Wettinische Ehekrisen: Die Fürstin und der Ehebruch

Von Maria Hauber

In meiner Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München untersuche ich vier Fälle, in denen Frauen aus der Dynastie Wettin (welche die sächsischen Herzogtümer und die Kurwürde innehatte) mit Ehebruchvorwürfen konfrontiert waren. Von diesen vier Frauen erreichte nur Elisabeth von Sachsen (1502–1557) die Rehabilitation und konnte sich unbeschadet auf ihren Witwensitz zurückziehen. Die anderen drei hatten weniger Glück: Sie wurden bis zum Ende ihres Lebens auf entlegenen Burgen und Klöstern gefangengesetzt. Anna von Oranien (1544–1577) und Anna von Sachsen-Coburg (1567–1613) mussten hinnehmen, dass ihr Ehegatte sich von ihnen scheiden ließ und neu heiratete. Elisabeth von Pfalz-Simmern (1552–1590) wiederum verstarb nach nur sechsmonatiger Haft unter ungeklärten, aber verdächtigen Umständen. Es ist nicht auszuschließen, dass sie im Auftrag ihres Gatten vergiftet wurde, wie einige Zeitgenossen glaubten. Mit meiner Dissertation möchte ich zu einem besseren Verständnis dazu beitragen, wie Familienehre, Dynastiepolitik und konfessionelle Abhängigkeiten in protestantischen Fürstentümern gegeneinander abgewogen wurden.

After Anthony Mor - Portrait of Anna of Saxony

Anna von Sachsen (1544–1577), Porträt von Anthonis Mor, 1560er Jahre (Muzeum Narodowe we Wrocławiu/Nationalmuseum Wrocław, VIII-720, via Wikimedia Commons)

Die weibliche Untreue in einer mit Herrschaftsrechten ausgestatteten Familie zog immer die Legitimität der Erbfolge in Frage und destabilisierte dadurch direkt die dynastische Herrschaft. Politische Feinde konnten diese Situation nutzen, um eigene Ansprüche durchzusetzen. Nichtsdestotrotz waren dem adligen Ehemann im Mittelalter insofern die Hände gebunden, als Ehebruch keine Annullierung einer Ehe legitimierte – er konnte seine Frau zwar verstoßen, blieb aber dennoch bis zum Ende seines Lebens nach lateinischem Kirchenrecht mit ihr verehelicht. Im Zeitalter der Reformation trat jedoch eine neue Situation ein. Mit der Verweltlichung der Ehe wurde für protestantische Fürsten eine Scheidung mit Option auf Wiederheirat möglich. Außerdem übernahm der Landesherr in Ermangelung einer ausdifferenzierten und funktionsfähigen protestantischen Geistlichkeit das Kirchenregiment. Theoretisch konnte sich daher ein protestantischer Fürst, dessen Frau mutmaßlich Ehebruch begangen hatte, selbst von ihr scheiden. Dies eröffnete natürlich auch die Möglichkeit, bestehende Gerüchte gegen die Ehefrau zu instrumentalisieren, um sich ihrer zu entledigen. Andererseits riskierte der Fürst damit aber nicht nur den Konflikt mit der Schwiegerfamilie, sondern auch das öffentliche Bekanntwerden des Vorfalls. Wenn eine Ehefrau im Verdacht stand, außereheliche sexuelle Kontakte zu unterhalten, sagte dies schließlich auch etwas über den „gehörnten“ Ehemann aus. Er hatte die patriarchalische Kontrolle verloren, war nicht in der Lage, seine Frau im Zaum zu halten und dementsprechend der Lächerlichkeit preisgegeben. Wie navigierten Akteure im 16. Jahrhundert diesen Zielkonflikt?

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Wie der sächsische Anstaltspsychiater Hermann Paul Nitsche zum Täter während der NS-„Euthanasie“ wurde

Von Judith Marie Nitschke

Menschen- und Freiheitsrechte gelten als selbstverständlich – doch das sind sie weder heute, noch waren sie es vor über 90 Jahren. Fast ein Jahrhundert nach den „Euthanasie“-Verbrechen fehlt es in der deutschen Gesellschaft vielfach noch immer an einem umfassenden Bewusstsein und einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. So gilt es sich bewusst zu machen, dass politische Umbrüche, die Krisen hervorrufen, Radikalisierungsstrukturen fördern. Einen Teil der Aufarbeitung hierfür können Täterbiografien leisten, wofür ich im Folgenden ein Beispiel vorstellen möchte: den Lebensweg des Psychiaters Hermann Paul Nitsche (1876–1948) (Abb. 1).

Abb. 1: Porträt von Hermann Paul Nitsche. Quelle: Roemer, Hans/Rüdin, Ernst: Herrn Obermedizinalrat Professor Dr. Paul Nitsche zum 60. Geburtstag. In: Zeitschrift für psychische Hygiene 9 (1936), S. 129 (gemeinfrei)

Anstaltspsychiater und -direktoren sowie Leiter psychiatrischer Forschungsanstalten oder universitärer Abteilungen tragen Verantwortung für die Verbrechen an nahezu 200.000 psychisch kranken und behinderten Anstaltspatientinnen und -patienten während des Nationalsozialismus. Täterbiografien der Beteiligten an der nationalsozialistischen „Euthanasie“ rekonstruieren die Radikalisierungsprozesse von medizinischen Akteuren der Zeit und wenden sich einem individuellen Akteur aus der Täterperspektive zu. Ziel dieser biografisch orientierten Forschung ist es, einzuordnen, wie und unter welchen Bedingungen – also Strukturen, Motiven und individuellen Handlungsspielräumen – Menschen eine Täterkarriere einschlugen. Damit leistet dieser Ansatz einen mikrohistorischen Beitrag im großen Kontext der Täterforschung.

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Nazistische Denkgewöhnung: Die Kulturwissenschaftliche Abteilung der TH Dresden im Vorraum des Nationalsozialismus (1918–1945) – Ein Werkstattbericht

Von Manuel Clancett

Anlässlich ihres 200jährigen Bestehens 2028 befasst sich die Technische Universität Dresden (TU Dresden) mit ihrer eigenen Geschichte. Im Rahmen des Graduiertenkollegs „Die Technische Hochschule Dresden im Nationalsozialismus“ soll dabei insbesondere die Zeit unter dem nationalsozialistischen Regime in den Fokus gerückt werden.[1] Um die Kontinuitäten und Brüche der Hochschulentwicklung und der Wissensproduktion genauer in den Blick zu bekommen, werden auch die Zeiträume unmittelbar vor und nach der NS-Zeit beleuchtet. Ein weiteres assoziierte Projekt von Aron Schulze befasst sich daneben mit der Transformation der TU Dresden nach 1989.[2] Eines der vier Dissertationsprojekte zur NS-Geschichte untersucht die Kulturwissenschaftliche Abteilung der Technischen Hochschule (TH; die Umbenennung in TU erfolgte 1961) in den Jahren von 1918 bis 1945 und soll an dieser Stelle vorgestellt werden.

Dresdner Kulturwissenschaften im Nationalsozialismus

Die Kulturwissenschaftliche Abteilung der TH Dresden war während der Weimarer Republik mit einigen Wissenschaftlern besetzt, die im heutigen kulturellen Gedächtnis noch bekannt sind. Hierzu zählen der Romanist Victor Klemperer (1881–1960), der Religionswissenschaftler Paul Tillich (1886–1965), der Philosoph und Pädagoge Alfred Baeumler (1887–1968), der Volkskundler Adolf Spamer (1883–1953), der Soziologe Fedor Stepun (1884–1965) und der Philosoph Richard Kroner (1884–1974), um nur einige Namen zu nennen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Abteilung Stück für Stück ab- und umgebaut, da das Regime die technischen Wissenschaften ausbauen wollte – auch mit Blick auf die anstehenden Kriegsvorbereitungen. Dieser Umbau von der Kultur zur Technik gestaltete sich auf perfide Art mühelos, da einige Ordinariate, wie z. B. das für Romanistik von Klemperer, aber auch die Professuren von dem Juristen Felix Holldack (1880–1944) und dem Psychologen Walter Blumenfeld (1882–1967) mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ freigeräumt wurden und zur Umwandlung bereitstanden. Dennoch wurden längst nicht alle Kulturwissenschaftler unter den Nationalsozialisten aus dem Dienst entfernt. Allein drei Professoren der Abteilung aus der Zeit der Weimarer Republik – Spamer, Baeumler und der Wirtschaftswissenschaftler Theodor Beste (1894–1973) – bekamen nach 1933, unterstützt durch das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unter Bernhard Rust (1883–1945), eine Professur an der renommierten Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität. Andere, wie der Psychologe und Philosoph Philipp Lersch (1898–1972), machten nach der Machtübergabe Karriere in Leipzig und München.

Die Kulturwissenschaftliche Abteilung selbst fristete bis zu ihrer vollständigen Überführung in die „Abteilung für Wirtschaftswissenschaften und nichtnaturwissenschaftliche Ergänzungsfächer“ im Jahr 1940 ein beschränktes Dasein. Die steilen Karrieren, die einige Professoren aus dem Milieu der Dresdner Kulturwissenschaften im Nationalsozialismus hingelegt haben, sprechen allerdings gegen die These des ausnahmslosen Verfalls der Abteilung und eher für ein Fortleben der Dresdner Geisteswissenschaften an anderer Stelle.

Diese Karrieren auch über die institutionelle Entwicklung in Dresden hinweg nachzuvollziehen, ist eines der Ziele dieser Arbeit. Weiterlesen

Geschlecht, Protest, Industrialisierung und Klassenbildung in Sachsen 1830-1849 – Einblicke in ein laufendes Dissertationsprojekt

Von Anselm Scheck

1830-49 – Eine Zeit politischer und industrieller Revolutionen in Sachsen

Die Zeit von 1830 bis 1849 stellt eine bewegte Epoche in der sächsischen Geschichte dar. Am Anfang und am Ende stehen Revolutionen: Die kleinstaatliche von 1830 erzwang im darauffolgenden Jahr die Herstellung einer konstitutionellen Monarchie. Die von 1848/49 bildete eine unüberschaubare Zäsur in der Entwicklung der modernen Politik, und zwar nicht zuletzt, weil in ihrem Rahmen ein enormer Aufschwung der Frauen- und Arbeiterbewegungen in Deutschland stattfand. Schon vor März 1848 macht sich Unmut im Königreich breit: Man blicke etwa auf das “Leipziger Gemetzel” von 1845 (Abb. 1) oder die Hunger- und Teuerungskrise von 1846/47, die besonders im Südwesten populären Protest auslöste. Alle diese großen politischen Geschehnisse spielten sich vor dem Hintergrund eines rasanten sozioökonomischen Wandels ab, denn Sachsen war ein Pionierland der Industrialisierung in Deutschland: Die regionale Textilherstellung revolutionierte die Produktionsverhältnisse und die erste Ferneisenbahn in den deutschen Staaten wurde 1839 zwischen Leipzig und Dresden eröffnet.

Abb. 1: Zeitgenössische Lithografie des “Leipziger Gemetzels” auf dem Roßplatz (oben) und des Trauerzuges für die Getöteten zur Johanniskirche (unten), um/nach 1845. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv.Nr. 2/39 (via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Eine lange und heterogene Liste historischer Akteure und Akteurinnen beteiligte sich an diesen Entwicklungen, und viele dieser Individuen und Gruppen sind einerseits bereits aus diversen Perspektiven erforscht worden. Der Anspruch der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung der DDR sowie der sozialliberalen Strömung in der BRD war es, hierbei auch die entstehende Arbeiterbewegung und ihre unmittelbaren Vorgänger fokussierter zu berücksichtigen – allerdings verbunden mit teils sehr unterschiedlichen Werten, Theorien und Schwerpunkten. Im Rahmen der hiermit einhergehenden Legitimationskämpfe kam es häufig zu verzerrten Darstellungen verschiedener Akteure, Akteurinnen und Entwicklungen, denn beide Traditionen waren darauf aus, den eigenen Staat als das wahre politische Erbe der Arbeiterbewegung zu präsentieren. In der DDR bedeutete das zum Beispiel, dass gewisse Aktionsformen, die vor oder neben der Organisation in Parteien, Vereinen und Gewerkschaften stattfanden, als „primitiv“ oder „elementar“ galten; die marxistisch-leninistische Forschung beurteilte besonders Formen des Straßenprotests in der Regel als wenig komplex und für den Geschichtsverlauf bestenfalls unbedeutend. In der BRD unterschieden manche Historiker zwischen „sozialreformistischen“ und „-revolutionären“ Tendenzen, obwohl eine solche strenge Aufteilung in parallele Zielrichtungen sich in vielen Fällen (besonders 1849) als kaum tragbar erweist.

Geschlecht als analytische Kategorie fand andererseits erst spät Eingang in den Mainstream der westdeutschen Geschichtswissenschaft und ist bis heute umstritten. In der DDR genoss Geschlechtergeschichte ebenfalls kaum Aufmerksamkeit. Dabei war Geschlecht, zusammen mit Klasse, eine der beiden wichtigsten Formen der sozialen Ungleichheit jener Zeit sowohl in Sachsen als auch in den deutschen Staaten überhaupt. Weiterlesen

Von Deutschordensbrüdern und Niederadeligen aus dem deutsch-tschechischen Grenzland. Vorstellung dreier historischer Projekte im Rahmen des EU-Interreg-Projekts „Kulturelles Erbe des Vogt- und Egerlandes“

Von Odin A. Haller, Henrik Hamann und Grischa Vercamer

Einleitung

Seit Juli 2024 werden an den Professuren für Europäische Regionalgeschichte sowie Deutsche Literatur- und Sprachgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit der Technischen Universität Chemnitz das historische und das literarische Erbe der sächsisch-tschechischen Grenzregionen Egerland (Chebsko) und Vogtland (Fojtsko) im Mittelalter und der Frühen Neuzeit im Rahmen des dreijährigen EU-Interreg-Projekts Kulturelles Erbe des Vogt- und Egerlandes untersucht. Die Projekte sollen zum einen zur touristischen Aufwertung, zum anderen zur Identifikation mit dem historisch-literarischen Erbe in der Arbeitsregion beitragen. Durch die erheblichen wissenschaftlichen Tiefenbohrungen (Quellen- und Archivrecherchen) für die einzelnen Projekte wird auch die fachwissenschaftliche Community von den Resultaten des Interreg-Projekts profitieren können. Die historischen Räume des Arbeitsgebiets erstrecken sich geographisch über die heutigen deutschen Bundesländer Bayern, Sachsen und Thüringen sowie über die westlichen Grenzregionen der Republik Tschechien wie etwa das Ascher Ländchen (Ašsko) oder den Bezirk Cheb (Okres Cheb), so dass die moderne Nachbarschaftspflege über die Bewusstseinswerdung zum gemeinsamen vormodernen Erbe vorangebracht wird.

In Kooperation mit mehreren deutschen und tschechischen Partnern (vor allem Museen) werden die beiden Mikroregionen Eger- und Vogtland in verschiedenen geschichtswissenschaftlichen sowie germanistischen Teilprojekten erschlossen, die teilweise an das erfolgreiche Vorgängerprojekt Kulturweg der Vögte (2016-19) anschließen. Der Germanist Christoph Fasbender (TU Chemnitz) und der Historiker Grischa Vercamer (mittlerweile hauptamtlich an der Universität Passau) leiten die interdisziplinären und interepochalen Arbeiten an der TU Chemnitz. Die beiden germanistischen Projekte nehmen sich der Sagen, Mythen und Legenden des Vogt- und Egerlandes und des Erzählens in der Region an. Die vier historischen Projekte beschäftigen sich einerseits mit der vormodernen Geschichte des Deutschen Ordens in der Region (im Verband der Ballei Thüringen) sowie andererseits mit der Rolle des regionalen Niederadels zwischen dem ausgehenden Mittelalter und dem frühen 20. Jahrhundert.

Als populärwissenschaftliche und wissenschaftliche Resultate sollen bis Juni 2027 sechs Monographien, vier Tagungsbände (samt vorausgehenden fachwissenschaftlichen Tagungen in der Region), diverse schul- und museumspädagogische Angebote sowie acht Museumsausstellungen konzipiert, realisiert und der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Die drei bereits gestarteten historischen Teilprojekte (ein viertes Teilprojekt wird später beginnen) sollen im Folgenden näher vorgestellt werden.

Der Deutsche Orden im Vogtland/der Ballei Thüringen und seine Bezüge ins Heilige Römische Reich (Bearbeiter: Henrik Hamann, unter Leitung von Grischa Vercamer)

Auch wenn bereits im 19. und frühem 20. Jahrhundert insbesondere Johannes Voigt und Bernhard Sommerlad eine solide Basis für weitere Forschungen geschaffen haben, ist die Geschichte des Deutschen Ordens im Vogtland und für die Ballei Thüringen in den letzten Jahrzehnten ein wenig untersuchtes Gebiet der mitteldeutschen Landesgeschichte. Hierzu muss man wissen: Die größeren Verwaltungseinheiten des Ordens im Heiligen Römischen Reich hießen Balleien und das Eger- und Vogtland waren Teil der Ballei Thüringen. Mit der Entstehung dieser Verbände in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde der Orden zu einem wichtigen politischen, sozialen, religiösen und kulturellen Akteur in der Region. Weiterlesen

Auf der Suche nach einer einenden Vergangenheit. Die Bedeutung regionalgeschichtlicher Forschung im System der DDR und die Auswirkungen auf den Geschichtsunterricht im Zeitraum von 1966 bis 1988

Von Karl Finke

Das Grundanliegen meines Dissertationsvorhabens an der Universität Leipzig umfasst den Zusammenhang der Geschichtspolitik des SED-Regimes mit der Propagierung von regionalgeschichtlichen Inhalten im Geschichtsunterricht der DDR und der damit verbundenen Entwicklung von Gestaltungsräumen in der Historiographie der DDR. Dies untersuche ich anhand der Entwicklung von Diskursräumen in der DDR in Bezug auf das Thema der Regionalgeschichte. Diese Diskursräume verfolge ich einerseits in ihrer zeitlichen Entwicklung von 1966 bis 1988 und andererseits in ihrer Entwicklung in Bezug auf die handelnden Akteure nach. Hierbei beziehe ich mich auf die relevanten Akteure in Gesellschaft, Bildung, Wissenschaft und Politik, die aus unterschiedlichen Interessen heraus unterschiedliche Handlungslogiken verfolgt haben und je nach Phase der Entwicklung der DDR mit unterschiedlichen Handlungspotenzialen versehen waren. Somit bildete sich, um ein Ergebnis vorwegzunehmen, ein gesamtgesellschaftliches Amalgam, welches in einem Bedeutungszuwachs regionalgeschichtlicher Themen in Forschung, Bildung, Politik und Gesellschaft resultierte. Die involvierten Akteure waren dabei jedoch unterschiedlich motiviert. Die hierarchisch-zentralistische Organisationsstruktur der DDR erschwerte es den Akteuren, ihre jeweiligen Handlungslogiken auch in subjektiv motivierte Handlungspotenziale zu überführen. Dennoch konnten über die Umdeutung und Aneignung von Begrifflichkeiten wie „Erbe“ und „Tradition“ stetig neue Handlungsspielräume geschaffen und der Diskursraum um ein differenzierteres Geschichtsbild angereichert werden. Auszugsweise möchte ich dies für ausgewählte Akteure in Bildung, Forschung und Politik in diesem Artikel nachzeichnen.

Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit und die Rolle der Regionalgeschichte

Die ideologische Erziehung galt als eines der wesentlichen Ziele der sozialistischen Allgemeinbildung. Daraus leitete sich auch für die Schulfächer die Forderung ab, auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus einen Beitrag für die Ausbildung von „stabile[n] ideologische[n] Position[en]“[1] innerhalb der Schülerschaft zu leisten. Gerhart Neuner, Präsident der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften, wandte sich besonders auch an die Geschichtslehrer mit der Forderung, das wissenschaftliche Geschichtsbild zu nutzen, um das ,sozialistische Bewusstsein‘ und Verhalten der Kinder und Jugendlichen qualitativ zu verbessern.[2] Dieses Geschichtsbild war durch den Klassenkampf bestimmt, der das bestimmende Prinzip in der Formation von Gesellschaften darstellte. Die ,historische Mission der Arbeiterschaft‘ gelte der Aneignung der Macht im Weltmaßstab und der Auflösung der Klassenverhältnisse. Dieser Prozess erfordere die Hinwendung zur Ausbildung einer Solidarität unter der internationalen Arbeiterschaft, zu einer Haltung des proletarischen Internationalismus. Für den Geschichtsunterricht leitete sich daraus das Postulat ab, den Schülern auf der Basis von historischen Fakten, Abläufen und Gesetzmäßigkeiten ein „konkretes, wissenschaftlich exaktes Geschichtsbild“[3] zu vermitteln, in dem die deutsche Geschichte als Nationalgeschichte der DDR und als Teil der Weltgeschichte erschien. Der entscheidende Bezugspunkt wurde demnach in der Fokussierung auf die gesetzmäßige Durchsetzung objektiver Prozesse in der Orientierung auf die globale Entwicklung gesehen.

Lehrplan Geschichte 1988

Abb. 1: Lehrplan Geschichte 1988

1988 begann das Ministerium für Volksbildung, für fast alle Unterrichtsfächer der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule neue Lehrpläne einzuführen. Damit wurde ein Lehrplanwerk abgelöst, das für verschiedene Fächer seit mehr als zwanzig Jahren Gültigkeit besessen hatte. Dies betraf unter anderem das Fach Geschichte, dessen letzter Lehrplan schrittweise zwischen 1966 und 1971 eingeführt worden war, und der nun durch eine neue Ausgabe ersetzt wurde. Das bisherige Unterrichtskonzept, vielfach noch alter deutscher beziehungsweise sowjetischer Tradition verhaftet, war von ideologisch gesetzten Bildungszielen und den zu vermittelnden Inhalten her konzipiert worden. Interessen und Bedürfnisse der Lernenden wurden kaum berücksichtigt. Nicht zuletzt sollten die neuen Lehrpläne einen Beitrag zur Ausbildung des ,sozialistischen Geschichtsbewusstseins‘ leisten, denn aus empirischen Untersuchungen war bekannt, dass historische Kenntnisse wenig verankert waren. Erklärtes Ziel blieb die Vermittlung eines marxistisch-leninistischen Geschichtsbildes zur Erzeugung einer gemeinsamen Identität bei den Schülerinnen und Schülern.[4]

Worauf sollte sich nun im Jahr 1988 berufen werden, um die Schülerinnen und Schüler noch vom Sozialismus zu überzeugen und die Erziehung von sozialistischen Persönlichkeiten sicherzustellen? Weiterlesen

Neue Lehrer braucht das Land! Eine bildungshistorische Untersuchung der berufsbegleitenden Politiklehrerweiterbildung in Sachsen zwischen 1993 und 2006

Von Felix Kollender

Bisweilen scheint die Geschichte der politischen Bildung in Sachsen eine Erfolgsgeschichte zu sein, etwa wenn in einer Festschrift der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung 2011 konstatiert wird, der Freistaat verfüge  „[…] über eine ausreichende Zahl von gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern für den Lernbereich politische Bildung“ (Besand 2011: 72). Die Schwierigkeiten der Anfangsjahre, in denen qualifizierte Lehrkräfte in ausreichender Zahl fehlten und via berufsbegleitenden Maßnahmen weitergebildet wurden, galten als überwunden. Aus Sicht der Fachdidaktik wurde dieser Mangel durch das grundständige Lehramtsstudium beseitigt und Sachsens gut ausgebildete Lehramtsanwärter*innen waren nun sogar ein begehrter Exportschlager in andere Bundesländer. Lediglich in einer Fußnote wurde erwähnt, dass die Maßnahme der politischen Bildung 2011 ausläuft (vgl. ebd.).

Die Ausführungen legen den Schluss nahe, dass in der politischen Bildung an allgemeinbildenden Schulen in Sachsen spätestens seit 2011 ‚blühende Landschaften‘ gewachsen waren. Diese Annahme erscheint allerdings nur dann plausibel, wenn man die Frage außer Acht lässt, warum noch 21 Jahre nach dem Transformationsprozess Lehrer*innen berufsbegleitend im Fach Gemeinschaftskunde ausgebildet wurden, wenn es doch bereits zu diesem Zeitpunkt einen Überhang an grundständig ausgebildeten Lehramtsanwärter*innen gegeben hat. Noch drei Jahre zuvor kam eine Untersuchung der politischen Bildung in Ostdeutschland zu einer gänzlich anderen Einschätzung, die Lehrer*innen betreffend:

Der Kern dieser Probleme [= einer zum Teil ablehnenden Haltung der Lehrenden gegenüber dem neuen Unterrichtsfach] liegt darin, dass den Lehrern selbst häufig nicht klar ist, was die Schüler im Unterrichtsfach Gemeinschaftskunde eigentlich lernen sollen, worin der Bildungssinn und der Nutzen des Faches für Schüler eigentlich liegt. (Henkenborg et al. 2008: 122)

Die Widersprüche deuten darauf hin, dass den Absolvent*innen der berufsbegleitenden Lehrerweiterbildung eine größere Bedeutung zukommt, als eine kurze Randnotiz in Form einer Fußnote. Es mag durchaus richtig sein, dass die grundständig ausgebildeten Lehramtsanwärter*innen qualifiziert und erfolgreich in anderen Bundesländern sind. Nur werfen die Ergebnisse von Henkenborg et al. (2008) die Frage auf, warum – trotz fähiger Lehramtsanwärter*innen – an sächsischen Schulen Lehrer*innen unterrichteten, denen nicht klar ist worin Bildungssinn und Nutzen ihres Faches liegen.

Erkenntnisinteresse

Für mein Dissertationsvorhaben am Institut für Sozialwissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg ist es wichtig, die heutige Ausgangslage politischer Bildung in Sachsen zu berücksichtigen. Der Mehrwert einer bildungshistorischen Untersuchung der Politiklehrer*innenausbildung liegt letztlich darin, einen Baustein für das Verständnis von Entwicklungslinien im Bereich der politischen Bildung an den allgemeinbildenden Schulen Sachsens zu liefern und Implikationen für die Praxis zukünftiger Weiterbildungsmaßnahmen aufzuzeigen. Beim vorliegenden Dissertationsprojekt steht somit die Weiterbildungsmaßnahme ‚berufsbegleitende Lehrerweiterbildung der Jahre 1993 bis 2006‘ im Fokus der Untersuchung. Weiterlesen

Das schöne Gesicht der Monarchie. Zur politischen Funktion von Monarchengattinnen im 19. Jahrhundert in Preußen, Sachsen und Österreich

Von Ulrike Marlow

Seit der Französischen Revolution waren die europäischen Monarchien einerseits in eine legitimatorische Defensive geraten. Andererseits wird das 19. Jahrhundert von der Forschung inzwischen als ein monarchisches Jahrhundert gewertet. Die meisten Monarchien verschwanden in Europa erst 1918.[1] Vor diesem Hintergrund entsteht die Frage, welchen Anteil Monarchengattinnen an der Repräsentation und Legitimation von Monarchien im 19. Jahrhundert hatten. Wie sah der Alltag einer Monarchengattin aus? Wo und wie zeigten sie sich und welche politische Funktion erfüllten sie mit ihren Tätigkeiten für ihre Monarchien? Dazu werden in meinem Dissertationsprojekt sechs Monarchengattinnen in Sachsen, Preußen und Österreich verglichen und drei Repräsentationsräume (Alltag am Hof, auf Reisen und Wohltätigkeit) untersucht.

1. Höfischer Alltag

In ihren Briefen an ihre Freundin Fanny von Ow (1790–1876) entschuldigte sich Königin Amalie Auguste von Sachsen (1801–1877) immer, dass sie erst so spät antworte. Als Grund für ihr verzögertes Antworten verweist die Königin auf ihren Alltag: „aber es fehlt mir gar oft an Zeit z. schreiben, besonders in der lezten Zeit nahmen mich die Vorbereitungen zur Weihnachtsbescherung sehr in Anspruch.“[2] Oder „ich bin dir schon lange eine Antwort schuldig, u. bitte dich deßhalb um Verzeihung. Meine Morgen gehen so schnell vorüber dß: ich oft gar nicht weiß wo sie hingekommen sind, u. nach dem Essen habe ich gar keine Zeit.“[3] Oder „ich bin dir schon recht lange Antwort schuldig auf deinen lieben Brief vom 30. Sept. u. ich bitte dich nicht z. glauben dß: es aus Gleichgültigkeit geschah; ich habe nur oft so wenig Zeit, u. gerade wenn ich denke ich habe einen recht ruhigen freyen Morgen vor mir kommen alle möglichen Unterbrechungen.“[4] Das stellt die Frage, wie der Alltag von Monarchengattinnen im 19. Jahrhundert verlief. Antwort darauf geben die tagebuchartigen Journale, die in den Oberhofmarschallämtern des sächsischen Königshofs in Dresden (Hofjournal) und des preußischen Königshofs in Berlin (Hoffourierjournal) geführt wurden. Weiterlesen

Sonderstatus im „Hochschulumbau Ost“? Die Transformation der TU Dresden nach 1989/90

Von Aron Schulze

Anlässlich ihres 200-jährigen Bestehens im Jahr 2028 erforscht die Technische Universität Dresden ihre eigene Geschichte. Ein Schwerpunkt liegt auf den Diktaturen und Transformationen des 20. Jahrhunderts sowie deren Verflechtung mit wissens- und wissenschaftshistorischen Wandlungsprozessen. Auf das Graduiertenkolleg zur Geschichte der Technischen Hochschule im Nationalsozialismus wurde bereits an anderer Stelle hingewiesen.[1] An der Professur für Neuere und Neueste Geschichte der TU Dresden beschäftigt sich ein weiteres Dissertationsprojekt mit der Transformation der Hochschule nach 1989/90. Im Interesse steht dabei der Wandel der Institution von einer sozialistischen Elitehochschule zur demokratischen Volluniversität im vereinten Deutschland. Der Beitrag gibt Einblicke in das Anliegen des Forschungsvorhabens und zeigt anhand ausgewählter Fallbeispiele die universitären Transformationsprozesse schlaglichtartig auf.

Zur Vorgeschichte

Die 1828 gegründete Hochschule war nicht nur die älteste, sondern auch die größte und forschungsstärkste technikwissenschaftliche Einrichtung in der DDR. Dementsprechend wurde sie von der SED-Führung mit Sorgfalt behandelt, verfügte aber trotz der Abschottung vom Westen über ein beachtliches internationales Ansehen. Insbesondere die akademische Ingenieurausbildung genoss einen guten Ruf, weshalb Diplomingenieure aus Dresden auch in der Bundesrepublik gern gesehen und sogar gesucht waren. Die Rolle der technischen Intelligenz offenbarte sich zunehmend als Schlüsselfaktor im Kalten Krieg: Numerisch gesehen war die DDR in den 1970er-Jahren auf einem guten Weg, den Wettstreit der Systeme um die Anzahl technischer Expert:innen für sich zu entscheiden. Die Zahl der akademischen Diplomingenieure überstieg jene in der Bundesrepublik signifikant.[2] Zu dieser Entwicklung trugen vor allem die sogenannte „Dritte Hochschulreform“ sowie die Bildungsexpansion in der späten Ulbricht-Ära bei, welche technische Bildung in den Fokus der Hochschulpolitik rückten. Der Ausbau von Natur- und Technikwissenschaften ging jedoch einher mit einem sukzessiven Autonomieverlust der Disziplinen sowie einer umfassenden ideologischen Durchdringung in den neugebildeten Sektionen, die sich nicht zuletzt in den Zulassungs- und Rekrutierungspraktiken offenbarten – auch und vor allem am „Vorzeigestandort“ Dresden.

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Ein Geometrischer Lust-Garten am Dresdner Hof

Von Leonie Matt

Der kursächsische Hof ist bekannt für seine reiche Gartenkunst. Besonders ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts florierten der Ausbau und die Neugestaltung prächtiger Lustgärten. Unter Kurfürst Johann Georg II. wurden beispielsweise die Umgestaltung und Erweiterung des Italienischen Gartens, des Herzogin Gartens sowie wenig später die Anlage des Großen Gartens maßgeblich vorangetrieben. In einer Zeit also, da die barocke Gartenkultur florierte, erschien am Dresdner Hof Tobias Beutels 446 Seiten starker Geometrischer Lust-Garten. Das Frontispiz des 1660 in Leipzig publizierten Bandes gestaltete Nicolaus Weishun, der als Kupferstecher für den kursächsischen Hof tätig war.

Abb. 1: Tobias Beutel: Geometrischer Lust-Garten, 1660, Frontispiz und Titelblatt (SLUB/Digitale Sammlungen, Public Domain)

Der Titel Geometrischer Lust-Garten legt eine gartentheoretische Abhandlung nahe, wie sie an zahlreichen höfischen Zentren in Europa entstanden. Im Zentrum des Stichs, unterhalb der von einem Kranz umfangenen Angaben zu Titel und Autor, ist ein Garten zu sehen, dessen Mittelpunkt ein Brunnen mit Fontaine ziert. Das Rasenparterre zu beiden Seiten ist in schlichten Quadraten angelegt, während nach hinten eine Baumreihe die Uferpromenade eines Flusses säumt. Titel und Titelbild benennen offenbar den geometrischen Garten als zentrales Thema des Bandes.

Seitlich rahmen die mit den entsprechenden Messgeräten ausgestatteten Personifikationen der Geometrie (die Geometrie in der Fläche) und Stereometrie (die räumliche Geometrie) die Szenerie, kompositorisch betont durch je eine breitstämmige, weit ausladende Palme. Bogenförmig neigen sich die Wedel zur Bildmitte und schließen sich zu einem Vorhang- oder Torbogenmotiv zusammen, was dem Blatt bühnenhaft-theatrale Züge verleiht.

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Hauptstadt der Völkischen? Untersuchung zu völkisch-nationalen Bewegungen in Dresden in Kaiserreich und Weimarer Republik

Eine Rezension zu Sven Brajer: Am Rande Dresdens? Das völkisch-nationale Spektrum einer „konservativen Kulturstadt“ 1879–1933­, Dresden: Thelem, 2022, ISBN 978-3-95908-557-1, verfasst von Robin Reschke

Ist es Zufall, dass Dresden immer wieder wegen rechtextremer Aktivitäten in die Schlagzeilen gerät? Warum fanden 2005 und 2010 ausgerechnet dort die größten Aufmärsche europäischer Neonazis zum 13. Februar statt, dem Gedenktag der Bombardierung Dresdens? Sind in der Stadt Strukturen vorhanden, die Rechtsextremismus begünstigen? Ist es Zufall oder Resultat dieser Strukturen, dass z. B. PEGIDA seinen Ursprung in Dresden hatte? Gibt es historische Gründe für diese Entwicklung? Genau dieser Frage geht Sven Brajer in seiner Dissertation nach. Seine Analyse des völkisch-nationalen Spektrums in Dresden antizipiert bereits im Titel die Wurzeln einer (extrem)-rechten (Denk-)Tradition der Stadt, indem er auf das Selbstverständnis und die Wahrnehmung Dresdens im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert als „konservative Kulturhauptstadt“ verweist. Damit stößt er in ein Desiderat, das bisher nur in einzelnen Studien thematisiert worden ist. Eine umfassende Arbeit zu Dresden und diesem Thema stand bisher aus.

In seiner Studie versucht Brajer alle Facetten des kulturellen und politischen Lebens Dresdens auf völkisch-nationalistische Einstellungen zu durchleuchten und zeichnet dabei die Verstrickungen Dresdner Persönlichkeiten mit dem völkisch-nationalistischen Lager nach. Weiterlesen

Hofdame – Garderobiere – Leibwäscherin. Frauen in den weiblichen Hofstaaten des sächsischen Kurfürsten- und Königshauses im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert

Von Leonora Braun

Allerdurchlauchtigster Großmächtigster König, Allergnädigster Herr!

So sehr ich auch auf der einen Seite die Tage unter die glücklichsten meines Lebens zählen darf, welche ich im Dienste bey Ew: Königl: Majestät Allerdurchlauchtigsten Frauen Gemahlin 9 Jahre hindurch als Kammerdienerin zu erleben die allerhöchste Gnade gehabt habe, welche ich mit den allerunterthänigsten Dancke erkenne, so kann ich doch auf der anderen Seite in tiefster Ehrfurcht zu bemerken nicht unterlaßen, daß nach und nach der Wunsch in mir entstanden ist, durch eine eheliche Verbindung, eine der Zukunft anpaßende Bestimmung zu erhalten, und in stiller Häußlichkeit meine künftigen Tage zu verleben.[1]

Mit diesen Worten richtete die Kammerdienerin Marianne Frank am 8. Juli 1811 ein Bittschreiben an den König Friedrich August I. von Sachsen (1750-1827). Frank war seit 1803 im Hofstaat der Kurfürstin/Königin Maria Amalia Augusta (1752-1828) tätig. Als Teil der Kammerleute, zu denen 1811 neben den vier Kammerdienerinnen, eine Kammerfrau, ein Kammermensch sowie eine Kammergehilfin gehörten, befand sich ihr Tätigkeitsort in den Schlaf- und Wohngemächern der Königin, wo sie vermutlich hauptsächlich mit der Pflege und Bereitstellung der herrschaftlichen Kleider betraut war. Wie der Großteil des weiblichen Hofstaats der Königin lebte sie im Schloss.

Nach neunjähriger Dienstzeit bat sie nun darum, den im Geheimen Finanz-Collegium angestellten Kalkulator Carl Moritz Friedrich heiraten zu dürfen und damit zusammenhängend um die Auszahlung der Pension und des Ausstattungsgeldes. In einem beiliegenden Schreiben gab der Verlobte zudem die verbindliche Zusage, künftige Kinder römisch-katholisch taufen und erziehen zu lassen. Ob dies nun ausschlaggebend für die Entscheidung des Königs war, bleibt unklar, zumal sich eine solche Bescheinigung nur einmal in den Bittschriften der weiblichen Kammerbedienten findet.

Marianne Frank wurde der Eheschluss mit Friedrich erlaubt. Sie erhielt 200 Taler Pension im Jahr sowie eine einmalige Zahlung von 200 Taler für ihre Ausstattung. Die glückliche Ehe, auf die sie nach eigenen Worten hoffte, währte allerdings nicht lang. Aus einer weiteren Beilage, einem Memorial von 1812, geht hervor, dass die ehemalige Kammerdienerin bei der Geburt ihres ersten Kindes infolge von Komplikationen verstarb. Der verwitwete Vater wandte sich nun erneut an den König, diesmal mit der Bitte, ihm die Pension seiner Frau auch weiterhin auszuzahlen, um seiner Tochter, die die Geburt überlebt und nach Ansicht der Ärzte gute Lebenschancen hatte, eine angemessene Erziehung zu ermöglichen. Ob dem stattgegeben wurde, geht aus den Unterlagen allerdings nicht hervor.

Die Geschichte der Marianne Frank ist nur eine vieler am Dresdner Hof tätiger Frauen. In den weiblichen Hofstaaten der Kurfürstin bzw. Königin und Prinzessinnen versammelte sich eine Vielzahl aus verschiedenen sozialen Hintergründen stammender Frauen, die trotz ihrer unterschiedlichen Posten als Hofdamen, Garderobieren oder Leibwäscherinnen eine Erfahrung teilten: die besoldete Tätigkeit im Dienst einer fürstlichen Frau.

Abb. 1: Übersicht über den Hofstaat von Königin Maria Amalia Augusta und Prinzessin Maria Augusta aus dem Königlich-Sächsischen Hof- und Staatskalender, Dresden 1811, S. 72 f.

Der Hof nahm, indem er diesen Frauen Betätigung und Wohnort bot, eine besondere soziale Rolle ein. Die weiblichen Hofstaaten (Abb. 1) unterlagen dabei in Blick auf Umfang und Zusammensetzung Regelungen, die sie von denen der männlichen Mitglieder der Herrscherfamilie unterschieden. Doch trotz der Wandlungen, die der Hof im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert durchlief, liegen keine Studien zu den weiblichen Hofstaaten am sächsischen Hof vor, auch die ersten sächsischen Königinnen wurden bisher durch die Forschung vernachlässigt. Studien zum frühneuzeitlichen Wiener und Münchner Hof oder auch Christa Diemels Dissertation „Adelige Frauen im bürgerlichen Jahrhundert“, betrachten dagegen nur Ausschnitte des Hofstaats.

Die heterogene Frauengruppe in den weiblichen Hofstaaten des sächsischen Kurfürsten- bzw. Königshauses soll im Rahmen der Dissertation „Hofdame – Garderobiere – Leibwäscherin“ deshalb eingehender untersucht und damit eine Lücke in der Erforschung der sächsischen Landesgeschichte geschlossen werden. Weiterlesen

Das Kind im Dresden-Fotobuch

Von Katharina Hahn

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Motiv des Kindes in der Fotografie geht es in der Regel um Einzelbilder, in denen das Kind das Hauptmotiv ist, um den erwachsenen Blick auf das Kind und die gesellschaftliche Konstruktion von Kindheit. Dabei handelt es sich beispielsweise um inszenierte Kinderportraits oder Reportagefotos von Kindergruppen oder Familien. Im Stadt-Fotobuch ist das Kind nie das Hauptmotiv, es ist vielmehr ein Teil der Darstellung seiner sozialen und gebauten Umwelt. Als Stadt-Fotobuch bezeichne ich buch- oder heftförmige Publikationen, die primär mit dem Mittel der Fotografie monothematisch eine Stadt behandeln, Botschaften über diese Stadt vermitteln und aus Bildserien und -sequenzen ein Stadtbild evozieren. Welche Rolle kann die Repräsentation von Kindern dabei spielen?

Dieser Beitrag ist ein kleiner Ausschnitt aus meinem Dissertationsprojekt. Ich untersuche und vergleiche darin eine Auswahl von sechs Fotobüchern über Dresden und fünf Fotobüchern über Köln, die zwischen 1945 und 1975 unter Beteiligung von Akteuren und Akteurinnen der jeweiligen Stadtverwaltung herausgegeben wurden. Dabei frage ich nach den Botschaften der Fotobücher und nach den politischen Regeln, die deren Gestaltung bestimmten. Anhand des empirischen Zugriffs auf die visuelle Darstellung sozialer Verhältnisse und architektonischer Umwelt im Fotobuch möchte ich einen kulturgeschichtlichen Zugang zur Identitäts- und Vergangenheitspolitik der Stadt ermöglichen, der die bisher überwiegend untersuchte Textebene ergänzt und um bildspezifische Inhalte erweitert. Bei der Untersuchung berücksichtige ich anwendungsgestützt sämtliche Abbildungen in den Fotobüchern. Im Hauptteil meiner Arbeit beschreibe ich meine Quellen, gehe auf den historischen Kontext ihrer Entstehung ein und deute und vergleiche die Ergebnisse der Analyse. Ich frage zum Beispiel danach, wie historische, zerstörte, wiederaufgebaute oder nachkriegsmoderne Gebäude repräsentiert wurden oder wie die Darstellungen von Menschen bei der Arbeit oder in der Freizeit erfolgten. Darüber hinaus berücksichtige ich viele weitere Aspekte der Darstellung von Architektur, Menschen, Natur, Kultur und Infrastruktur der Stadt, die einen Einfluss auf die mit den Fotobüchern vermittelten Botschaften haben. Am Beispiel der Darstellung von Kindern in den Fotobüchern über Dresden möchte ich einen Einblick in meine Untersuchung geben.

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Bildungsgeschichte „von unten“. Promotionsprojekt „Schule im Umbruch – die Transformation des sächsischen Schulwesens am Beispiel der Leipziger Schulbezirke (1980-2005)“

Von Erik Fischer

Titelblatt Neues Deutschland vom 14.6.1989 zur Eröffnung des IX. Pädagogischen Kongresses in Berlin, 12. bis 15. Juni 1989 (Schulmuseum Leipzig, Inv-Nr. D1-1528-54020)

„Für die tägliche Pädagogische Arbeit ändert sich nichts, der Kongreß war vertane Zeit“ – so notierte ein Informeller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit die Reaktion in einem Leipziger Lehrer:innenzimmer, im Anschluss an den IX. Pädagogischen Kongress im Juli 1989. Auf diesem bildungspolitischen Großereignis versicherten sich die bildungspolitischen Führungskräfte um Margot Honecker ihrer erreichten Erfolge und propagierten die Notwendigkeit zur weiteren Intensivierung der „sozialistischen Erziehung“ der Schüler:innen. Das repetitive Bestärken des Erreichten und die Verhinderung von Reformdiskursen im Bildungssystem hatten in der DDR zu diesem Zeitpunkt schon Tradition. Dieses System war seit den 1960er Jahren hinsichtlich der Inhalte, des Aufbaus und der personellen Besetzung einheitlich strukturiert und durch das Ministerium für Volksbildung straff geführt. Aus Sicht der politischen Führung galt das Bildungssystem als eine der herausragenden Errungenschaften der DDR. Die flächendeckende Kinderbetreuung, die pädagogische Ausbildung der Lehrer:innen sowie soziale Ausgleichsfunktion bildeten das argumentative Gerüst dieser Sichtweise. Unweigerlich stand diesen postulierten Vorzügen die ideologische Durchdringung der Bildungsinstitutionen bzw. -inhalte sowie die staatliche Regulierung des Bildungszuganges gegenüber.

Vor diesem Hintergrund kann es kaum überraschen, dass sich Reformideen und -überlegungen nicht erst im Herbst 1989 entwickelten. Vielmehr lassen sich seit den späten 1970er Jahren, insbesondere seit der Einführung des Wehrunterrichts (1978), Bestrebungen verschiedener Akteur:innen erkennen, das Bildungssystem der DDR zu reformieren. Artikuliert wurden solche Überlegungen innerhalb verschiedener Gruppierungen, in der Friedensbewegung der DDR bzw. unter kirchlicher Ägide. Über Eingaben, (Samisdat-)Schriften und Flugblätter kritisierten sie die ideologische Ausrichtung des Unterrichts, die militärischen Inhalte, ungleiche Zugangschancen zur Erweiterten Oberschule und selbst Lehrer:innen klagten in den 1980er Jahren über die schlechte Bezahlung und die hohen psychischen Belastungen. Und auch in den Klassenzimmern zeigten sich im Laufe der 1980er Jahre Veränderungen: Forschungen der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften (APW) der DDR oder des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung (ZIJ) wiesen beispielsweise bei Befragungen von Leipziger Schüler:innen empirisch ein nachlassendes Interesse an den Jugendorganisationen oder pessimistische Zukunftsaussichten nach. Diese Studien waren natürlich nicht öffentlich zugänglich. Weiterlesen

Über eigen-sinnige Feste oder den feiernden Eigen-Sinn

Eine Rezension zu Daniel Fischer: Stadtbürgerlicher Eigensinn in der DDR? DDR-Jubiläen zwischen parteipolitischer Intention und kommunaler Selbstdarstellung (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde 68), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2022, ISBN 978-3-96023-479-1, verfasst von Johannes Schütz

Mit immensem Aufwand bemühte sich die SED darum, ihre Herrschaft auch historisch zu legitimieren. Wie die Studie von Daniel Fischer zeigt, war dabei das Jubiläum einer Stadt ein zentraler Anlass, die Zielrichtung der Geschichte ins Bild zu setzen. Anhand von beachtlichen 347 Jubiläen, die verifiziert werden konnten und die in insgesamt 291 Städten in den 40 Jahren DDR-Existenz gefeiert wurden, untersucht Fischer die spannungsreiche Geschichte dieser zentralen Ereignisse – denn sie waren nicht nur in den Legitimationsapparat der SED eingespannt, sondern dienten gleichermaßen zur Konstruktion städtischer Identitäten Dass Fischer dabei einen besonderen Schwerpunkt auf Sachsen legt und die Mehrzahl seiner Beispiele und Mikrostudien aus den sächsischen Bezirken stammen, ist nicht zuletzt eine gute Begründung, dass der Band an dieser Stelle besprochen wird.

Zu Beginn ordnet sich Fischer in drei wesentliche Forschungstraditionen ein: die historische Erforschung der Stadt, des Jubiläums und des Bürgertums, bzw. der Entbürgerlichung in der DDR. Er bindet diese Forschungsstränge zusammen, indem er die Fragen auf die kommunale Selbstverwaltung in der DDR anwendet und am Beispiel der Stadtjubiläen erforscht, welche Möglichkeiten für kommunale Gestaltung und Selbstverwaltung noch gegeben waren. Damit untersucht er jene zentralen Ereignisse, in denen sich traditionellerweise das städtische Bürgertum seiner selbst vergewisserte und entsprechend inszenierte. Weiterlesen