Das verschwundene jüdische Leipzig. Digitale Wiederentdeckung von Orten jüdischer Religionsausübung in Leipzig

Von Erik Fuhrken

Einführung

Wer heute durch Leipzig geht, wird nur an wenigen Orten auf Hinweise auf jüdisches Leben stoßen. Schnell entsteht der Eindruck, die jüdische Gemeinde habe in der Stadt nie eine bedeutende Rolle gespielt. So zählte die Leipziger jüdische Gemeinde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weniger als 30 Mitglieder (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Erst bis 2023 konnte die Gemeinde wieder auf über 1.200 Gemeindemitglieder anwachsen und ist damit heute die größte jüdische Gemeinde Ostdeutschlands (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 37).

Das besonders einschneidende Ereignis im Nationalsozialismus hinsichtlich der räumlichen Präsenz von Jüdinnen und Juden sind die Pogromereignisse vom 9. November 1938 (Ristau 2018). Mit der Verwüstung und Entweihung jüdischer Synagogen und Gebetshäuser sowie der anschließenden Schließung dieser Einrichtungen wurde das religiöse Leben der Gemeinde dauerhaft zerstört (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Insgesamt sind die Zerstörung von mindestens drei Synagogen, vier Bethäusern, einer Friedhofskapelle sowie die Niederbrennung der beiden großen Synagogen in der Gottschedstraße (Abb. 1) und Otto-Schill-Straße belegt (Trautmann 2024: 42). In dem folgenden Beitrag will ich mittels einer digitalen Rekonstruktion herausfinden, wie sichtbar jüdisches Leben vor 1938 wirklich war und inwiefern die jüdische Gemeinde die Stadt Leipzig räumlich prägte. War Leipzig vor dem Nationalsozialismus also nur eine Stadt mit einer kleinen jüdischen Minderheit oder ist dieser Eindruck vor allem das Ergebnis der Zerstörung und des Vergessens?

Abb. 1: Synagoge in der Gottschedstraße, Ansicht von Nordosten. Stich von Alfred Krauße nach einer Zeichnung von Adolf Eltzner, 1850 (Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Kupferstich-Kabinett via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit der Georeferenzierung der einzelnen Orte der Religionsausübung kann die religiöse Vielfalt Leipzigs vor der Reichspogromnacht gezeigt werden. Unter Orten der Religionsausübung können Betstuben in Privatwohnungen verstanden werden, Betstuben einzelner jüdischer Vereine, Synagogen oder von jüdischen Vereinen betriebene Ritualbäder. Darüber hinaus soll die räumliche Darstellung verdeutlichen, wie sich die jüdische Gemeinde im Laufe der Zeit entwickelte und wuchs. Dies geschieht durch eine farbliche Kennzeichnung der Orte nach ihrem Gründungszeitraum. Abschließend sollen alle Orte der Religionsausübung auf einem historischen Stadtplan der Stadt Leipzig projiziert und dargestellt werden. Weiterlesen →

Alles auf Anfang? Gedanken zu Flucht, Exil und Emanzipation jüdischer Künstlerinnen und Akademikerinnen im Zuge der NS-Herrschaft

Von Anne Olsen und Georg Langenberg

Frauen, die sich in den 1920er Jahren ein hohes Maß an Eigenständigkeit erarbeitet hatten, wurden durch Flucht und Exil in eine prekäre Lage versetzt: Ihre bislang erreichten Freiheiten ließen sich unter den neuen Lebensbedingungen nicht ohne Weiteres aufrechterhalten. In ihrem Streben nach Selbstbestimmung standen sie mitunter wieder am Anfang. Diese Problemstellung bildet den Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit jüdischen Akademikerinnen und Künstlerinnen, die vor dem NS-Regime fliehen mussten. Der Verlust beruflicher Netzwerke sowie sozialer und finanzieller Sicherheit konnte ihre Handlungsspielräume erheblich einschränken. Wie tiefgreifend die damit einhergehenden biografischen Brüche waren, unterschied sich jedoch von Frau zu Frau. Bereits erreichte Formen der Emanzipation mussten unter den veränderten Lebensbedingungen des Exils neu behauptet und ausgehandelt werden.

Abb. 1: Jüdische geflüchtete Österreicherin bei ihrer Ankunft in Harwich, 12. Dezember 1938. Quelle: National Archives and Records Administration, College Park, MD, Source Record ID: 306-NT-648-F-2, Public Domain.

In der deutschsprachigen Forschung zur Flucht jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen nehmen die Perspektiven betroffener Frauen bisher noch zu wenig Raum ein, insbesondere im Hinblick auf Emanzipations- und Emotionserfahrungen. Dabei ermöglichen ihre Biografien Einblicke in vielschichtige Lebensgeschichten, die von Hoffnung, Mut und Selbstbehauptung, aber auch von Verlust, Sehnsucht und Rückschlägen geprägt waren. Diesem Desiderat widmet sich das Forschungsvorhaben „Weibliche Emanzipation, Migration und Traditionen – Das Beispiel geflüchteter jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen (1933–1945)“ von Francesca Weil. Es geht der Frage nach, wie sich biografische Brüche durch Flucht und Exil konkret auf die Emanzipation dieser Frauen auswirkten. Im Rahmen unserer Mitarbeit an dem Projekt widmen wir uns der biographischen Recherche zu einzelnen Frauen. Dabei wurde uns schnell und eindrücklich bewusst, wie vielfältig diese Erfahrungen das soziale und berufliche Leben sowie die individuellen Emanzipationsprozesse prägten. Der vorliegende Beitrag stellt auf der Grundlage der einschlägigen biografischen Literatur diese Vielfalt exemplarisch anhand von sechs Frauen und ihren Lebensgeschichten dar, darunter auch Gerda Taro, die in Leipzig in antifaschistischen Kreisen politisiert wurde, und die Dresdnerin Lea Grundig. Ein abschließender Vergleich macht sichtbar, wie unterschiedlich sie mit dem Verlust ihrer Ausgangspositionen vor der Flucht umgingen. Weiterlesen →

Spielspaß aus dem Drucker: Sind Print-and-Play-Spiele Ephemera?

Von Robin Reschke

Denkt man an vergängliche Dokumente, kommen einem vermutlich zunächst kurzlebige Drucke wie Bierdeckel, Menükarten oder Tafellieder in den Sinn – Ephemera sind Medien, die nach meist einmaliger Nutzung ihren Zweck erfüllt haben. Das steht zunächst im völligen Kontrast zu analogen (und erst recht zu digitalen) Spielen, die sich erst durch eine lange Nachnutzbarkeit qualifizieren: je hochwertiger das Material, desto länger ist der Spielspaß. Print-and-Play-Spiele dagegen sind in Eigenproduktion hergestellte und daher schnell verfügbare Spiele, die auf dem Do-it-yourself-Konzept basieren. In diesem Beitrag möchte ich kursorisch der Frage nachgehen, inwiefern solche Spiele als Ephemera zu bewerten sind, ohne mich dabei explizit im Rahmen der sächsischen Landesgeschichte zu bewegen, wie es die anderen Beiträge dieser Reihe tun.

Das Spiel 12 Parsecs als Print-and-Play-Version (Quelle: https://boardgamegeek.com/image/5842250/12-parsecs)

Analoge Spiele (Brettspiele, Kartenspiele, …) stehen im Kontrast zu den üblichen Medien, die meist auf Kurzlebigkeit ausgerichtet sind? Das stimmt nur teilweise. Weiterlesen →

Geschichte zum Kleben. Werbemarken und ihr Wert für die Landesgeschichte

Von Max Grund

Wenn auf dem Blog Saxorum der „Summer of Ephemera“ ausgerufen wird, dann gilt es, diesem Ruf zu folgen. Daniel Fischer berichtete hier neulich vom Quellenwert des Bierdeckels, welcher in seiner Aussagekraft als Zeitzeuge bisher noch unterschätzt sei.[1] Ich möchte dieser Beobachtung gern eine weitere, bisher ebenfalls noch völlig unterschätzte, Quellengattung zur Seite stellen: die sogenannten Werbemarken.[2]

Diese Form der Ephemera kam kurz vor 1900 auf. Werbemarken waren und sind ein ganz spezielles Druckerzeugnis. Sie wurden zumeist im Buchdruck- oder Lithografieverfahren, seltener als Lichtdruck gedruckt und durchliefen anschließend eine Perforiermaschine. Das Papier entsprach oft dem der Briefmarken. Ähnlich wie bei heutigen Werbeaufklebern ist ihr zentraler Sinn, auf ihrem Untergrund, aber auch im Gedächtnis der sie Sehenden haften zu bleiben. Doch stellt sich die Praxeologie der Werbemarke etwas anders als bei heutigen Werbestickern dar. Während uns Aufkleber heute überall begegnen von der Uni-Toilette über Zugabteile bis hin zu Laptopdeckeln, waren Werbemarken ursprünglich einem sehr bestimmten Ort verhaftet – nämlich auf Postsendungen und in Sammelalben.[3] Nicht von ungefähr sind Werbemarken in der Regel ähnlich den Briefmarken mit den markanten Zähnen an ihrem Rand versehen. Diese Zähnung dürfte nicht nur produktionstechnische Gründe gehabt haben. Auch Kaufmannsbilder[4] wurden in großer Masse unter das Volk gebracht und das ganz ohne Zähnung. Vielmehr dürfte die Zähnung der Werbemarke zusätzlich dazu gedient haben, auch ohne Erklärung zu vermitteln, dass diese auf Postkarten, Briefe oder Paketsendungen geklebt werden sollten. Hierzu diente schließlich auch die Gummierung auf ihrer Rückseite, welche sie ebenfalls von normalen Sammelbildern unterschied. Gleichzeitig wurden Werbemarken zu keiner Zeit als Wertzeichen genutzt, was sie klar von den Briefmarken und anderen Wertmarken unterscheidet. Ihr Sinn war ein rein optischer. Sie waren damit quasi die „blinden Passagiere“ der Briefmarken.

Abb. 1: Werbemarken für Wanderluststrumpffabrikate der Firma Wilhelm Dohmen (Chemnitz) anlässlich der Leipziger Löwenjagd am 19. Oktober 1913 (Quelle: Wikimedia Commons)

In ihrer Eigenschaft als postalische Werbebotschafter unterschieden sie sich auch von den durch Daniel Fischer vorgestellten eher ortstreuen Bierdeckeln. Während erstere meist in mit der darauf abgebildeten Marke verbundenen Lokalen oder an bestimmten Orten zu spezifischen Anlässen ausgegeben wurden und in Gebrauch waren, konnten Werbemarken einen ganz anderen Aktionsradius entwickeln. Zumeist erhielt man die Marken im Geschäft beim Kauf eines Produkts vom Markenbogen oder sie lagen den Produkten bei.[5] Einmal gezielt in Umlauf gebracht, verteilten sie sich mit den Postsendungen übers Land und konnten auf diese Weise auch größere Distanzen zurücklegen. Während die Nutzungsorte der Bierdeckel also mehr oder minder von den ausgebenden Entitäten kontrolliert werden konnten, war die Werbemarke auf die anarchische Verbreitung ihrer Botschaft in der Welt ausgelegt. Gleichzeitig entstanden für die Werbenden auf diese Weise neben der Produktion quasi keine Kosten, da das Porto für die Verbreitung der Werbebotschaft durch die Versendenden übernommen wurde. Außerdem wurden Werbemarken von Anfang an auch gesammelt, wofür gesonderte Alben vertrieben wurden. Die ältesten Werbemarken lassen sich bis in das Jahr 1894 zurückverfolgen.[6] Die ersten Sammelkataloge und auf Werbemarken bezüglichen Zeitschriften erschienen im Jahr 1898.[7] Eine Vorreiterrolle nahm hierbei der Leipziger Verleger Walther Fiedler (1860-1926) ein. Zugleich war das Sammeln von Werbemarken ungleich schwieriger als bei Briefmarken oder Kaufmannsbildern, da auf ihnen nur äußerst selten die zugehörige Serie abgedruckt wurde.[8] So war es Sammlerinnen und Sammlern fast unmöglich, zu ermitteln, welche Marken zu welcher Serie gehörten. Teilweise fehlte es auch schlicht am Überblick über die vorhandenen Marken. In den Sammelalben führte dies zu recht bunten Mischungen, welche auch heute noch eine Erschließung dieser Druckgrafiken in Archiven, Bibliotheken und Sammlungen erschwert. Glücklich konnte sich daher schätzen, wer keine einzelnen Marken, sondern direkt den gesamten Bogen der Reihe erhielt.

Angesichts der potenziellen Verbreitung über große Distanzen und des Zwecks der Bewerbung bestimmter Dinge kommt den auf den Werbemarken abgebildeten Motiven ein großer historischer Quellenwert zu. Weiterlesen →

Bierdeckel im ‘Summer of Ephemera’ – kleine Pappscheiben, großer Quellenwert

Von Daniel Fischer

Man kennt sie als Bierdeckel, Bierteller oder Bierfilz – jene Pappscheiben, die als Getränkeuntersetzer vor allem in Kneipen und Restaurants ganz selbstverständlich zum Getränk gereicht werden, um Tischoberflächen vor Feuchtigkeit zu schützen. Doch auch diesem unscheinbaren Alltagsgegenstand wohnt ein bemerkenswerter Quellenwert inne: Willkommen im Summer of Ephemera.

Unter Ephemera versteht man Drucksachen und Objekte des täglichen Gebrauchs, etwa Fahr- und Eintrittskarten, Werbezettel, Verpackungen, Postkarten – und eben auch Bierdeckel. Sie werden meist in großer Stückzahl produziert, wirken auf den ersten Blick banal und sind oft nur für den kurzfristigen Gebrauch bestimmt. Gerade deshalb sind sie für die Geschichtswissenschaft so wertvoll: Sie verbinden Funktionalität mit Werbung, Design und spiegeln Alltag, Mentalitäten sowie visuelle Codes ihrer Zeit häufig unmittelbar wider.

Robert Sputh

Abb. 1: Porträt von Robert Sputh, Fotoatelier Hahn, Sebnitz, 1900.

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Spielen in der DDR, oder: eine Reise durch das verschwundene Land Sachsen

Von Henrik Schwanitz

Abb. 1: Brettspiel Eine Reise durch Sachsen, VEB Kartonagen- und Bürobedarf Karl-Marx-Stadt, 1965

Der folgende Beitrag schaut auf ein Objekt der DDR-Alltagswelt, das die Themen Spielen und Reisen in der sozialistischen Gesellschaft berührt und dabei Überraschendes bereithält: Im Fokus steht das Brettspiel Eine Reise durch Sachsen, das 1965 durch den VEB Kartonagen- und Bürobedarf Karl-Marx-Stadt herausgegeben worden ist (Abb. 1). So weit, so nüchtern, mag man meinen. Doch sowohl Spiel als auch Herausgeber sind bereits interessant, handelte es sich doch bei dem vom Namen her unscheinbaren VEB Kartonagen- und Bürobedarf zum einen um den 1952 gegründeten Nachfolger des Chemnitzer Brückner-Verlags. Dieser hatte in den 1930er- und 40er-Jahren Brettspiele produziert und vermutlich bereits 19411 mit Eine Reise durch Sachsen und den Sudetengau ein ähnliches Spiel vorgelegt. Zum anderen entwickelte sich aus dem VEB wenig später der in der DDR für seine Familienspiele bekannte und beliebte VEB Spielewerk Karl-Marx-Stadt, kurz SPIKA, dessen Spiele seit 2016 sogar wieder eine Renaissance erleben.

Das Spielprinzip ist einfach: Bis zu sechs Personen bewegen sich mittels eines Würfelwurfs auf dem Spielbrett, das einer Landkarte Sachsens nachempfunden ist. Die Bewegung findet dabei entlang der nummerierten Städte statt. Start und Zielpunkt ist Dresden. Wer die damalige Bezirkshauptstadt zuerst erreicht, ist Sieger. Die Spielanleitung verspricht dabei eine „Reise durch das vielgestaltige Sachsenland, die durch die zerklüftete Felsenwelt der Sächsischen Schweiz, in das Zittauer Gebirge, durch die waldreichen Gebiete des Erzgebirges und des Vogtlands, die von tiefeingeschnittenen Flußtälern unterbrochen werden“, führt.

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  1. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/345743) wie im Anschluss daran auch Robin Reschke in seinem Saxorum-Beitrag (https://saxorum.hypotheses.org/8489) datieren das Spiel auf das Jahr 1932. Allerdings verweisen sowohl der Begriff „Sudetengau“ sowie die Existenz eines Druckvermerks darauf, dass das Spiel erst nach 1939 bzw. wahrscheinlich sogar vielmehr Anfang der 1940er-Jahre veröffentlicht wurde. Die Webseite BoardGameGeek verzeichnet als Publikationsjahr 1941, was diese Datierung unterstreicht (https://boardgamegeek.com/boardgame/113192/eine-reise-durch-sachsen-und-sudetengau). Für den Hinweis zum Druckvermerk danke ich Dr. Frank Metasch. – Anm. der Redaktion: Das kürzlich antiquarisch für den Bestand der SLUB beschaffte Exemplar wurde mit „um 1939“ datiert. [↩]

Kamenzer Weihnachtsmärkte im 19. Jahrhundert

Von Max Grund

Die genauen Ursprünge des Kamenzer Weihnachtsmarkts, der bis in das 20. Jahrhundert hinein eigentlich Christmarkt hieß, liegen im Dunkeln der Geschichte. Auch die folgende kleine Studie kann sich nicht auf die Spurensuche nach seinem Anfang machen. Vielmehr möchte ich einige Streiflichter auf den Kamenzer Weihnachtsmarkt des 19. Jahrhunderts werfen. Eine Zeit, in welcher nicht nur gesellschaftliche Umbrüche, sondern auch ein verheerender Stadtbrand über die kleine Stadt an der Schwarzen Elster hinwegzogen. Findet man spuren dieser Zeitläufte in Bezug auf den Kamenzer Christmarkt? Und wie muss man sich einen solchen Weihnachtsmarkt in einer Kleinstadt der Mitte des 19. Jahrhunderts überhaupt vorstellen? Begeben wir uns auf eine kleine Spurensuche. Ausgangspunkt für die nachfolgenden Beobachtungen sind die Inserate, Annoncen und Verlautbarungen in der seit 1822 wöchentlich im Verlag Carl Samuel Krausche erscheinenden Kamenzer Wochenschrift.[1]

Christbaum in Kamenz 1963

Christbaum in Kamenz 1963. Quelle: Stadtarchiv Kamenz

Ablauf und Zeitpunkt

Der Kamenzer Christmarkt fand immer am Donnerstag vor Weihnachten statt.[2] Da das eigentliche Weihnachtsfest erst am 25. Dezember ist, konnte es also vorkommen, dass der Christmarkt am Tag des Heiligen Abends abgehalten wurde.[3] Der Christmarkt scheint dabei im Laufe der Zeit den regulären Wochenmarkt von seinem Termin verdrängt zu haben. Immer wieder ist zu lesen, dass dieser nach dem Christmarkt, abweichend am folgenden Dienstag stattfinden sollte. Zumindest, wenn dieser nicht auf in die Weihnachtsfeiertage fiel.[4] Ob der Christmarkt auch im Jahr des großen Stadtbrandes von 1842 abgehalten wurde, kann nicht sicher gesagt werden. Es haben sich bisher erst aus dem Jahr 1844 neuerliche Zeugnisse des Marktes finden lassen.[5] Denkbar ist, dass im Katastrophenjahr selbst materielle und finanzielle Ressourcen fehlten. Weiterlesen →

Die SLUB Dresden gedenkt der Folgen der NS-Diktatur mit einem neuen Mahndepot am Japanischen Palais

Von Nadine Kulbe

Das Kunst- und Geschichtsprojekt „Gravuren des Krieges – Mahndepots in Dresden“ erinnert seit 2001 an die Folgen des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur in Dresden. An Orten, die während dieser Jahre in der Stadt eine besondere Rolle gespielt haben, werden Edelstahlhülsen in den Boden eingelassen. Sie enthalten einen kurzen Text über die Geschichte des Ortes sowie ein Foto, das den Zustand bei der Einlassung zeigt. Seit dem Start des Projekts wurden mehr als 60 Mahndepots verlegt und damit ebenso viele Orte als Schauplätze des Nationalsozialismus markiert. Nun kommt im 80. Jahr nach dem Ende des NS-Regimes mit dem Japanischen Palais als Sitz der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek (SLB) ein weiterer Ort hinzu.

 Japanisches Palais, Eingangsfront, 1925

Abb. 1: Walter Hahn: Japanisches Palais, Eingangsfront, 1925 (SLUB/Deutsche Fotothek, df_hauptkatalog_0305018).

Deutsche Bibliotheken übernahmen im Nationalsozialismus eine aktive Rolle. Sie waren in die NS-Propaganda eingebunden, mussten NS-Literatur bevorzugt zur Verfügung stellen, setzten Verordnungen des Staates ihr Personal, die Nutzenden und die Kulturpolitik betreffend um, sie profitierten von den Enteignungen politischer Gegner:innen, von Jüdinnen und Juden und von den als jüdisch deklarierten Menschen, so der Dresdner Romanist Victor Klemperer. Und schließlich bekamen Bibliotheken die Folgen des von NS-Deutschland angezettelten Weltkriegs unmittelbar zu spüren: durch die Zerstörung von Gebäuden bei Bombenangriffen, durch die Vernichtung von Beständen im Feuer oder den Verlust von Büchern mit Abtransport der Alliierten. All dies gilt auch für die ehemalige SLB – an ihrem Sitz, dem Japanischen Palais in Dresden, werden die NS-Diktatur und deren Folgen offensichtlich.[1]

Die Institution

Das Japanische Palais am heutigen Palaisplatz 11 war von 1786 bis 1945 der Sitz der SLB, einer Vorgängerin der heutigen Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Weiterlesen →

Dresden und der 13. Februar 1945. Ereignis – Mythos – Reflexion

Von Mike Schmeitzner

Hin und wieder scheint es immer noch so, als sei Dresden die einzige deutsche Stadt gewesen, die das Schicksal schwerer Zerstörung erlitt. Bis zu 25.000 Menschen wurden bei Tag- und Nachtangriffen von britischen und amerikanischen Bomberflotten zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 getötet, die prachtvollen Bauten des historischen Stadtkerns fast völlig zerstört. Zuletzt hat der bekannte und in Dresden geborene Schriftsteller Durs Grünbein in seinem Buch „Der Komet“ das Inferno beschrieben. Doch ähnelte das Schicksal Dresdens dem anderer deutscher Städte: Frankfurt am Main, Köln, Hamburg, München, Nürnberg, Stuttgart oder Berlin wurden ebenfalls schwer getroffen und auch dort Tausende Menschen getötet. Warum wird in Dresden dann anders an dieses Ereignis erinnert als in anderen Städten? Warum konkurrieren ausgerechnet hier rechtsextreme Gruppen und die Zivilgesellschaft Jahr für Jahr und weithin sichtbar um die Deutung des Ereignisses?

Richard Peter sen.: Blick vom Rathausturm nach Süden – eine der meistzitierten und -verwendeten Fotografien vom zerstörten Dresden (© SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Rechte vorbehalten – Freier Zugang)

Gewiss gehörte Dresden mit zu den letzten zerstörten Städten des Deutschen Reiches und gewiss vernichteten die Angriffe weltbekannte Gebäude wie den Zwinger, die Frauenkirche oder das Schloss. Der durch die Bomben entfaltete Feuersturm erreichte hier auf engem Raum eine maximale Wirkung. Doch entscheidend für die Deutungen danach waren ganz andere Umstände: Weiterlesen →

Wie weiter mit den Öffentlichen Bibliotheken in Sachsen?

Von Thomas Bürger

19 Millionen Entleihungen, 7 Millionen Medien, davon 233.000 elektronisch, 5,5 Millionen Besucherinnen und Besucher, 21.000 Veranstaltungen, 390 Öffentliche Bibliotheken, rund 900 ehrenamtlich Engagierte – das ist die stolze Bilanz der Öffentlichen Bibliotheken in Sachsen im Jahr 2023. Jetzt hat das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus zusammen mit den Bibliotheken unter Federführung der Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin Andrea Nikolaizig (Leipzig) und der Generaldirektorin der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Katrin Stump (Dresden) eine Perspektivenstudie erarbeitet und im Juli 2024 vorgelegt.

Die 84-seitige Publikation ist online verfügbar.

Darin wird zuerst an die Aufgaben öffentlicher Bibliotheken erinnert: Information und Ermöglichung des Selbstlernens (vom Lesenlernen, über Aus- und Weiterbildung bis zum Lebenslangen Lernen), Unterstützung allgemeiner (kultureller, politischer) Bildung, Sicherung eines attraktiven Lern- und Kommunikationsorts für alle in den Gemeinden, Bewahrung und Vermittlung kultureller Überlieferung im Verbund aller Bibliotheken – dies sind vier von zehn aufgeführten Argumenten.

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Zum Umgang mit „gefallenen“ Mädchen und Frauen sowie „Herumtreiberinnen“ in Europa. Appell zur Behebung eines Forschungsdesiderats

Von Francesca Weil

Wie die geschlossenen Venerologischen Stationen in den sächsischen Städten Leipzig, Dresden und Chemnitz während der DDR-Zeit, gab es auch in anderen Regionen und Ländern Europas zahlreiche Einrichtungen für „gefallene“ Mädchen und Frauen beziehungsweise für „Herumtreiberinnen“. Weggeschlossen von den jeweiligen Gesellschaften wurden sie fremdbestimmt und mindestens diskriminiert. Mitunter erfuhren sie an diesen Orten sexualisierte Gewalt. Dabei handelte es sich um Mädchen und Frauen, die ein freies, selbstbestimmtes Leben führen wollten. Ihre Geschichten bedürfen einer gründlichen wissenschaftlichen Aufarbeitung über die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen hinaus, wie ich im Folgenden aufzeigen möchte.

Hinführung

Seit 2019 existiert in Leipzig der Initiativkreis Riebeckstraße 63, seit 2021 der gleichnamige Verein. Der Initiativkreis ist ein Bündnis aus über 30 Einzelpersonen, zivilgesellschaftlichen, städtischen und wissenschaftlichen Akteur/-innen. Er setzt sich für die Gestaltung eines lebendigen Erinnerungs-, Gedenk- und Lernortes am authentischen Ort ein. Zu dessen ehrenamtlicher Arbeit gehört unter anderem die Aufarbeitung der 130-jährigen Geschichte des Geländes. Damit verbunden ist die Suche nach Zeitzeug:innen, die betreut und interviewt werden; gegebenenfalls, das heißt auf Wunsch der betreffenden Personen, werden ihre Lebens- und Leidensgeschichten öffentlich gemacht.[1]

In diesem Gebäude befand sich zwischen 1946 und 1990 die Leipziger geschlossene Venerologische Station (© Initiative Riebeckstraße 63)

So auch im Fall von Elisabeth Q.[2] Sie war im März/April 1981 drei Wochen in der geschlossenen Verenologischen Station auf dem Gelände der Leipziger Riebeckstraße 63 eingesperrt – eine Zeit, während derer sie eine weitgehende Fremdbestimmung erlebt und sich von der Gesellschaft aus- beziehungsweise weggeschlossen gefühlt haben muss. Weiterlesen →

Die TU Dresden erforscht ihre Geschichte

Ein Essay von Christine Ludl und Hagen Schönrich

Im Mai 1828 wurde die Königlich-Technische Bildungsanstalt zu Dresden gegründet. Von der Brühlschen Terrasse aus – hier waren der erste Hörsaal und zwei Seminarräume in einem kleinen Gartenpavillon untergebracht – entfaltete sich die fast 200-jährige Geschichte der Technischen Universität Dresden. Im privaten wie im öffentlichen Raum bieten Geburtstage und Jubiläen traditionell die Gelegenheit einer Rückschau auf das „große Ganze“, auf das bisher Erreichte, aber auch auf die schweren Zeiten und kritischen Momente. Zahlreiche Hochschulen und Universitäten nutzten in den letzten Jahrzehnten ihre Jahrestage zur intensiven Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit abseits von „klassischen“, vorwiegend auf das Positive konzentrierten, Jubiläumsschriften. Die TU Dresden zeigte zu ihrem 175-jährigen Bestehen im Jahr 2003 mit einer umfassenden dreibändigen Geschichte selbst den Weg hin zu einer kritischen Hochschulgeschichte auf. Seitdem verschob sich der Fokus weiter auf die konzentrierte Aufarbeitung vor allem der nationalsozialistischen Vergangenheit. Und so steht die TU Dresden zu ihrem 200. Geburtstag erneut vor der Aufgabe, sich intensiv und ohne Einschränkungen mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Walter Hahn: Straßenansicht des 1939 errichteten Gebäudes des Instituts für Kraftfahrwesen (heute: Jante-Bau) mit Allegorien auf den Eisenbahn- und Straßenverkehr des Dresdners Künstlers Max Hermann Fritz (1945 entfernt), 1941. (SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Freier Zugang – Rechte vorbehalten)

Unter der Schirmherrschaft des Prorektorats Universitätskultur beschäftigen sich dafür seit über zwei Jahren mehrere Arbeitsgruppen, bestehend aus Professor:innen des Instituts für Geschichte und Vertreter:innen des Universitätsarchives, der Kustodie sowie der SLUB Dresden mit dem Thema. Die Arbeitsgruppen haben ein ausführliches Konzeptpapier verfasst und werden dieses mit einem international besetzten, wissenschaftlichen Beirat diskutieren. Darauf aufbauend wird im Laufe des Jahres ein Graduiertenkolleg seine Arbeit aufnehmen: Weiterlesen →

Fluss und Vergessen

Von Moritz Hoffmann

Redaktionelle Vorbemerkung: Mit der Aufstellung eines „Beirats Erinnerungskulturen“ versucht die Stadt Dresden aktuell, ein neues Forum für den Austausch über den gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Vergangenheit und mit der Bedeutung dieser Geschichte in der Gegenwart zu etablieren. Dabei sollen neben städtischen zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Akteure eingebunden werden und sich folgenden Handlungsfeldern widmen: der Erarbeitung von Empfehlungen zum Umgang mit dem Erinnern und Bildung und Vermittlung von Erinnerungsorten, der Erarbeitung von Empfehlungen zur Umsetzung von Veranstaltungen zu erinnerungskulturellen Anlässen sowie der Mitarbeit an einer Konzeption zur Gestaltung verantwortlicher Erinnerungskulturen in Dresden. Unabhängig von dieser Initiative hat sich der Historiker Moritz Hoffmann in seinem Newsletter „Schicht im Schacht“ in der vergangenen Woche einer Leerstelle der Dresdner Erinnerungslandschaft gewidmet: dem Lynchmord am sächsischen Militärminister Gustav Neuring am 12. April 1919. Auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung sind das öffentliche Wirken von Neuring und sein Schicksal bisher wenig beachtet worden: Die Sächsische Bibliografie verzeichnet nur eine Handvoll Einträge zu ihm, in der Sächsischen Biografie ist ein Artikel zu ihm noch frei zur Bearbeitung. Die Zweitveröffentlichung des Newsletterbeitrags im Saxorum-Blog mag ein Anlass sein, sich intensiver mit Neuring und seiner Rolle in der damaligen jungen und in unserer heutigen Demokratie zu beschäftigen.

Jahrestage laufen in unserer Gesellschaft mittlerweile meist nach einem vorgefertigten Schema: Wir wissen recht genau, was wann passiert ist, und wir wissen, was davon bis heute Relevanz hat. Irgendwann im Herbst legen Redaktionen, Stiftungen, Bildungsträger und co. Listen von dem an, was sich im nächsten Jahr „rund“ jährt, also irgendwie durch 25 teilbar ist, und arbeiten dann damit – abgestuft nach Aktualität des Themas und „Rundheit“ – 75 Jahre irgendwas mit Ukraine sticht aktuell 100 Jahre irgendwas mit Afrika, so zynisch das ist.

Porträt von Gustav Neuring. In: Salonblatt 14 (1919), Nr. 16 vom 19. April 1919, S. 333 (SLUB/Deutsche Fotothek, Public Domain)

Aber manchmal rutschen uns solche Jahrestage durch, immer und immer wieder, weil eben nicht jedes Thema es in den Fokus der Relevanzentscheidungen schafft. Und so stoße ich manchmal auf Themen, Ereignisse, historische Vorgänge, von denen ich noch nie gehört habe und auch sonst niemand von den Menschen, mit denen ich mich regelmäßig über Geschichte austausche – und die es wert sind, erzählt zu werden.

Vor 104 Jahren (und damit für die Jahrestagsindustrie geradezu wertlos), am 12. April 1919, fand in Dresden eine aufgebrachte Menschenmenge auf dem Theaterplatz vor der Semperoper zusammen. Anlass war eine Sparmaßnahme: Die Reichsregierung unter Philipp Scheidemann hatte verfügt, dass der Sold für im Lazarett liegende Kriegsversehrte sowie das zugehörige Sanitätspersonal zu kürzen seien, wohl um etwa ein Fünftel. Die Demonstrierenden zogen zum Blockhaus am Neustädter Markt, einmal über die Elbe, um dort ihre Forderungen dem sächsischen Fachminister Gustav Neuring zu übergeben.

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Mit Links von Datenberg zu Datenberg – viel ‘Gartenlaube content’ steckt in digitalen Sammlungen

Digitalisierende Bibliotheken müssen immer wieder entscheiden, wie detailliert sie Scans erschließen: strukturieren und mit bibliografischen Metadaten beschreiben. Technischer Fortschritt ermöglicht z.B. längst die automatisierte Texterkennung – und außer Text auch anderer Details, so dass Inhalte ‘fotografierter’ Buch- und Zeitungsseiten nicht nur am Bildschirm von Menschen erkannt und lesbar, sondern maschinell durchsuchbar wurden. Wissenschaft und andere Interessierte nutzen diese Technologien und Daten für Recherchen, für Analysen, für große und kleine Editionen – oder privat mit Neugier einfach zum Vergnügen. Die folgenden Impulse skizzieren Methoden, die mit offenen Daten helfen können kleinste Nischen und Fundstellen als Ausgangspunkte für weitere Forschung und andere Zwecke besser sichtbar zu machen: Bildungsmaterialien, Hackathons oder Unterhaltung – kurz: Datenberge surfen leicht gemacht.

Datenberge

Sächsische Radfahrer-Zeitung 1899-11-11, p442

Bernhard Böhm: Neues vom Tourenbuche, Sächsische Radfahrerzeitung, 1899, S. 442, Public domain, via Wikimedia Commons

Digitalisierte Bundeszeitungen des Sächsischen Radfahrer-Bundes (SRB) umfassen zum Beispiel 39 Jahrgänge: 1892 bis 1933. Wie können wir so eine Quelle bzw. diesen Quellen- und Datenberg so detailliert erschließen, dass möglichst viel Wissen darin möglichst leicht zu finden ist? Relevante Einzelartikel, Personen, Orte, Ereignisse, Volltexte, bibliografische, thematische Zusammenhänge und deren Metadaten – und nicht nur durch zielgerichtete Recherchen, sondern auch zufällig als Netzfunde bei der Suche nach anderen, benachbarten und ganz anderen Themen. Je mehr Menschen unsere Digitalisate finden und nutzen, um so besser – so die Perspektive der SLUB und ihrer Partner auf das Landesdigitalisierungsprogramm des Freistaats Sachsen und andere Digitale Sammlungen. Suchmaschinen benötigen dafür idealerweise gut maschinenlesbare Metadaten und Querverweise; erst diese Links formen das Netz. Weiterlesen →

Mit Pöppel und Würfel durch den Freistaat. Die Darstellung Sachsens im analogen Spiel: Fragen, Methoden und Desiderate

Von Robin Reschke

Seit 1983 treffen sich Spielfreund:innen auf den Internationalen Spieltagen in Essen, die zuletzt 2019[1] mit etwa 209.000 Besuchern, 1.200 Ausstellern und 1.500 Neuheiten[2] einen neuen Rekord aufstellten. Letztes Jahr fand die Messe nach zweijähriger, pandemiebedingter Pause vom 6. bis 10. Oktober wieder statt und konnte mit etwa 147.000 Interessierten zwar nicht den Besucherrekord übertreffen, wohl aber mit 1.800 Spielen den der Neuerscheinungen.[3]

Die zunehmend steigenden Besucher:innenzahlen der Messe in den letzten Jahren lassen auf eine steigende Beliebtheit analoger Spiele[4] schließen, die sogar von der Politik wahrgenommen worden ist. Im Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen liest man z. B. die Forderung, Brettspiele in den Sammlungskatalog der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) aufzunehmen.[5] Darüber hinaus gibt es Bestrebungen, das „Brettspiel“ als immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO anerkennen zu lassen.[6]

Spiele als Forschungsgegenstand?

Spiele transportieren über ihre Darstellung Inhalte. Zum einen sind diese Inhalte ihrerseits von bestimmten, möglicherweise popkulturell-determinierten Werten, Normen und Vorstellungen geprägt sind. Zum anderen reproduzieren sie diese, modifiziert durch subjektive Vorstellungen des/der Spieleentwickler:in, der/die mit seinem Werk erneut Einfluss auf kollektive, popkulturelle Vorstellungen nehmen kann. Daraus entsteht ein reziprokes System, das neue Einflüsse aufgreift und entsprechend gegenwärtiger Wahrnehmungsmuster und -deutungen modifiziert, gesellschaftliche Diskurse aufnimmt und tradierte Erzählungen reflektiert.[7]  Analoge Spiele können so die Funktion von Speicher- und Zirkulationsmedien übernehmen und u. a. einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten.[8]

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