Schon gewusst? Wikipedia heute: Tafellied

Die Melodie eines Tafellieds sollte unter den Festgästen bekannt sein.

Diese Zeile steht heute auf der Startseite der deutschsprachigen Wikipedia unten in der Rubrik Schon gewusst?, um Neugier zu wecken.1

Der Wikipediaartikel Tafellied ist neu. Er entstand am 14. Juni2 auf Grundlage der Tafellieder in der SLUB3, Transkriptionen mit der Wikisource-Gemeinschaft4, Funden in sächsischen Archiven und Blogbeiträgen, um die Literaturgattung wieder bekannt zu machen.5 Spannend ist vor allem, was seit der Veröffentlichung mit dem Artikel passiert.

Der Artikel wurde am 20. Juni für die Startseitenrubrik Schon gewusst vorgeschlagen und erst skeptisch kommentiert. Die Herausforderung: Es gibt sehr wenig Literatur über Tafellieder, um Aussagen belegen zu können ohne grundlegend neue Forschung zu publizieren. Der Tafellied-Artikel ist gleichwohl ‘Stand der Forschung’. Denn der Text in der Wikipedia wuchs durch die Bearbeitungen und die Recherchen Dritter.6

Solche Dynamiken der Kommunikation und Wissensproduktion sind mit die wichtigsten bzw. wertvolle Wirkungen von Wikipediaartikeln für z. B. landesbibliothekarische Themen aus Sachsen. Tafellieder gab und gibt es in vielen Gegenden, was eine Suche im Archivportal-D beweist.7 Ein räumlicher Schwerpunkt der Erschließung ist seit ein paar Jahren die SLUB Dresden durch uns im Saxonica-Referat und engagierte Kolleginnen im Sächsischen Staatsarchiv.

Tafellied gesucht 1897
Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg, 1897-09-25, Nr. 224, S. 8, via Wikimedia Commons.

Ob Tafellieder in Sachsen8 tatsächlich öfter gedichtet und gesungen wurden als bspw. in Berlin, Wismar, Stuttgart9 und Thüringen10, kann man nicht einfach ableiten. Solche Fragen sind offen.

Für Grundlagenforschung fehlen uns Zeit, Auftrag und Ressourcen: Wir stehen am Anfang der Lernkurve Tafellied und am Anfang der Wissensproduktion. Neugier und Interesse können wir wecken. Die bibliografische Erschließung für die Sächsische Bibliografie läuft.

Wikipedia:

Ein Tafellied ist ein Lied, das für eine bestimmte festliche Gelegenheit gedichtet wird, um gemeinsam bei einer Liedertafel oder sonstigen Tafelrunden gesungen zu werden.11

https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tafellied&oldid=268551514

  1. De.Wikipedia: Archiv der Rubrik Schon gewusst, 06. Juli 2026, https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Hauptseite/Schon_gewusst/Archiv. []
  2. Wikipedia: Tafellied, 14. Juni 2026, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tafellied&oldid=267933637. []
  3. Daniel Fischer: Tafellieder sind kulturelles Erbe – Sammlung in der SLUB Dresden, Saxorum, 30. September 2025, https://doi.org/10.58079/14tm6. []
  4. Wikisource.de: Tafellieder, https://de.wikisource.org/wiki/Tafellieder. []
  5. Thekla Kluttig: Tafellieder – eine noch zu entdeckende Textgattung, SAXARCHIV-Blog, 16. Juni 2025, https://doi.org/10.58079/144tk. []
  6. Wikipedia: Versionsgeschichte des Artikels ‘Tafellied’, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tafellied&action=history. []
  7. Archivportal-D: Tafel*lied, https://www.archivportal-d.de/objekte?query=Tafel*lied []
  8. Beitragsbild: Tafellied und Mundart – in „Keeniglich Säcksische Värsche“, SLUB Dresden, Hist.Sax.H.350,40.g,11 []
  9. WLB Stuttgart: Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg, 1897-09-25, Nr. 224, S. 8, http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/kxp1811805795-18970925/page/8. []
  10. Schulportal Thüringen: Tafellieder – Informationen, Digitalisate und Einsatzmöglichkeiten im Bildungsbereich, 2026, https://www.schulportal-thueringen.de/media/detail?tspi=18946. []
  11. Günter Kempcke, Ruth Klappenbach, H. Malige-Klappenbach: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Band 5. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2022, ISBN 978-3-11-257820-9, S. 3681. []

Aus der Blogosphäre: Neues Forschungsprojekt zur Provenienzforschung an der SLUB Dresden

Ende Februar haben wir mit einem Beitrag von Gabriela Brudzyńska-Němec zuletzt aus den Aktivitäten der SLUB Dresden zur Provenienzforschung berichtet. Unlängst ist nun ein neuen Forschungsprojekt gestartet: Ziel ist es, in bis Januar 2028 in 300 Fällen die rechtmäßigen Erbinnen und Erben von Verfolgten zu recherchieren, deren Bücher sich bis heute im Bestand der SLUB befinden. Die Projektmitarbeiterinnen berichten darüber im Hypotheses-Blog “Retour. Freier Blog für Provenienzforschende”:

Neues Forschungsprojekt an der SLUB Dresden zur Ermittlung von Erbinnen und Erben bei NS-Raubgut-Fällen gestartet

Die Ergebisse bisheriger Projekte werden in der Reihe “Provenienzforschung in der SLUB” dokumentiert, die einzelnen Falldossiers darin auf den Dokumentenserver Qucosa veröffentlicht: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-727174.

Wettinische Ehekrisen: Die Fürstin und der Ehebruch

Von Maria Hauber

In meiner Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München untersuche ich vier Fälle, in denen Frauen aus der Dynastie Wettin (welche die sächsischen Herzogtümer und die Kurwürde innehatte) mit Ehebruchvorwürfen konfrontiert waren. Von diesen vier Frauen erreichte nur Elisabeth von Sachsen (1502–1557) die Rehabilitation und konnte sich unbeschadet auf ihren Witwensitz zurückziehen. Die anderen drei hatten weniger Glück: Sie wurden bis zum Ende ihres Lebens auf entlegenen Burgen und Klöstern gefangengesetzt. Anna von Oranien (1544–1577) und Anna von Sachsen-Coburg (1567–1613) mussten hinnehmen, dass ihr Ehegatte sich von ihnen scheiden ließ und neu heiratete. Elisabeth von Pfalz-Simmern (1552–1590) wiederum verstarb nach nur sechsmonatiger Haft unter ungeklärten, aber verdächtigen Umständen. Es ist nicht auszuschließen, dass sie im Auftrag ihres Gatten vergiftet wurde, wie einige Zeitgenossen glaubten. Mit meiner Dissertation möchte ich zu einem besseren Verständnis dazu beitragen, wie Familienehre, Dynastiepolitik und konfessionelle Abhängigkeiten in protestantischen Fürstentümern gegeneinander abgewogen wurden.

After Anthony Mor - Portrait of Anna of Saxony

Anna von Sachsen (1544–1577), Porträt von Anthonis Mor, 1560er Jahre (Muzeum Narodowe we Wrocławiu/Nationalmuseum Wrocław, VIII-720, via Wikimedia Commons)

Die weibliche Untreue in einer mit Herrschaftsrechten ausgestatteten Familie zog immer die Legitimität der Erbfolge in Frage und destabilisierte dadurch direkt die dynastische Herrschaft. Politische Feinde konnten diese Situation nutzen, um eigene Ansprüche durchzusetzen. Nichtsdestotrotz waren dem adligen Ehemann im Mittelalter insofern die Hände gebunden, als Ehebruch keine Annullierung einer Ehe legitimierte – er konnte seine Frau zwar verstoßen, blieb aber dennoch bis zum Ende seines Lebens nach lateinischem Kirchenrecht mit ihr verehelicht. Im Zeitalter der Reformation trat jedoch eine neue Situation ein. Mit der Verweltlichung der Ehe wurde für protestantische Fürsten eine Scheidung mit Option auf Wiederheirat möglich. Außerdem übernahm der Landesherr in Ermangelung einer ausdifferenzierten und funktionsfähigen protestantischen Geistlichkeit das Kirchenregiment. Theoretisch konnte sich daher ein protestantischer Fürst, dessen Frau mutmaßlich Ehebruch begangen hatte, selbst von ihr scheiden. Dies eröffnete natürlich auch die Möglichkeit, bestehende Gerüchte gegen die Ehefrau zu instrumentalisieren, um sich ihrer zu entledigen. Andererseits riskierte der Fürst damit aber nicht nur den Konflikt mit der Schwiegerfamilie, sondern auch das öffentliche Bekanntwerden des Vorfalls. Wenn eine Ehefrau im Verdacht stand, außereheliche sexuelle Kontakte zu unterhalten, sagte dies schließlich auch etwas über den „gehörnten“ Ehemann aus. Er hatte die patriarchalische Kontrolle verloren, war nicht in der Lage, seine Frau im Zaum zu halten und dementsprechend der Lächerlichkeit preisgegeben. Wie navigierten Akteure im 16. Jahrhundert diesen Zielkonflikt?

Weiterlesen

Aus der Blogosphäre: Das Kaufhaus Schocken in Nürnberg als “Projektionsfläche der Hetze”

Im Blog Mimeo des Leipziger Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow befasst sich Georg Seltmann mit der Geschichte des Schocken-Konzerns, der auf ein 1901 in Zwickau eröffnetes Warenhaus zurückgeht. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die 1926 erfolgte Eröffnung des Schocken-Kaufhauses in Nürnberg, das anlässlich des 25-jährigen Konzernjubiläums von Architekten Erich Mendelsohn entworfen wurde, der auf die Niederlassungen des Konzerns in Chemnitz und Stuttgart plante. Während der Neubau für Mendelsohn und den Inhaber Salman Schocken ein erfolgreiches Sinnbild für fortschrittliche Zweckmäßigkeit und moderne Gestaltungskraft war und sich bei der Nürnberger Bevölkerung rasch großer Beliebtheit erfreute, wurde das Warenhaus zeitgleich zur zentralen Projektionsfläche antisemitischer Hetze. Insbesondere die von Julius Streicher herausgegebene Zeitschrift Der Stürmer nutzte das Kaufhaus und dessen moderne Architektur, um durch Artikel, Karikaturen und Gedichte ein radikal antisemitisches, christlich-jüdisch dualistisches Weltbild zu propagieren und gegen die angebliche “jüdische Hochfinanz” zu hetzen. Angesichts der nach 1933 zunehmend aggressiveren Bedrohungslage und der drohenden Enteignungen sah sich Salman Schocken zur Emigration nach Palästina gezwungen, von wo aus er sein unternehmerisches Wirken, soweit wie möglich, fortführte.

Weiterlesen hier: https://mimeo.dubnow.de/projektionsflaeche-der-hetze

Kaufhaus Schocken in Nürnberg, ca. 1930 (Bildarchiv Foto Marburg, Fotokonvolut: Archiv Dr. Franz Stoedtner via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Wie der sächsische Anstaltspsychiater Hermann Paul Nitsche zum Täter während der NS-„Euthanasie“ wurde

Von Judith Marie Nitschke

Menschen- und Freiheitsrechte gelten als selbstverständlich – doch das sind sie weder heute, noch waren sie es vor über 90 Jahren. Fast ein Jahrhundert nach den „Euthanasie“-Verbrechen fehlt es in der deutschen Gesellschaft vielfach noch immer an einem umfassenden Bewusstsein und einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. So gilt es sich bewusst zu machen, dass politische Umbrüche, die Krisen hervorrufen, Radikalisierungsstrukturen fördern. Einen Teil der Aufarbeitung hierfür können Täterbiografien leisten, wofür ich im Folgenden ein Beispiel vorstellen möchte: den Lebensweg des Psychiaters Hermann Paul Nitsche (1876–1948) (Abb. 1).

Abb. 1: Porträt von Hermann Paul Nitsche. Quelle: Roemer, Hans/Rüdin, Ernst: Herrn Obermedizinalrat Professor Dr. Paul Nitsche zum 60. Geburtstag. In: Zeitschrift für psychische Hygiene 9 (1936), S. 129 (gemeinfrei)

Anstaltspsychiater und -direktoren sowie Leiter psychiatrischer Forschungsanstalten oder universitärer Abteilungen tragen Verantwortung für die Verbrechen an nahezu 200.000 psychisch kranken und behinderten Anstaltspatientinnen und -patienten während des Nationalsozialismus. Täterbiografien der Beteiligten an der nationalsozialistischen „Euthanasie“ rekonstruieren die Radikalisierungsprozesse von medizinischen Akteuren der Zeit und wenden sich einem individuellen Akteur aus der Täterperspektive zu. Ziel dieser biografisch orientierten Forschung ist es, einzuordnen, wie und unter welchen Bedingungen – also Strukturen, Motiven und individuellen Handlungsspielräumen – Menschen eine Täterkarriere einschlugen. Damit leistet dieser Ansatz einen mikrohistorischen Beitrag im großen Kontext der Täterforschung.

Weiterlesen

Aus der Blogosphäre: Mit Francesca Weil im Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig

In der Reihe “Zwischen den Regalen” geben Nutzende der Deutschen Nationalbibliothek “Einblicke in ihre Arbeit, stellen Projekte vor und erzählen ihre Geschichte”. In der aktuellen Ausgabe berichtet die Historikerin Francesca Weil vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden (HAIT) über ihre lange Verbindung mit den Beständen und Lesesälen des Leipziger Standorts, der just heute durch den angekündigten Stopp der Umsetzung des dringend benötigten fünften Erweiterungsbaus deutschlandweit in die Schlagzeilen gelangte. Thematisiert wird im Interview u.a. das Verbundprojekt DIKUSA, über das wir im Blog schon verschiedentlich berichtet haben.

Zwischen den Regalen – Francesca Weil

Spuren der Vernichtung, Spuren des Lebens: Bücher aus dem südpolnischen Tarnów der Vorkriegszeit in der SLUB Dresden

Ein Beitrag zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust von Gabriela Brudzyńska-Němec1

Tarnów und Oświęcim – Oshpitzin und Tarne

Oświęcim war in der Vorkriegszeit eine typische polnische Kleinstadt im Süden des Landes; von den rund 12.000 Einwohnern war mehr als die Hälfte jüdisch. Nicht anders war es in der galizischen Großstadt Tarnów. Dort zählte man 1939 etwa 40.000 Einwohner und etwa die Hälfte gehörte zur jüdischen Bevölkerung. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts war sie Teil der Stadtgesellschaft, über Generationen hinweg verwurzelt im Alltag.

Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 durch das nationalsozialistische Deutschland und parallel durch die Sowjetunion annektierte das Deutsche Reich bereits im Oktober große Teile des Landes. Oświęcim wurde unmittelbar eingegliedert und in Auschwitz umbenannt, während Tarnów zum von den deutschen Besatzern errichteten Generalgouvernement gehörte.

In Oshpitzin und Tarne, wie Oświęcim und Tarnów auf Jiddisch hießen, endete 1939 das gewohnte Leben abrupt. Es wurde von da an untrennbar Teil der Geschichte der Shoah.

Der erste Transport nach Auschwitz im Juni 1940

Ab 1940 errichteten die Nationalsozialisten in Oświęcim ein Konzentrationslager. Es diente zunächst zur Inhaftierung politischer Gefangener aus dem besetzten Polen. Zwischen 1942 und 1944 entwickelte sich Auschwitz-Birkenau zum größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Bis Januar 1945 wurden dort über eine Million Menschen ermordet, darunter 960.000 Angehörige der jüdischen Bevölkerung aus ganz Europa. Unter den Opfern befanden sich zudem zehntausende Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene sowie Angehörige anderer Nationalitäten.

Ausgerechnet von Tarnów aus brach am 14. Juni 1940 der erste Transport mit politischen Häftlingen in Richtung Auschwitz auf (Abb. 1). Die 728 Männer wurden zuvor im Gebäude der Mikwe, dem jüdischen Ritualbad, zusammengetrieben, das die Deutschen zu einem provisorischen Gefängnis umfunktioniert hatten. Unter den Gefangenen befanden sich auch einige jüdische Intellektuelle.

Güterrampe am Bahnhof Tarnów, 14. Juni 1940

Abb. 1: Gefangene werden auf Waggons verladen. Güterrampe am Bahnhof Tarnów, 14. Juni 1940 (via Wikimedia Commons)

Als am 27. Januar 1945 die Soldaten der 60. Armee des I. Ukrainischen Front der Roten Armee den Lagerkomplex Auschwitz‑Birkenau erreichten, konnten sie noch etwa 7.000 kranke und erschöpfte Überlebende befreien. Der Tag der Befreiung wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt und 2005 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ausgerufen.

An der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) ist dieser Tag in besonderer Weise mit der Arbeit der Provenienzforschung verbunden. Die in den Sammlungen aufgefundenen Bücher, die während der NS-Zeit auf unterschiedlichen Wegen geraubt wurden, zeugen unmittelbar vom Leid der Verfolgten und von den Verbrechen des NS-Regimes. Zugleich bewahren sie bleibende Spuren ihrer einstigen Eigentümer. Alte Stempel, Notizen und Widmungen auf den brüchigen Seiten sind dabei oft die letzten greifbaren Zeugnisse. In drei Fällen aus dem SLUB-Bestand führen die auf NS-Raubgut hinweisen Provenienzspuren direkt nach Tarnów:

Heinrich Margulies: Kritik des Zionismus, Band 1, Wien 1920, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1120405300

Jakob Oettinger: Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, Den Haag 1916, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1120440653

Joseph Braun: Handbuch der Paramentik, Freiburg im Breisgau 1912, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1117226883

Folgen wir diesen Spuren …

Weiterlesen

  1. Eine gekürzte Version des Beitrags erschien unter dem Titel „Wege der Erinnerung zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Bücher aus Tarnów in der SLUB“ am 26. Januar 2026 im SLUBlog, https://blog.slub-dresden.de/beitrag/2026/01/26/wege-der-erinnerung-zum-internationalen-tag-des-gedenkens-an-die-opfer-des-holocaust-buecher-aus-tarnow-in-der-slub. []

Sächsische Landesgeschichte im Brettspiel: Nucleum

Von Robin Reschke (Text) in Zusammenarbeit mit Celine Schultz und Lukas Braum (Präsentation und Recherche)

Einleitung

Nucleum ist ein 2023 erschienenes Eurogame von Dávid Turczi und Simone Luciani. Es spielt in einem fiktiven 19. Jahrhundert spielt, in dem die Erfinderin Elsa von Frühlingsfeld das Prinzip der Dampfgewinnung durch Uranverarbeitung entdeckt hat. Das primäre Spielziel besteht im Abbau von Uran und dem Bau von Kraftwerken sowie Eisenbahnschienen und Stromtrassen. Für die sächsische Landesgeschichte ist dieses Spiel deshalb relevant, da einerseits das Spielbrett Sachsen und einen Teil Tschechiens darstellt und es zum anderen um das Thema Uranbergbau geht.

Cover von Nucleum. Foto: Robin Reschke (© Board & Dice, 2023)

Analyse des Spiels

Wie triftig die Anleihen aus der historischen Vorlage sind, lässt sich in mehreren Referenzebenen untersuchen: der sprachlich-textuellen, der visuellen, der räumlichen und der gegenständlichen. Ferner können die Motive und Vorlagen der Spieleentwickler durch Rückfragen ergründet werden.

Weiterlesen

Kartierte Machtdemonstration: Ein digitaler Zugang zur Besetzung des öffentlichen Raumes durch nationalsozialistische Veranstaltungen während des Reichstagswahlkampfes 1936 in Dresden

Von Henrik Selle

Großveranstaltungen spielten für das öffentliche Auftreten der Nationalsozialisten eine zentrale Rolle. Sie wurden gezielt als ein Mittel eingesetzt, die Bilder einer disziplinierten und kraftvollen Bewegung zu erzeugen (vgl. Hagen 2008: 350 f.). Es gab Militärparaden, Feste oder Kundgebungen mit hochrangigen Funktionären, wie etwa der Wahlkampfbesuch Hermann Görings in Dresden im späten März 1936 (Abb. 1). Die sorgfältige Dokumentation und fortlaufende Reproduktion dieser Ereignisse in Fotografie, Film und Presse trug wesentlich dazu bei, dass sie bis heute die Vorstellungen über den Nationalsozialismus prägen (vgl. Hagen/Ostergren 2006: 175).

Abb. 1: Titel eines Artikels zur Großkundgebung mit Hermann Göring in der Straßenbahnhalle Waltherstraße Dresden am 22. März 1936. In: Der Freiheitskampf vom 23. März 1936, S. 5 f.

Der Fokus auf das „Spektakuläre“ versperrt jedoch den Blick auf andere, weniger beachtete Formen der öffentlichen Präsenz der Nationalsozialisten. Wie Lokalbeiträge und Veranstaltungsankündigungen des Dresdner NS-Presseorgans Der Freiheitskampf (FHK) zeigen, fand diese nicht nur in den sporadischen Höhepunkten ihren Ausdruck. Vielmehr entwickelten die Nationalsozialisten auch ein dichtes Netz aus regelmäßigen Parteiveranstaltungen und -aktivitäten. Sebastian Haffner schrieb 1939 aus dem englischen Exil heraus über „die Hakenkreuzfahnen überall, die braunen Uniformen, denen man nirgends auskam […]“ (Haffner 2000: 235) – ein zeitgenössischer Hinweis darauf, dass gerade diese Omnipräsenz der NS-Veranstaltungskultur den öffentlichen Raum und damit die unmittelbare Lebenswelt der Bevölkerung maßgeblich beeinflusste. Eine genauere Betrachtung der Veranstaltungsbeiträge im FHK, ihre exemplarische, digitale Visualisierung und Auswertung eröffnen daher eine Perspektive darauf, mit welcher Systematik der öffentliche Raum durch die Nationalsozialisten besetzt worden ist. Im Rahmen meiner Masterarbeit im Studiengang Digital Humanities an der Technischen Universität Dresden konnte ein digitales Modellierungssystem entworfen werden, das es ermöglicht, die Veranstaltungsbeiträge im FHK systematisch zu erfassen, die räumliche Dimension des NS-Veranstaltungsapparates zu visualisieren und auszuwerten. Einen ersten Einblick in diese Auswertungsmöglichkeiten möchte ich mit diesem Beitrag geben.

Weiterlesen

Sächsische Landesgeschichte im Brettspiel: Escape from Colditz

Von Robin Reschke (Text) in Zusammenarbeit mit Marie Wogawa, Pia Schauer und Janine Möckel (Präsentation und Recherche)

1. Kurzvorstellung des Spiels

Escape from Colditz ist eine erstmals 1973 erschienene Fluchtsimulation, die die Flucht alliierter Offiziere aus dem Oflag IV C nachstellt und heute vom Osprey Verlag in einer Neuauflage herausgegeben wird. Das Spielbrett bildet den Grundriss des Schlosses nach, das in einem Wabenmuster organisiert ist. Gespielt wird mit klassischen Pöppeln, Würfeln und Karten, auf denen verschiedene Gegenstände abgebildet sind. Das Spiel gilt als wesentlicher Bestandteil der anglophonen Pop- und Erinnerungskultur.

Cover der aktuellen Neuausgabe von Escape from Colditz. Foto: W. Eric Martin, https://boardgamegeek.com/image/3117438/escape-from-colditz (© Osprey Games 2016)

2. Geschichte von Schloss Colditz

Doch um welchen Ort handelt es sich überhaupt bei Colditz? Weshalb wurde dort ein Offiziersgefangenenlager eingerichtet und wie ist das Schloss historisch einzuordnen? Weiterlesen

Sächsische Landesgeschichte im Brettspiel: Kreuz und quer durchs Sachsenland

Von Robin Reschke (Text) in Zusammenarbeit mit Hannah Forster, Richard Kerk und Sarah Cosmar (Präsentation und Recherche)

Das 1946 beim Verlag Walter Flechsig Dresden erschienene Spiel Kreuz und quer durchs Sachsenland ist ein klassisches Roll-and-Move-Spiel auf einer Sachsenkarte. 2021 veröffentlichte der Verlag Spika GmbH eine weitgehend unveränderte Neuauflage. Inhaltlich geht es bei dem Spiel um eine Reise durch Sachsen. Die Spieler:innen starten in Dresden und müssen die Stadt als Spielziel wieder als erstes erreichen.

Entstehungshintergrund

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Verlag Walter Flechsig in Dresden die Spieleproduktion wieder auf. Der Mangel an Produktionsstätten sowie an Fachpersonal und Ressourcen verlangten den Spieleentwickler:innen ein gewisses Maß an Improvisationstalent ab. Neben der Wiederverwertung alter Produkte bedeutete das unter anderem auch, neue Spieleideen umzusetzen. Dabei kooperierte der Verlag mit kleineren, regionalen Herstellern. Der Anspruch war, Spiele sowohl als Unterhaltungs- als auch als Lernmedium zu präsentieren.

Weiterlesen

Sächsische Landesgeschichte im Brettspiel: La Bataille de Dresde 1813

Von Robin Reschke (Text) in Zusammenarbeit mit Michael Jahn und Tim Nitzschner (Präsentation und Recherche)

Was ist die Reihe La Bataille?

Das Spiel La Bataille de Dresde 1813 ist Teil der Rehe La Bataille oder auch Les Batailles dans l’Âge de l’Empereur Napoléon Premier. Den Anfang der Reihe machte die Veröffentlichung von La Bataille de la Moscowa, das 1975 bei Marshall Enterprises erschien. Bei der Reihe handelt es sich um sog. Hex and Counter Wargames, d. h. das Spiel- bzw. Schlachtfeld ist in Sechsecke aufgeteilt, die von kleinen Plättchen, Counter genannt, belegt werde und die – je nach militärischer Größenordnung – Einheiten abbilden. Ab 1984 übernahm der Verlag Clash of Arms die Publikation der Reihe, die bis heute läuft, mittlerweile 32 Ausgaben umfasst und damit Schlachten im Zeitraum von 1796 (z. B. Lodi) bis 1815 (Wavre) abdeckt. Das englischsprachige Regelwerk unterteilt sich in eine komplexere (63 Seiten) und in eine vereinfachte Variante (26 Seiten).

Cover von La Bataille de Dresde. Foto: W. Eric Martin, https://boardgamegeek.com/image/3166131/la-bataille-de-dresde (© Clash of Arms Games 2015)

Geschichte von Wargames/Kriegsspielen

Der Ursprung von Wargames/Kriegsspielen oder auch Konfliktsimulationen geht auf Schach zurück. Ursprünglich aus dem indischen und arabischen Kulturkreis kommend, etablierte sich das Spiel spätestens seit dem Hochmittelalter fest in Europa. Weiterlesen

Kamenzer Weihnachtsmärkte im 19. Jahrhundert

Von Max Grund

Die genauen Ursprünge des Kamenzer Weihnachtsmarkts, der bis in das 20. Jahrhundert hinein eigentlich Christmarkt hieß, liegen im Dunkeln der Geschichte. Auch die folgende kleine Studie kann sich nicht auf die Spurensuche nach seinem Anfang machen. Vielmehr möchte ich einige Streiflichter auf den Kamenzer Weihnachtsmarkt des 19. Jahrhunderts werfen. Eine Zeit, in welcher nicht nur gesellschaftliche Umbrüche, sondern auch ein verheerender Stadtbrand über die kleine Stadt an der Schwarzen Elster hinwegzogen. Findet man spuren dieser Zeitläufte in Bezug auf den Kamenzer Christmarkt? Und wie muss man sich einen solchen Weihnachtsmarkt in einer Kleinstadt der Mitte des 19. Jahrhunderts überhaupt vorstellen? Begeben wir uns auf eine kleine Spurensuche. Ausgangspunkt für die nachfolgenden Beobachtungen sind die Inserate, Annoncen und Verlautbarungen in der seit 1822 wöchentlich im Verlag Carl Samuel Krausche erscheinenden Kamenzer Wochenschrift.[1]

Christbaum in Kamenz 1963

Christbaum in Kamenz 1963. Quelle: Stadtarchiv Kamenz

Ablauf und Zeitpunkt

Der Kamenzer Christmarkt fand immer am Donnerstag vor Weihnachten statt.[2] Da das eigentliche Weihnachtsfest erst am 25. Dezember ist, konnte es also vorkommen, dass der Christmarkt am Tag des Heiligen Abends abgehalten wurde.[3] Der Christmarkt scheint dabei im Laufe der Zeit den regulären Wochenmarkt von seinem Termin verdrängt zu haben. Immer wieder ist zu lesen, dass dieser nach dem Christmarkt, abweichend am folgenden Dienstag stattfinden sollte. Zumindest, wenn dieser nicht auf in die Weihnachtsfeiertage fiel.[4] Ob der Christmarkt auch im Jahr des großen Stadtbrandes von 1842 abgehalten wurde, kann nicht sicher gesagt werden. Es haben sich bisher erst aus dem Jahr 1844 neuerliche Zeugnisse des Marktes finden lassen.[5] Denkbar ist, dass im Katastrophenjahr selbst materielle und finanzielle Ressourcen fehlten. Weiterlesen

Die SLUB Dresden gedenkt der Folgen der NS-Diktatur mit einem neuen Mahndepot am Japanischen Palais

Von Nadine Kulbe

Das Kunst- und Geschichtsprojekt „Gravuren des Krieges – Mahndepots in Dresden“ erinnert seit 2001 an die Folgen des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur in Dresden. An Orten, die während dieser Jahre in der Stadt eine besondere Rolle gespielt haben, werden Edelstahlhülsen in den Boden eingelassen. Sie enthalten einen kurzen Text über die Geschichte des Ortes sowie ein Foto, das den Zustand bei der Einlassung zeigt. Seit dem Start des Projekts wurden mehr als 60 Mahndepots verlegt und damit ebenso viele Orte als Schauplätze des Nationalsozialismus markiert. Nun kommt im 80. Jahr nach dem Ende des NS-Regimes mit dem Japanischen Palais als Sitz der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek (SLB) ein weiterer Ort hinzu.

 Japanisches Palais, Eingangsfront, 1925

Abb. 1: Walter Hahn: Japanisches Palais, Eingangsfront, 1925 (SLUB/Deutsche Fotothek, df_hauptkatalog_0305018).

Deutsche Bibliotheken übernahmen im Nationalsozialismus eine aktive Rolle. Sie waren in die NS-Propaganda eingebunden, mussten NS-Literatur bevorzugt zur Verfügung stellen, setzten Verordnungen des Staates ihr Personal, die Nutzenden und die Kulturpolitik betreffend um, sie profitierten von den Enteignungen politischer Gegner:innen, von Jüdinnen und Juden und von den als jüdisch deklarierten Menschen, so der Dresdner Romanist Victor Klemperer. Und schließlich bekamen Bibliotheken die Folgen des von NS-Deutschland angezettelten Weltkriegs unmittelbar zu spüren: durch die Zerstörung von Gebäuden bei Bombenangriffen, durch die Vernichtung von Beständen im Feuer oder den Verlust von Büchern mit Abtransport der Alliierten. All dies gilt auch für die ehemalige SLB – an ihrem Sitz, dem Japanischen Palais in Dresden, werden die NS-Diktatur und deren Folgen offensichtlich.[1]

Die Institution

Das Japanische Palais am heutigen Palaisplatz 11 war von 1786 bis 1945 der Sitz der SLB, einer Vorgängerin der heutigen Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Weiterlesen

Sächsische Landesgeschichte im Brettspiel: Schlösserspiel. Auf Tour durch die Schlösser der Region

Von Florentine Krupper

Das Schlösserspiel ist ein vom Tourismusverband Das Zeitsprung Land – Tourismusregion Zwickau herausgegebenes Brettspiel, das die Spieler auf eine spielerische Reise durch verschiedene Burgen und Schlösser in Sachsen und Thüringen mitnimmt. Dabei ist eine Version des Spiels im Jahr 2022, eine andere 2024 erschienen.1 In diesem Bericht soll vornehmlich erstere betrachtet werden, wobei jedoch ein Exkurs zur Folgeversion erfolgt. Zum Spielen benötigt werden ein Würfel, welcher digital oder analog benutzt werden kann, und Spielfiguren, wobei es möglich ist, diese auszuschneiden, wenn man keine zur Hand hat. Das Spiel besteht aus einem Spielplan, verschiedenen Informationsfelder zu Schlössern, einem Link zu einer Würfel-App sowie Spielfiguren zum Ausschneiden. Das Spiel wurde als Werbespiel für die Schlösser und Burgen der Region Zwickau und Umgebung entworfen und soll die Spieler dazu anregen, die Schlösser selbst erkunden zu wollen.

Ziel des Spiels ist es durch Würfeln die Ziellinie als Erstes zu erreichen. Dabei bewegen sich die Spieler entlang eines festgelegten Pfades, wobei sie an verschiedenen Baudenkmälern der Region entlangkommen. Das Spiel enthält auch Ereignisfelder, die das Vorankommen beschleunigen oder auch behindern können. Dies kann beispielsweise durch das Aussetzen einer Runde geschehen.

Spielplan des Schlösserspiels, 2022 (Das Zeitsprungland – Tourismusregion Zwickau e.V., Lizenz: CC BY-ND 4.0)

Der Spielplan stellt entsprechend eine Karte mit verschiedenen Schlössern und Burgen der Region dar, aber auch andere markante Landschaftsmerkmale wie zum Beispiel die Zwickauer Mulde oder die Zschopau sind in das Spiel eingebunden. Weiterlesen

  1. Weiterhin existiert eine noch etwas ältere Ausgabe unter dem Titel Schlösserspiel im Zeitgeistreich. []