Waldbrände in Europa und weltweit lenken unseren Blick auf das ‘Feuer’ in Sammlungen digitaler Bibliotheken. Große und kleine Brandkatastrophen beschäftigen die Menschheit seit jeher und haben einen reichen historischen Wortschatz rund um Feuer, Brände und das Feuerwehrwesen hervorgebracht. Diese Vokabeln finden und spiegeln sich in überlieferten Zeitungen, Verordnungen, Berichten und vielen weiteren Quellen wider.
Man kennt sie als Bierdeckel, Bierteller oder Bierfilz – jene Pappscheiben, die als Getränkeuntersetzer vor allem in Kneipen und Restaurants ganz selbstverständlich zum Getränk gereicht werden, um Tischoberflächen vor Feuchtigkeit zu schützen. Doch auch diesem unscheinbaren Alltagsgegenstand wohnt ein bemerkenswerter Quellenwert inne: Willkommen im Summer of Ephemera.
Unter Ephemera versteht man Drucksachen und Objekte des täglichen Gebrauchs, etwa Fahr- und Eintrittskarten, Werbezettel, Verpackungen, Postkarten – und eben auch Bierdeckel. Sie werden meist in großer Stückzahl produziert, wirken auf den ersten Blick banal und sind oft nur für den kurzfristigen Gebrauch bestimmt. Gerade deshalb sind sie für die Geschichtswissenschaft so wertvoll: Sie verbinden Funktionalität mit Werbung, Design und spiegeln Alltag, Mentalitäten sowie visuelle Codes ihrer Zeit häufig unmittelbar wider.
Historisch betrachtet sind Bierdeckel eng mit Sachsen und der sächsischen Industriegeschichte verbunden.1 Die Entwicklung der heute bekannten Form geht maßgeblich auf einen sächsischen Erfinder zurück. Der Vorläufer des modernen Bierdeckels entstand im späten 19. Jahrhundert. Nachdem im Magdeburger Stadtteil Buckau seit etwa 1880 bereits Bierglasuntersetzer aus Karton hergestellt und bedruckt wurden, gelang dem aus Dresden stammenden Papierfabrikanten Robert Sputh 1892 eine tiefgreifende Weiterentwicklung. In seiner eigens errichteten Papiermühle in Sebnitz-Mittelndorf, der sogenannten Sputhmühle, entwickelte er ein Verfahren zur Herstellung von Holzfilzplatten und Holzfilzdeckeln. Dabei wurde ein Papierbrei in runde Formen gegossen und anschließend getrocknet, was im Gegensatz zu früheren Fertigungsmethoden günstiger war und Massenproduktion erlaubte. Für diese Innovation erhielt Sputh ein Patent. Die Sputhmühle blieb bis 1937 in Betrieb.
Die primäre Funktion des Bierdeckels ist offensichtlich: Er dient als Untersetzer für Getränke, schützt Tischplatten und Tischdecken vor Kondenswasser, verhindert Ränder und Abdrücke und kann außerdem als Abdeckung gegen Insekten oder Schmutz im Glas verwendet werden. Zugleich ist der Bierdeckel in aller Regel bedruckt – meist mit Werbung für Brauereien, Getränkemarken oder Veranstaltungen – und fungiert damit als kostengünstiges Werbemedium. Darüber hinaus erfüllt er situativ ganz andere Aufgaben. Bierdeckel dienen als Baumaterial für Kartenhäuser, werden mit Notizen, spontanen Ideen oder kleinen Zeichnungen versehen oder als Strichlisten für die konsumierten Getränke genutzt, um bei der Abrechnung den Überblick zu behalten [Abb. 2].
[Abb. 2] Bieruntersetzer zur 750 Jahrfeier Dresdens 1956, VEB Dresdner Felsenkeller, mit Bleistiftstrichen.
Besonders aufschlussreich ist jedoch ihre Gestaltung. Als Bildquellen geben Bierdeckel Einblicke in die Vorstellungswelten ihrer Entstehungszeit.
Werbung und Markenkommunikation: Bierdeckel werben für Produkte, Dienstleistungen oder Veranstaltungen. Logos, Schriftarten, Slogans und Bildwelten vermitteln Einblicke in Markenstrategien und das Selbstverständnis unterschiedlichster Akteur:innen – von Brauereien über selbstbewusste Kommunen bis hin zu wissenschaftlichen Konsortien. Mitunter enthalten sie auch Hinweise auf die produzierenden Betriebe, etwa Pappenwerke oder Holzpappenfabriken.
Zeitgeschichtliche Ereignisse und Erinnerungskultur: Manche Bierdeckel erinnern an Jubiläen, Unternehmensgründungen oder historische Ereignisse.
Stadt- und Landschaftsbilder: Bierdeckel zeigen Stadtansichten, historische Gebäude, Wahrzeichen oder idealisierte Ortsbilder. Sie vermitteln damit zeitgenössische Vorstellungen von lokaler Identität und kulturellem Erbe.
Symbolische und politische Botschaften: Farben, Embleme und Motive können Werte, politische Strömungen oder kollektive Identität transportieren. So symbolisierten beispielsweise Stadtwappen und -farben auf Bierdeckeln im zentralistischen Einheitsstaat DDR kommunale Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.
[Abb. 3] Bieruntersetzer zur 1000 Jahrfeier Großenhains 1954, hergestellt vom VEB Pappenwerk Großschirma Sa.
Wo finden wir Bierdeckel? Zunächst selbstverständlich in der Gastronomie, wo sie bis heute als alltägliche Gebrauchsgegenstände eingesetzt werden. Darüber hinaus sind sie beliebte Sammelobjekte und werden auf Online-Marktplätzen, Trödelmärkten oder Sammlerbörsen gehandelt. Auch in Gedächtniseinrichtungen sind sie anzutreffen. Findbucheinträge des Sächsischen Staatsarchivs, insbesondere des Staatsarchivs Leipzig, weisen Bierdeckel in verschiedenen Nachlässen nach – vermutlich als Ergebnis der Sammlungstätigkeit der Nachlassgebenden. Daneben begegnen sie sogar als Beweismittel in Gerichtsakten: So enthält eine Akte des Amtsgerichts Borna zu einem Betrugsfall aus dem Jahr 1940 den Vermerk „Bierdeckel mit gefälschten Eintragungen“. Auch digital sind historische Bierdeckel inzwischen zugänglich. Datenbanken wie museum-digital, die Deutsche Fotothek oder die Online-Findmittel der Archive machen sie recherchierbar und ermöglichen es, diese vermeintlich unscheinbaren Objekte als historische Quellen zu entdecken und zu erforschen.
[Abb. 4] Bieruntersetzer zur 800 Jahre Freiberg 1986
So zeigt sich, dass selbst ein alltäglicher Bierdeckel weit mehr sein kann als ein einfacher Getränkeuntersetzer. Wenn zum kurzlebigen Gebrauch konzipierte Alltagsgegenstände die Zeiten überdauern, bewahren sie Spuren von Konsum, Werbung, Gestaltung, gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Alltagskultur. Wer genauer hinsieht, entdeckt auf wenigen Quadratzentimetern mitunter ein überraschend dichtes Stück Zeitgeschichte.
[Abb. 6] Bieruntersetzer des NFDI-Konsortien-Verbunds Text+
‘Summer of Ephemera’ steht 2026 im Saxonica-Team der SLUB für Beiträge über vergängliche Medien und Sammelobjekte: Bierdeckel, Zettel, Plakate, Tanzkarten, Tafellieder und ähnliche Informationsträger in sächsischen Sammlungen, in institutionellen wie privaten. Uns interessiert der Wert von Ephemera für die Landeskunde: bislang unentdeckte, Forschungsfragen, blinde Flecken in Sammlungen, Erschließungsgeschichten und die Potentiale, die mit neuen Verknüpfungen und sozial-medialer Aufmerksamkeit entstehen.
(Q140779645) ist das Wikidata-Item dieses Beitrags.
Die Melodie eines Tafellieds sollte unter den Festgästen bekannt sein.
Diese Zeile steht heute auf der Startseite der deutschsprachigen Wikipedia unten in der Rubrik Schon gewusst?, um Neugier zu wecken.1
Der Wikipediaartikel Tafellied ist neu. Er entstand am 14. Juni2 auf Grundlage der Tafellieder in der SLUB3, Transkriptionen mit der Wikisource-Gemeinschaft4, Funden in sächsischen Archiven und Blogbeiträgen, um die Literaturgattung wieder bekannt zu machen.5 Spannend ist vor allem, was seit der Veröffentlichung mit dem Artikel passiert.
Der Artikel wurde am 20. Juni für die Startseitenrubrik Schon gewusst vorgeschlagen und erst skeptisch kommentiert. Die Herausforderung: Es gibt sehr wenig Literatur über Tafellieder, um Aussagen belegen zu können ohne grundlegend neue Forschung zu publizieren. Der Tafellied-Artikel ist gleichwohl ‘Stand der Forschung’. Denn der Text in der Wikipedia wuchs durch die Bearbeitungen und die Recherchen Dritter.6
Solche Dynamiken der Kommunikation und Wissensproduktion sind mit die wichtigsten bzw. wertvolle Wirkungen von Wikipediaartikeln für z. B. landesbibliothekarische Themen aus Sachsen. Tafellieder gab und gibt es in vielen Gegenden, was eine Suche im Archivportal-D beweist.7 Ein räumlicher Schwerpunkt der Erschließung ist seit ein paar Jahren die SLUB Dresden durch uns im Saxonica-Referat und engagierte Kolleginnen im Sächsischen Staatsarchiv.
Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg, 1897-09-25, Nr. 224, S. 8, via Wikimedia Commons.
Ob Tafellieder in Sachsen8 tatsächlich öfter gedichtet und gesungen wurden als bspw. in Berlin, Wismar, Stuttgart9 und Thüringen10, kann man nicht einfach ableiten. Solche Fragen sind offen.
Für Grundlagenforschung fehlen uns Zeit, Auftrag und Ressourcen: Wir stehen am Anfang der Lernkurve Tafellied und am Anfang der Wissensproduktion. Neugier und Interesse können wir wecken. Die bibliografische Erschließung für die Sächsische Bibliografie läuft.
Wikipedia:
Ein Tafellied ist ein Lied, das für eine bestimmte festliche Gelegenheit gedichtet wird, um gemeinsam bei einer Liedertafel oder sonstigen Tafelrunden gesungen zu werden.11
Günter Kempcke, Ruth Klappenbach, H. Malige-Klappenbach: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Band 5. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2022, ISBN 978-3-11-257820-9, S. 3681. [↩]
Die auf den ersten Blick unscheinbaren Motive von Landschaften, Städten sowie Kulturdenkmälern zielten auf identitätsstiftende Prozesse ab. Sie sollten Werte und Gefühle einer homogenen sächsischen ‘Heimat’ vermitteln. […] Dabei waren die Bildinhalte keineswegs neu: Motive von Landschaften und Sehenswürdigkeiten knüpften an bereits etablierte und immer wiederkehrende Bildästhetiken an, die sich im kulturellen Gedächtnis der sächsischen Bevölkerung gefestigt hatten.
In seinem Hypotheses-Blog “Bienengeschichte” untersucht Max Grund eine Sage aus der Sächsischen Schweiz mit Blick auf Ihren Quellenwert für die Geschichte der Waldbienenhaltung im Elbsandsteingebirge. Demnach sei ein ortansässiger Ritter aufgrund eines Angriffs durch einen Bienenschwarm aus einem Fenster zu Tode gestürzt. Das Fazit:
Es kann […] als durchaus wahrscheinlich bezeichnet werden, dass die Sage um die Honigsteine wie auch deren Name auf die Zeidlerei um Rathen zurückgeht. Urkundliche Beweise hierfür lassen sich jedoch leider nicht finden, da sich quasi keine Aufzeichnungen über das Rathen jener Zeit erhalten haben. Im einschlägigen Hohnsteiner Amtserbbuch des frühen 16. Jahrhunderts finden sich für Rathen keine Honigzinsen, wohl aber für andere Orte in der Sächsischen Schweiz. Auszuschließen ist sie für das Spätmittelalter deshalb jedoch keineswegs, da auch in Rathen die Holznutzung bereits in die Seitentäler der Elbe ausgegriffen hatte und mögliche Nebennutzungen möglicherweise verdrängte.
Vor anderthalb Jahrhunderten veränderte der Staat mit der Einführung der Zivilehe und der flächendeckenden Beurkundung des Personenstandes die Erfassung von Lebenswegen grundlegend. Anlässlich dieses Jubiläums möchten wir Wissenschaft, Archivwesen, Genealogie und Citizen Science zusammenbringen, um die historische Entwicklung der Standesämter sowie klassische und moderne Auswertungs- und Nutzungsmöglichkeiten ihrer Quellenbestände zu beleuchten.
LEBENS|DATEN. Staatliches Register – genealogische Ressource – kollektives Gedächtnis: 150 Jahre Standesämter in Sachsen
Wann? Freitag & Sonnabend, 5. & 6. Juni 2026 Wo? SLUB-Zentralbibliothek (Dresden, Zellescher Weg 18)
Unsere Tagung schlägt den Bogen von den Anfängen der Standesämter bis hin in die Gegenwart:
Aufbruch & Herausforderungen
In den Blick werden zunächst die historisch-politischen Rahmenbedingungen und administrativen Hürden genommen, unter denen Zivilehe und staatliches Personenstandswesen eingeführt wurden.
Epochen & Zäsuren
Die Vorträge verfolgen außerdem deren Entwicklung durch verschiedene historische Epochen – wie die Instrumentalisierung im Dritten Reich – und betrachten den Wandel von Grundpfeilern wie Ehe- und Namensrecht.
Forschung & Methoden
Von der traditionellen genealogischen Recherche bis hin zu modernen, datengestützten Analysen sollen Möglichkeiten der Erschließung und Auswertung betrachtet und das enorme Potenzial dieses Quellenschatzes neu ausgelotet werden.
Ein detailliertes Programm sowie Informationen zur Anmeldung und zu einem vorbereitenden Workshop folgen in Kürze.
Abb. 1: König Albert von Sachsen, um 1895. Foto: Rudolph Kramer (SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Rechte vorbehalten)
Im Feuilleton des Dresdner Journals vom 22. Oktober 1885 vermeldete Ernst Wilhelm Förstemann, der damalige Direktor der Königlichen Öffentlichen Bibliothek (KÖB) zu Dresden, einer Vorgängereinrichtung der heutigen Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB): „Durch die Gnade Sr. Majestät des Königs hat die hiesige königl. öffentl. Bibliothek in diesen Tagen einen Schatz erhalten, wie er ihr in solchem Umfange seit einem Jahrhundert nicht zu Theil geworden ist.“[1] Damit sind gut 20.000 Bände aus der Schlossbibliothek Oels in Schlesien gemeint, die nach dem Tod des regierenden Herzogs Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg (1806–1884) als Erbe an dessen Vetter König Albert von Sachsen (reg. 1873–1902) (Abb. 1) gefallen waren.
Den Grundstein zu dieser Bibliothek legten die Herzöge von Münsterberg (Ziębice) aus dem böhmischen Adelsgeschlecht von Podiebrad im 16. Jahrhundert in ihren Schlössern zu Oels (Oleśnica) und zu Bernstadt (Bierutów). Nachdem das Herzogtum Oels 1648 an die Herzöge von Württemberg gefallen war, wurde 1699 die Bernstädter mit der Oelser Sammlung vereinigt und nach großem Zuwachs durch private Bibliotheken im 18. Jahrhundert im Sophiensaal, einem ehemaligen Festsaal des Oelser Schlosses aufgestellt (Abb. 2). 25 Jahre nach der Übernahme des Herzogtums Oels durch das Haus Braunschweig-Lüneburg (1792) kam die Entwicklung der Bibliothek zum Stillstand. Zwischen 1825 und 1836 kamen über 2.000 Bände abhanden. Fachkundige Bibliothekare wurden durch nebenamtliche Aufseher ersetzt.[2]
Abb. 2: Schloss Oels von Süden, 1894. Foto: Hermann Krone (TU Dresden/Hermann-Krone-Sammlung, KAD-T-050/05 via SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Rechte vorbehalten)
So „war es ein Glück für die zahlreichen wertvollen Handschriften und kostbaren alten seltenen Drucke der Bibliothek, dass sie nun in gute Hände kommen“, wie es im Dezember 1885 im „Neuen Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekswissenschaft“ hieß.[3]Weiterlesen →
Perspektivisch kann die Auswertung der NSDAP-Mitgliederkartei über eine Sammlung von Einzelfällen hinaus helfen, weitere Einblicke in die politischen Verhältnisse innerhalb des größten sächsischen Rüstungskonzerns im „Dritten Reich“ zu gewinnen. […] Auch hinsichtlich des Einsatzes von HASAG-Angehörigen in den Zweigwerken im besetzten Polen werden durch die Auswertung der NSDAP-Karteien nicht nur zahlreiche neue Namen bekannt, sondern es können auch Bezüge zwischen Parteimitgliedschaft und Führungspositionen in der Betriebshierarchie untersucht werden. Außerdem wäre denkbar zu prüfen, wie sich die Parteimitglieder im Hinblick auf das Beschäftigungsverhältnis etwa auf Arbeiter:innen und Angestellte aufteilen, um weitere Einblicke in die soziale Struktur der HASAG zu erhalten.
Die Beteiligung an NS-Verbrechen bei der HASAG war keineswegs an eine Mitgliedschaft in der NSDAP geknüpft. Auch zahlreiche Männer und Frauen, die der Partei nicht angehörten, waren darin involviert. Angesichts der eklatanten Überlieferungslücke zur deutschen Belegschaft bietet die Veröffentlichung der NSDAP-Karteien nun die Möglichkeit, mit den Parteimitgliedern im Unternehmen zumindest ein konkretes und wesentliches Segment der „Betriebsgemeinschaft“ des Leipziger Rüstungskonzerns genauer in den Blick zu nehmen.
Die Geschichte des Feuerwehrwesens in Sachsen ist vielfältig und tief in der regionalen Alltags-, Verwaltungs- und Technikgeschichte verwurzelt. Um dieses kulturelle Erbe zu bewahren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, engagiert sich die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) seit vielen Jahren intensiv in der Digitalisierung historischer Quellen.
Die thematische Bandbreite ist groß. Die Kollektion enthält u. a.:
Feuerordnungen sächsischer Städte und Gemeinden,
Feuerwehrhandbücher,
Festschriften von Wehren und Verbänden,
Quellen zur historischen Feuerwehrtechnik sowie
Materialien zu Ausbildung und Dienstbetrieb.
Sie deckt damit rund fünf Jahrhunderte Feuerwehrgeschichte ab.
Neben Einzelbänden wurden in den vergangenen Jahren auch serielle Quellen digitalisiert. So ist die „Sächsische Feuerwehr-Zeitung“, das frühere Verbandsorgan des Landesverbandes sächsischer Feuerwehren, mit den Jahrgängen von 1886 bis 1907 online frei zugänglich. Sie bietet einen wertvollen Quellenfundus zur Entwicklung von Feuerwehr und Brandschutz in Sachsen.
Ein Beitrag zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust von Gabriela Brudzyńska-Němec1
Tarnów und Oświęcim – Oshpitzin und Tarne
Oświęcim war in der Vorkriegszeit eine typische polnische Kleinstadt im Süden des Landes; von den rund 12.000 Einwohnern war mehr als die Hälfte jüdisch. Nicht anders war es in der galizischen Großstadt Tarnów. Dort zählte man 1939 etwa 40.000 Einwohner und etwa die Hälfte gehörte zur jüdischen Bevölkerung. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts war sie Teil der Stadtgesellschaft, über Generationen hinweg verwurzelt im Alltag.
Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 durch das nationalsozialistische Deutschland und parallel durch die Sowjetunion annektierte das Deutsche Reich bereits im Oktober große Teile des Landes. Oświęcim wurde unmittelbar eingegliedert und in Auschwitz umbenannt, während Tarnów zum von den deutschen Besatzern errichteten Generalgouvernement gehörte.
In Oshpitzin und Tarne, wie Oświęcim und Tarnów auf Jiddisch hießen, endete 1939 das gewohnte Leben abrupt. Es wurde von da an untrennbar Teil der Geschichte der Shoah.
Der erste Transport nach Auschwitz im Juni 1940
Ab 1940 errichteten die Nationalsozialisten in Oświęcim ein Konzentrationslager. Es diente zunächst zur Inhaftierung politischer Gefangener aus dem besetzten Polen. Zwischen 1942 und 1944 entwickelte sich Auschwitz-Birkenau zum größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Bis Januar 1945 wurden dort über eine Million Menschen ermordet, darunter 960.000 Angehörige der jüdischen Bevölkerung aus ganz Europa. Unter den Opfern befanden sich zudem zehntausende Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene sowie Angehörige anderer Nationalitäten.
Ausgerechnet von Tarnów aus brach am 14. Juni 1940 der erste Transport mit politischen Häftlingen in Richtung Auschwitz auf (Abb. 1). Die 728 Männer wurden zuvor im Gebäude der Mikwe, dem jüdischen Ritualbad, zusammengetrieben, das die Deutschen zu einem provisorischen Gefängnis umfunktioniert hatten. Unter den Gefangenen befanden sich auch einige jüdische Intellektuelle.
Abb. 1: Gefangene werden auf Waggons verladen. Güterrampe am Bahnhof Tarnów, 14. Juni 1940 (via Wikimedia Commons)
Als am 27. Januar 1945 die Soldaten der 60. Armee des I. Ukrainischen Front der Roten Armee den Lagerkomplex Auschwitz‑Birkenau erreichten, konnten sie noch etwa 7.000 kranke und erschöpfte Überlebende befreien. Der Tag der Befreiung wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt und 2005 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ausgerufen.
An der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) ist dieser Tag in besonderer Weise mit der Arbeit der Provenienzforschung verbunden. Die in den Sammlungen aufgefundenen Bücher, die während der NS-Zeit auf unterschiedlichen Wegen geraubt wurden, zeugen unmittelbar vom Leid der Verfolgten und von den Verbrechen des NS-Regimes. Zugleich bewahren sie bleibende Spuren ihrer einstigen Eigentümer. Alte Stempel, Notizen und Widmungen auf den brüchigen Seiten sind dabei oft die letzten greifbaren Zeugnisse. In drei Fällen aus dem SLUB-Bestand führen die auf NS-Raubgut hinweisen Provenienzspuren direkt nach Tarnów:
Von Robin Reschke (Text) in Zusammenarbeit mit Celine Schultz und Lukas Braum (Präsentation und Recherche)
Einleitung
Nucleum ist ein 2023 erschienenes Eurogame von Dávid Turczi und Simone Luciani. Es spielt in einem fiktiven 19. Jahrhundert spielt, in dem die Erfinderin Elsa von Frühlingsfeld das Prinzip der Dampfgewinnung durch Uranverarbeitung entdeckt hat. Das primäre Spielziel besteht im Abbau von Uran und dem Bau von Kraftwerken sowie Eisenbahnschienen und Stromtrassen. Für die sächsische Landesgeschichte ist dieses Spiel deshalb relevant, da einerseits das Spielbrett Sachsen und einen Teil Tschechiens darstellt und es zum anderen um das Thema Uranbergbau geht.
Wie triftig die Anleihen aus der historischen Vorlage sind, lässt sich in mehreren Referenzebenen untersuchen: der sprachlich-textuellen, der visuellen, der räumlichen und der gegenständlichen. Ferner können die Motive und Vorlagen der Spieleentwickler durch Rückfragen ergründet werden.
Großveranstaltungen spielten für das öffentliche Auftreten der Nationalsozialisten eine zentrale Rolle. Sie wurden gezielt als ein Mittel eingesetzt, die Bilder einer disziplinierten und kraftvollen Bewegung zu erzeugen (vgl. Hagen 2008: 350 f.). Es gab Militärparaden, Feste oder Kundgebungen mit hochrangigen Funktionären, wie etwa der Wahlkampfbesuch Hermann Görings in Dresden im späten März 1936 (Abb. 1). Die sorgfältige Dokumentation und fortlaufende Reproduktion dieser Ereignisse in Fotografie, Film und Presse trug wesentlich dazu bei, dass sie bis heute die Vorstellungen über den Nationalsozialismus prägen (vgl. Hagen/Ostergren 2006: 175).
Abb. 1: Titel eines Artikels zur Großkundgebung mit Hermann Göring in der Straßenbahnhalle Waltherstraße Dresden am 22. März 1936. In: Der Freiheitskampf vom 23. März 1936, S. 5 f.
Der Fokus auf das „Spektakuläre“ versperrt jedoch den Blick auf andere, weniger beachtete Formen der öffentlichen Präsenz der Nationalsozialisten. Wie Lokalbeiträge und Veranstaltungsankündigungen des Dresdner NS-Presseorgans Der Freiheitskampf (FHK) zeigen, fand diese nicht nur in den sporadischen Höhepunkten ihren Ausdruck. Vielmehr entwickelten die Nationalsozialisten auch ein dichtes Netz aus regelmäßigen Parteiveranstaltungen und -aktivitäten. Sebastian Haffner schrieb 1939 aus dem englischen Exil heraus über „die Hakenkreuzfahnen überall, die braunen Uniformen, denen man nirgends auskam […]“ (Haffner 2000: 235) – ein zeitgenössischer Hinweis darauf, dass gerade diese Omnipräsenz der NS-Veranstaltungskultur den öffentlichen Raum und damit die unmittelbare Lebenswelt der Bevölkerung maßgeblich beeinflusste. Eine genauere Betrachtung der Veranstaltungsbeiträge im FHK, ihre exemplarische, digitale Visualisierung und Auswertung eröffnen daher eine Perspektive darauf, mit welcher Systematik der öffentliche Raum durch die Nationalsozialisten besetzt worden ist. Im Rahmen meiner Masterarbeit im Studiengang Digital Humanities an der Technischen Universität Dresden konnte ein digitales Modellierungssystem entworfen werden, das es ermöglicht, die Veranstaltungsbeiträge im FHK systematisch zu erfassen, die räumliche Dimension des NS-Veranstaltungsapparates zu visualisieren und auszuwerten. Einen ersten Einblick in diese Auswertungsmöglichkeiten möchte ich mit diesem Beitrag geben.
Der Mehrwert der digitalen Arbeit war für mein Projekt enorm, denn Frauen in der Deindustrialisierung haben nur selten Archivquellen hinterlassen – sie blieben in archivalischen Quellen oft unsichtbar. Durch die Arbeit mit den SOEP-Daten konnte ich die Lebenswege der Frauen nachzeichnen, ihre Sorgen und Ängste abbilden und weibliche Deindustrialisierung überhaupt erst greifbar machen. Hätte ich mich allein auf analoge Quellen verlassen, hätte ich meinen Untersuchungsgegenstand nur unzureichend beleuchten können. Die Verbindung von klassischen archivalischen Quellen und den digitalen Sozialdaten war für meine Arbeit sehr hilfreich.
Von Robin Reschke (Text) in Zusammenarbeit mit Marie Wogawa, Pia Schauer und Janine Möckel (Präsentation und Recherche)
1. Kurzvorstellung des Spiels
Escape from Colditz ist eine erstmals 1973 erschienene Fluchtsimulation, die die Flucht alliierter Offiziere aus dem Oflag IV C nachstellt und heute vom Osprey Verlag in einer Neuauflage herausgegeben wird. Das Spielbrett bildet den Grundriss des Schlosses nach, das in einem Wabenmuster organisiert ist. Gespielt wird mit klassischen Pöppeln, Würfeln und Karten, auf denen verschiedene Gegenstände abgebildet sind. Das Spiel gilt als wesentlicher Bestandteil der anglophonen Pop- und Erinnerungskultur.
Doch um welchen Ort handelt es sich überhaupt bei Colditz? Weshalb wurde dort ein Offiziersgefangenenlager eingerichtet und wie ist das Schloss historisch einzuordnen? Weiterlesen →