet am 6. und 7. Mai 2021 wieder als zentrale Veranstaltung zum Austausch über das Thema Bürgerwissenschaften in Deutschland statt – diesmal vollständig in digitaler Form. Beim letzten Forum 2019 haben wir uns allgemein mit dem Thema Bürgerforschung in und mit wissenschaftlichen Bibliotheken beschäftigt, siehe unseren Tagungsrückblick. Diesmal werden wir im Rahmen der Poster-Session am Donnerstag von 12 bis 14 Uhr zwei Projekte aus dem Saxorum-Umfeld vorstellen. Jens Bemme et al. sind mit #DieDatenlaube dabei, mehr dazu (mit Link zum Poster) gibt’s im Projektblog. Ich werde mich mit dem Crowdsourcingprojekt zum Dresdner Totengedenkbuch 1914–1918 beschäftigen, zu dem ich erstmals Mitte Februar im SLUBlog geschrieben habe. Es wird gemeinsam vom Verein für Computergenealogie e. V. (CompGen), der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und dem Dresdner Verein für Genealogie e. V. (DVG) durchgeführt. In diesem Blogpost möchte ich etwas mehr zur Quelle selbst und zum Projektdesign berichten.

Die Quelle

Dresden war eine von vielen deutschen Städten, die schon im Ersten Weltkrieg die Namen und Lebensdaten der gestorbenen Soldaten sammelten, um sie nach dem Krieg in einem „Ehrenbuch“ zu würdigen. Dies war für kleine Gemeinden meist problemlos möglich. Die Erfassung aller gefallenen und gestorbenen Soldaten in Großstädten war eine Mammutaufgabe. Mitarbeiter des Dresdner Ratsarchivs begannen im Herbst 1916 mit Arbeiten an einem Totengedenkbuch für die Stadt. Ursprünglich war geplant, alle ca. 75.000 Dresdner Soldaten, die im Ersten Weltkrieg dienten, zu erfassen. Wegen des Aufwands wurde dieses Vorhaben auf die Nennung der gestorbenen Soldaten reduziert.

Abb. 1: Karteikarte zu Edmund Max Kayser (1887-1914), Leutnant im Kgl. Sächs. 5. Infanterie-Regiment „Kronprinz“ Nr. 104. In: Dresdner Totengedenkbuch, Offiziere und andere. Sächsisches Staatsarchiv, 11248 Sächsisches Kriegsministerium, Nr. 8271. URL: https://digital.slub-dresden.de/id1662985584/73, Lizenz: SLUB TO-DR 1.0

Aufgenommen wurden alle in Dresden geborenen Soldaten, aber auch andere in militärischen Diensten verstorbene Personen wie Krankenschwestern. Der zweite Grundsatz bei der Bearbeitung, dass auch nicht in Dresden geborene Soldaten erfasst würden, wenn sie eine „nicht unbedeutende Zeit“ in der Stadt gelebt hatten, war weniger klar definiert. Weiterlesen

Sächsische Industriegeschichte lokal und regional: aktuelle Forschungsergebnisse

Von Martin Munke (MM), Jens Bemme (JB), Daniel Fischer (DF)

Aufgrund der Corona-Pandemie konnte zum sächsischen “Jahr der Industriekultur” nur ein geringer Teil der geplanten Veranstaltungen, Ausstellungen usw. ohne größere Einschränkungen stattfinden. Gleichwohl hat sich das Wissen gerade zur lokalen- und regionalen Industriegeschichte stark erweitert, sind viele Publikationen und Beiträge erschienen, die als Puzzleteile zum größeren Bild dieser traditionsreichen Industrielandschaft beitragen. Oft gibt es sie nur in einer kleinen Auflage und ihre Verbreitung bleibt vergleichsweise gering. Mit diesem Beitrag wollen wir mit kurzen Annotationen auf einige dieser Veröffentlichungen hinweisen. Er wird in den kommenden Wochen und Monaten immer mal wieder erweitert werden, wobei der jeweils aktuellste Abschnitt oben im Beitrag steht. Damit entsteht auch ein Eindruck davon, was an sogenannter grauer Literatur – oft durch Ehrenamtliche erarbeitet – über die Schreibtische im Saxonica-Referat der SLUB Dresden wandert und für die Sächsische Bibliografie erschlossen wird, damit die Forschung auch jenseits des engeren lokalen Umfelds darauf aufmerksam werden kann.


Drei Veröffentlichungen zur Glasindustrie in und um Weißwasser

Heute macht die Stadt vor allem durch den starken Bevölkerungsrückgang Schlagzeilen, im 19. Jahrhundert (also während der Zugehörigkeit zu Preußen) war sie ein Zentrum der europäischen Glasindustrie: Weißwasser in der Oberlausitz. Zeitweise waren bis zu drei Viertel der Einwohner in oder für diese Branche tätig. Das Glasmuseum Weißwasser erinnert an die wirtschafts- und sozialhistorischen Aspekte, aber auch an die kunst- und kulturgeschichtlichen Zusammenhänge dieser traditionsreichen Beziehung einer Stadt mit einem dominierenden Wirtschaftszweig. Zwei jüngere Publikationen der Einrichtung – “Meine beste Bude” (2020) und “Drei Jahrzehnte Glasgestaltung in Weißwasser” (2021) – widmen sich prägenden Glasgestaltern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Heinz Schade (* 1935) und Horst Gramß (* 1936). Mit zahlreichen Abbildungen wird ihr Leben und Schaffen  vorgestellt, wobei die Produkte eindeutig im Mittelpunkt stehen. Stärker an der allgemeinen Firmengeschichte intessiert ist der 2020 erschienene, von Dieter Hubatsch verfasste Überblick zur Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Glashütte Joseph Schweig & Co., wobei auch hier Fragen der Designgeschichte und Formgestaltung mit behandelt werden. Daneben werden Anekdoten und Episoden aus dem Produktionsalltag dargeboten, allerdings leider nicht einzeln, sondern nur mit einem summarischen Literaturverzeichnis nachgewiesen.

Eugen Nosko: Glasproduktion Weißwasser

Glasproduktion in Weißwasser in der DDR. Foto: Eugen Nosko, 1973 (SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Freier Zugang – Rechte vorbehalten)

(MM, 9. April 2022)


Ein “Fundbuch” zur Industriekultur in Südwestsachsen

Industriekultur wird von Menschen gemacht. Von diesem Befund ausgehend, stellt die von der Tourismusregion Zwickau herausgebene Broschüre in kurzen Porträts Protagonistinnen und Protagonisten eines kreativen Umgangs mit industriellem Erbe und industriellen Traditionen des Raumes Chemnitz-Zwickau vor. Die Bandbreite reicht von der Umnutzung ehemaliger Fabrikgebäude zu Hotels oder Schulen über die museale Darstellung und künstlerische Verarbeitung bis hin zur Aktualisierung industrieller Produktionsweisen. Ergänzt wird die Broschüre durch ein ergänzendes Onlineangebot, das aus dem Heft heraus aufgerufen werden kann, sich in der Hauptsache aber auf weitere Texte und Bilder beschränkt.

Der Websaal der Tuchfabrik Gebr. Pfau in Crimmitschau – heute ein Museum (Wikimedia Commons/Je-str, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

(MM, 21. Januar 2022)


Unterwegs auf den Spuren der Textilindustrie von Großschönau

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Eine Dresdner Institution – Zum Tode von Ingrid Wenzkat

Von Katrin Nitzschke

Es kommt selten vor, dass sich schon allein der Name einer Person sofort mit einem Bereich oder einem Begriff verbindet – bei Ingrid Wenzkat war es so. Schrieb sie in der Dresdner Zeitung „Die Union“ oder sprach sie bei Ausstellungseröffnungen – man konnte sicher sein, eine unverwechselbare Sprache zu lesen oder zu hören, eine Persönlichkeit zu erleben, die einzigartig war.

Ingrid Wenzkat. Foto: © Dörte Gerlach

1933 in Dresden geboren, ist sie Zeit ihres Lebens ihrer Heimatstadt treu geblieben, nur durch das Studium in Leipzig unterbrochen. Eine geplante Promotion kam nicht zustande, weil die Doktorväter in den Westen Deutschlands gingen.

Nach ihrem Studium war sie sechs Jahre als Lehrerin an der Erweiterten Oberschule in Dresden-Reick tätig. Die von ihren Schülern bis zu ihrem Lebensende liebevoll als „Schuffi“ (geborene Schuffenhauer) Angesprochene begeisterte diese so für die Kunst, dass mehrere von ihnen später Kunstgeschichte studieren sollten.

Ihre eigentliche Berufung startete aber erst, als sie 1961 für die Tageszeitung „Die Union“ zu schreiben begann und später das Kulturresort übernahm. Weiterlesen

Heimat Dresden – schön und schwierig

Von Justus H. Ulbricht

Eine persönliche Bemerkung zu Beginn:[1] Dass ich selbst mich seit Jahrzehnten immer wieder mit dem Thema „Heimat“ (vgl. Zöller 2015) befasse, hat damit zu tun, dass ich die Frage nach meiner Heimat nicht mit einem Wort, einem Satz oder gar einer Ortsangabe beantworten kann. Als Westdeutscher seit 1995 im Osten, seit 2009 in Dresden, habe ich hier Heimat gefunden, doch ist es nicht – wie Markus Decker (2014) in seinem Buch über “Westdeutsche im Osten“ meinte – erst meine zweite Heimat![2] Die folgenden Bemerkungen sind nicht allein aus der Lektüre wissenschaftlicher Publikationen gewonnen, sondern maßgeblich aus meinen Erfahrungen als Moderator von Asyl-Debatten und Bürgerversammlungen, die zwischen 2014 und 2017 in vielen Kommunen Sachsens stattgefunden haben. Dazu kommen spätere Erlebnisse auf Dresdens Straßen sowie zahlreiche persönliche Gespräche, in denen ich versucht habe zu verstehen, was eigentlich in Dresden, Sachsen und der neuen Bundesrepublik seit etwa fünf Jahren atmosphärisch unterwegs ist (vgl. Ulbricht 2018).

Symbolbild: Das Wort “Heimat” in 2 m hohen Buchstaben am Rand eines Neubaugebietes (Wikimedia Commons/Kreuzschnabel, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Meine langjährige Arbeit in und für den Dresdner Geschichtsverein, die Ende Dezember 2020 endet, hat mich außerdem mit Formen eines hochkulturell aufgeladenen Lokalpatriotismus vertraut gemacht, mit der Selbstverliebtheit gebildeter Dresdener aus dem legendären „Elbflorenz“. Weiterlesen

Marie Frommer und Ingrid von Reyher: Frauen und technische Bildung (nicht nur) in Sachsen

Ein Beitrag zur Blogparade #femaleHeritage von Martin Munke

Pandemiebedingt aktuell leider nicht zugänglich ist die Ausstellung „,Dem Ingenieur ist nichts zu schwer“. Industrialisierung und technische Bildung in Sachsen“ an der SLUB Dresden. In ihr befassen wir uns zum sächsischen „Jahr der Industriekultur“ mit einem wichtigen immateriellen Aspekt des regionalen industriekulturellen Erbes: dem Auf- und Ausbau der technischen Bildungslandschaft im 19. Jahrhundert mit ihren drei Dimensionen Akademisierung, Verwissenschaftlichung und Professionalisierung, ihrer weiteren Ausformung im 20. und ihrer fortgesetzten Bedeutung für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Sachsen im 21. Jahrhundert.[1] Eine Fragestellung, der wir uns in der Ausstellung an verschiedenen Punkten widmen, ist die historische Rolle von Frauen in der technischen Bildung. Nach einigen grundsätzlichen Überlegungen dazu sollen hier, anlässlich der Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage“ der Münchener Stadtbibliothek, zwei wichtige Persönlichkeiten näher vorgestellt werden. Sie stehen sinnbildlich für die historischen deutschen Verbindungen in den ostmitteleuropäischen Raum und für die Geschichte von (Zwangs)migrationen im „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm): die bereits vor einigen Jahren zumindest in Fachkreisen „wiederentdeckte“ Architektin Marie Frommer (1890–1976) und die außerhalb ihres Wirkungskreises im mittelsächsischen Mittweida bis heute unbekannte Chemikerin Ingrid von Reyher (1908–2004).

Blick in die Ausstellung in der SLUB Dresden mit Infotafel zu Ingrid von Reyher im Hintergrund (SLUB/Ramona Ahlers-Bergner, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Das höhere Bildungswesen erlebte in Deutschland ab dem 19. Jahrhundert angesichts steigender Bedarfe in allen Bereichen von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft einen starken Ausbau. Mit der Bevölkerungszahl wuchs auch die Zahl der Studierenden. Dabei veränderte sich die soziale Struktur der Studierendenschaft: Der Anteil des Adels sank immer weiter, der der alten Beamteneliten nur gering, der des Besitzbürgertums und von Handelsfamilien stieg. Davon profitierten u. a. die Kinder von unteren Beamten und von Angestellten und Arbeitern, letztere allerdings auf einem niedrigen absoluten Niveau. Hier zeigte sich ein „doppeltes Muster der weiterbestehenden Privilegierung der Oberschichten […] und einer begrenzten sozialen Öffnung für die unteren Mittelschichten“[2]. Ein weiterer Aspekt war der nur „zögerliche Einzug der Frauen“[3] in das Studium im Allgemeinen wie in die akademische Ingenieurausbildung im Besonderen – ein von langwierigen Auseinandersetzungen begleiteter Prozess. An der Technischen Hochschule in Dresden z. B. wurden weibliche Studenten erst 1907 offiziell zugelassen, an derjenigen in Charlottenburg (heute die Technische Universität Berlin) 1909. Und auch als diese Zulassung an den technischen Bildungseinrichtungen flächendeckend durchgesetzt war, konzentrierte sich Frauenstudium auf Fächer wie Architektur, „nicht aber die ‚harten‘ Technikfächer“[4]. Insgesamt blieb der Frauenanteil bis in die 1960er bei durchschnittlich unter zehn Prozent. Erst die ideologisch begründete Lenkung von Studentinnen und Studenten in bestimmte Fächer sorgte hier für eine Geschlechterparität in der DDR, ignorierte aber vielfach die individuellen Interessen der Betroffenen.

Studentin der TU Dresden während einer Vorlesung. Foto: Erich Höhne, ca. 1969 (SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Freier Zugang – Rechte vorbehalten)

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert blieb es deshalb wenigen Pionierinnen vorbehalten, in der männlich dominierten Ingenieurausbildung und beruflichen Tätigkeit ihre Akzente zu setzen. Weiterlesen

Baumnetze – Geschichte(n) sammeln, teilen, erforschen

Von Solvejg Nitzke

Dieser Text, den ich Saxorum schon viel zu lange schulde, wird eine Mischung aus Märchen und Wunschzettel, man könnte auch sagen, es wird ein Stückchen (Open) Science Fiction. Und weil wir alle wissen, wie ein richtiges Märchen anfängt und spätestens die Brüder Strugatzki den Unterschied zwischen Märchen und Utopie aufgehoben haben (Der Montag beginnt am Samstag), fange ich also auch so an:

Es war einmal ein Baum, der viel zu erzählen hatte. Aber niemand hörte ihm zu, niemand konnte die Geschichten lesen, die in seinen Baumringen aufgeschrieben waren, die an seinen Ästen und Wurzeln hingen und niemand wusste mehr, wie man diejenigen befragt, die sich jeden Tag und jede Nacht mit dem Baum austauschten. Der Baum – eine relativ junge Linde, die kurz nach dem großen Krieg an einer Straße gepflanzt wurde – hatte viel gesehen und trauerte, dass er seine Erlebnisse nicht mit den Menschen teilen konnte. Er würde noch viele Jahrhunderte wachsen, Kohlenstoff sammeln, Ringe bilden, unzähligen (wenn auch immer weniger) Tieren ein zu Hause bieten, spüren, wie es wärmer werden würde, wie zuerst viel mehr, dann viel weniger Autos an ihm vorbeifahren, sehen wie sich die Bauweise der Menschen veränderte, notieren, wie erst viel mehr und dann viel weniger Müll um ihn herum lag, unter Wassermangel und dann unter Hochwasser leiden. Während all dieser Jahrzehnte würde die Linde fühlen, wie sich Erzählungen an ihr festsetzen. Sie hängen an kleinen Ästen, bleiben in den Rissen der Rinde stecken und hätten viele Verbindungen schaffen können, verstünde sie nur jemand. Während die Linde gut leben konnte, ohne dass ein Mensch sie fragte, ohne dass jemand anders von ihr Notiz nahm als die Mitarbeiter*innen des Grünflächenamtes, die ihren „Zustand“ beurteilten, bedauerte sie doch, dass die Menschen sie für stumm hielten, obwohl sie ihnen so viel zu sagen hatte. Die Linde hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, da sah sie einen Menschen vor sich. Dieser Mensch schien sie mit einem Gerät zu untersuchen, tippte darauf herum, lächelte den Baum dann an und begann weiter zu erzählen. Die Linde verstand, dass die die Menschen einen Weg gefunden hatten, sich zu vernetzen und sie in dieses Netz mit einzubeziehen. Neugierig beobachtete die Linde, wie der Mensch das Gerät in seine Hosentasche legte und auf sie zukam. Voller Bewunderung für all das, was die Linde gesehen hatte, legte der Mensch eine Hand auf ihre Rinde und auch wenn sie kein Wort gewechselt hatten, wusste sie, ihre Geschichten waren nicht mehr verloren.

Sprechende Bäume sind gar nicht mehr so seltsam oder märchenhaft, wie sie uns vielleicht noch vor fünf Jahren (d. h. bevor Peter Wohllebens Das geheime Leben der Bäume erschienen ist) vorgekommen wären. Tatsächlich hat das Buch des mittlerweile berühmten Försters eine wahre Baumbegeisterung ausgelöst, die nicht nur auf dem hiesigen Buchmarkt beachtenswerte Zentrifugalkräfte ausübt. Dass die physikalische Metapher passt, lässt sich in beinahe jedem Buchladen beobachten. Wo Das geheime Leben der Bäume auf einen Tisch gelegt wird, sammeln sich scheinbar automatisch eine ganze Reihe von Baumbüchern, die den faszinierenden Fähigkeiten der riesigen Pflanzen nachgehen, ihre Heilkraft und die Notwendigkeit einer sozialen Verbindung mit ihnen hervorheben und von den Bäumen aus den Netzen natürlicher Beziehungen folgen. Ob vor, nach, wegen oder trotz Wohlleben –  die neue und erneuerte Aufmerksamkeit für Bäume fokussiert auf die Möglichkeit der Verbindung und erfordert eine Form des ökologischen Erzählens von der sich, davon bin ich überzeugt, viel für die Projekte der Wissensgewinnung ‚hier‘ an der SLUB und von hier aus lernen lassen.

Baumgeschichten. Foto: Solvejg Nitzke, Oktober 2020.

Was aber haben diese Baumbücher mit dem Märchen zu tun, dass ich oben erzählt habe und wie kommen wir von dort aus zu (Baum-)Wissensnetzen? Die neuen Baumgeschichten versuchen, so lautet die Ausgangsthese zu meinem Projekt „Fremde Verwandtschaft“[1], sich mit Bäumen verwandt zu machen und zwar, indem sie ökologische Beziehungen in narrative Verknüpfungen umwandeln. Weiterlesen

“Dresden. Die zweite Zeit” – ein Literaturtipp zu 30 Jahren Deutsche Einheit

Von Thomas Bürger

“es gibt keine Heimat, wenn es sie in uns selbst nicht gibt”
Kurt Drawert: Spiegelland, 1992

Als Stadtschreiber kam Kurt Drawert 2018 zurück nach Dresden, in die Stadt, in der er von 1967 bis 1984, rund 17 Jahre gelebt hat. 1956 in Henningsdorf bei Berlin geboren, wirkt Drawert seit 1996 als freier Schriftsteller in Darmstadt. Mit “Dresden. Die zweite Zeit” lässt er uns in romanhaft-essayistischer Form seine Wiederbegegnung mit Dresden miterleben, ein aufwühlendes Buch. Eine schonungslose Selbstreflexion seiner Begegnung mit sich selbst, mit seinem Elternhaus, mit dem Dresden der 1960er bis 1980er-Jahre, „als ich hier lebte und meine Jugend an ein Land verlor, das meines nie wurde“.

In Dresden schmerzte ihn damals und schmerzt ihn heute vor allem Zerrissenheit, Gereiztheit und Aggressivität. Mit seinem Buch „Spiegelland“ hatte er 1992 seinen Söhnen die “Abtrennung vom Namen des Vaters”, die Annahme des Namens seiner Frau erklärt: Der Großvater verleugnete seine Nazibegeisterung („in ihm war die braune Unterwäsche enthalten, auf der die rote Kleidung getragen wurde“), sein Vater, ein Polizeibeamter, behandelte den unangepassten Sohn wie ein „verkommenes Subjekt“, die Mutter versuchte durch permanentes Putzen äußeren Glanz zu bewahren.

Porträt Kurt Drawert. Foto: Ute Döring, April 2012 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

In seinem Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ (2008) reflektierte Drawert ein weiteres Mal sein „Rätseldasein“ zwischen „Abrichtung“ und Entkommen. Als Hilfsarbeiter in der Sächsischen Landesbibliothek konnte er verbotene Bücher lesen, betätigte sich als heimlicher Abschreiber und „Verteiler des Wissens“. „Meine innere Ausheilung der vielen Verletzungen … verdanke ich allein der Existenz dieser mithin hauptsächlich im Giftschrank zu findenden Bücher.“ Die Bibliothek ist für ihn ein Archiv der ideologischen Irrtümer und Lügen und gleichzeitig der Ausweg zu Bildung und zum Selberdenken. Mitläufertum ist ihm zuwider. „Das Begrüßungsgeld … lehnte ich übrigens ab.“

Im aktuellen Buch „Dresden. Die zweite Zeit“ kommt Drawert schnell auf PEGIDA zu sprechen. Weiterlesen

Aus der Blogosphäre: Stadtgeschichte in der Dresdner Straßenzeitung drObs

Im Hypotheses-Blog “Kliotop” schreibt Alexander Kästner über eine seit 2016 bestehende Kooperation zwischen dem Institut für Geschichte der TU Dresden und dem drobs e.V., der die gleichnamige Dresdner Straßenzeitung herausgibt. Hier bietet sich

die Möglichkeit für Studierende, eigene Beiträge mit stadthistorischem Bezug für die Straßenzeitung zu verfassen, teils als reguläre Prüfungsleistungen, teils aus freiem Antrieb, immer unter kritischer Begutachtung durch KommilitonInnen und durch die Redaktion der Zeitschrift und nicht zuletzt im Blick einer breiten Öffentlichkeit. […] Geschichte und Leben, hier kommt beides auch für Diejenigen zusammen, die Geschichte nicht zu ihrem Lebensinhalt machen konnten. Alle AutorInnen erzielen so eine Wirksamkeit, die kein „Impact Factor“ jemals messen kann … und zum Glück auch nicht muss. […] Es ist nach wie vor erstaunlich, was ein paar spontane Ideen, glückliche Umstände und die Motivation und Begeisterung aller Beteiligten bewirken konnten.

Mehr zu dieser spannenden Zusammenarbeit, in deren Rahmen bereits mehr als 30 Artikel zur Dresdner Stadt- und sächsischen Landesgeschichte veröffentlicht worden sind, gibt es unter https://kliotop.hypotheses.org/327.

Dresden aus historischen Perspektiven – ein 4D-Stadtmodell zum virtuellen Erkunden

Von Heike Messemer, Cindy Kröber, Ferdinand Maiwald und Jonas Bruschke

Haben Sie sich auch einmal gefragt wie sich (Stadt-)Fotografie im Laufe der Zeit gewandelt hat? Wurde das Kronentor Anfang des 20. Jahrhunderts beispielsweise öfter oder aus anderen Perspektiven fotografiert als zur Zeit der DDR?

Auf diese Fragen können Sie hier Antworten finden: Die Nachwuchsforschungsgruppe HistStadt4D, ein Zusammenschluss von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der TU Dresden und der Universität Würzburg, erarbeitet hierzu eine digitale Online-Anwendung, einen sogenannten 4D-Browser (Abb. 1). Dieses frei zugängliche Tool umfasst ein virtuelles dreidimensionales (3D) Stadtmodell von Dresden. User*innen können sich darin frei bewegen und Dresden aus beliebigen Perspektiven erkunden. Entwickelt wird der 4D-Browser insbesondere für Kunst- und Architekturhistoriker*innen und Historiker*innen sowie für alle, die sich für historische Fotografien und Stadtgeschichte interessieren.

Abb. 1: Digitales 3D-Stadtmodell von Dresden im 4D-Browser (© HistStadt4D 2020)

Eine Besonderheit ist, dass hunderte historische Fotografien im Stadtmodell verortet sind (Abb. 1). Das bedeutet, dass von diesen historischen Aufnahmen der genaue Kamerastandpunkt – also die Position des Fotografen – bestimmt wurde. Weiterlesen

Nearby: die St.-Jakobus-Kirche in Pesterwitz

Von Jens Bemme

Pesterwitz Kirche

St.-Jakobus-Kirche in Pesterwitz, vom Dorfplatz aus gesehen (Wikimedia Commons/Stefan Kühn, Lizenz: CC BY-SA 3.0).

Nearby liegt – von Dresden in Richtung Westen – Pesterwitz, oder Oberpesterwitz wie das Dorf im 19. Jahrhundert hieß. Plötzlich macht diese Nähe was mit einem, und man geht täglich in die Kirche und kümmert sich um zuvor unbeachtete Details: offene Kulturdaten. Um sie geht es in diesem Text.

St.-Jakobus, die Kirche von Pesterwitz, fand ich nicht nearby durch Wikidata. St.-Jakobus liegt am Weg für alle, die im Hofladen gegenüber einkaufen. Dass St.-Jakobus eine Pilgerkirche ist, steht am Ortseingang;

eine täglich offene Kirche

steht im Mitteilungskasten vor dem Pfarramt geschrieben. Täglich, außer an Tagen, an denen sie verschlossen ist. Das mag an Pflasterarbeiten gelegen haben, die am 7. Mai stattfanden. Heute – einen Tag später – war das Pflaster noch nicht ganz erneuert, die Türen aber waren offen. Recherchen für einen Blogpost in der laufenden Kalenderwoche wurden so möglich.

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Das zeigte die Sächsische Akademie der Künste nach 1800: Ausstellungskataloge in Wikisource

Ein Projektbericht von Andreas Wagner

Dr. Holger Birkholz ist Konservator für die Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Im Mai 2019 sprachen wir über Wikisource und Wikipedia und er regte an, die Kataloge der Jahresausstellungen der Kurfürstlichen/Königlichen Sächsischen Akademie der Künste auf Wikisource zu transkribieren. Dadurch würde die Auswertung der Kataloginhalte wesentlich erleichtert und die wissenschaftliche Erschließung wie z. B. die Suche nach bestimmten Künstlern und Künstlerinnen und deren Werken ungemein befördert. Für mich war klar, dass diese Kataloge ein wertvolles und unverfälschtes Quellenmaterial zur Dresdner Kunstgeschichte darstellen.

Als Dresdner und Kunstfreund ist es mir wichtig, für die Dresdner Kunstsammlungen und Kunstgeschichte relevante Beiträge auf Wikisource zur Verfügung zu stellen. Inzwischen ist dafür eine Themenseite Königliche Sammlungen für Wissenschaft und Kunst zu Dresden entstanden.

Von Dr. Birkholz wurde ebenfalls angeregt, zeitgenössische Rezensionen mit zu bearbeiten und diese mit den Katalogen zusammenzuführen. Ich konnte bei der Arbeit feststellen, dass das Nachforschen und Finden von Rezensionen in den zeitgenössischen Zeitschriften und anderer Literatur eine sehr spannende und interessante Aufgabe ist. So werden doch die Ausstellungen von den Rezensenten völlig unterschiedlich besprochen. Die Ausstellung von 1804 (ein Digitalisat dieses Kataloges konnte leider noch nicht gefunden werden) wird von der „Zeitung für die elegante Welt“ mit den folgenden Worten eingeleitet: „… und obgleich der Stücke weit über 300 sind, so sind doch nur wenige einiger Auszeichnung werth.“ (Jg. 1804, Nr. 41 vom 5. April, Sp. 323 bis 325).

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