Bürgerliche Lebensformen in der DDR

Eine Rezension zu Hans-Peter Lühr/Johannes Schütz (Hgg.): Refugiumsbürgertum in Dresden. Gespräche zu einer verschwundenen Lebensform, Dresden/München: Thelem, 2026, ISBN 978-3-95908-635-6, verfasst von Thomas Bürger

In Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ von 2008 tauchen Leserinnen und Leser tief ein in die Dresdner Lebenswelten des Bürgertums, das „auf dem Berg“, dem Villenviertel Weißer Hirsch, den Zumutungen der sozialistischen Diktatur trotzte und „in den Musennestern … die süße Krankheit Gestern“ pflegte. In Tellkamps genialem Panorama aus Dichtung und Wahrheit spielen auch der „Baron Arbogast“ mit seinem „Institut“ sowie sein Vortragszirkel ausgewählter Mitglieder eine Rolle, hinter denen unschwer der Physiker Manfred von Ardenne und sein Club im Lingnerschloss zu erkennen sind.

Das prominente Anwesen der Familie von Ardenne in Loschwitz und die Ermöglichung exklusiver Treffen von Wissenschaftlern und Künstlern im Lingnerschloss war ein politisches Zugeständnis des Ulbricht-Staats an einen hochbegabten Physiker, den man nach seinem Zwangsaufenthalt in der Sowjetunion von 1945 bis 1955 nicht an den Westen verlieren wollte. Wie sein Sohn, der Physiker Alexander von Ardenne, sich an den Vater und an das Leben eines ‚Refugiumsbürgertums‘ auf dem Berg erinnert, hat nun der Dresdner Historiker und Autor Hans-Peter Lühr zusammen mit Johannes Schütz in Form eines Sammelbands mit Interviews veröffentlicht. Acht aktuelle und frühere Gespräche sind enthalten: mit dem Elektroakustiker Peter Fürst (geb. 1942 in Braunschweig), der Kunstsammlerin Renate Glück (1923 Großröhrsdorf – 2018 Dresden), dem Kunsthistoriker und Kustos Hans Joachim Neidhardt (1925 Leipzig – 2024 Dresden), der Denkmalpflegerin Elisabeth Hütter (1921 Kischker/Serbien – 2015 Berlin), dem Soloflötisten Eckart Haupt (geb. 1945 in Zittau), dem Internisten Jan Schulze (geb. 1942 in Davos) und mit Oberlandeskirchenrat Christoph Münchow (geb. 1946 in Zwickau).

Alexander (l.) und Manfred von Ardenne, 1996. Foto: privat (Verwendung mit freundlicher Genehmigung, alle Rechte vorbehalten)

Diese denkbar verschiedenen Persönlichkeiten verbindet eine bürgerliche Lebensführung, die auf Bildung und Leistung, Verantwortungs- und Wertebewusstsein gründet und kulturelle Traditionen pflegt. Weiterlesen →

Das verschwundene jüdische Leipzig. Digitale Wiederentdeckung von Orten jüdischer Religionsausübung in Leipzig

Von Erik Fuhrken

Einführung

Wer heute durch Leipzig geht, wird nur an wenigen Orten auf Hinweise auf jüdisches Leben stoßen. Schnell entsteht der Eindruck, die jüdische Gemeinde habe in der Stadt nie eine bedeutende Rolle gespielt. So zählte die Leipziger jüdische Gemeinde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weniger als 30 Mitglieder (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Erst bis 2023 konnte die Gemeinde wieder auf über 1.200 Gemeindemitglieder anwachsen und ist damit heute die größte jüdische Gemeinde Ostdeutschlands (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 37).

Das besonders einschneidende Ereignis im Nationalsozialismus hinsichtlich der räumlichen Präsenz von Jüdinnen und Juden sind die Pogromereignisse vom 9. November 1938 (Ristau 2018). Mit der Verwüstung und Entweihung jüdischer Synagogen und Gebetshäuser sowie der anschließenden Schließung dieser Einrichtungen wurde das religiöse Leben der Gemeinde dauerhaft zerstört (Pester/Trautmann/Hartinger 2023: 32). Insgesamt sind die Zerstörung von mindestens drei Synagogen, vier Bethäusern, einer Friedhofskapelle sowie die Niederbrennung der beiden großen Synagogen in der Gottschedstraße (Abb. 1) und Otto-Schill-Straße belegt (Trautmann 2024: 42). In dem folgenden Beitrag will ich mittels einer digitalen Rekonstruktion herausfinden, wie sichtbar jüdisches Leben vor 1938 wirklich war und inwiefern die jüdische Gemeinde die Stadt Leipzig räumlich prägte. War Leipzig vor dem Nationalsozialismus also nur eine Stadt mit einer kleinen jüdischen Minderheit oder ist dieser Eindruck vor allem das Ergebnis der Zerstörung und des Vergessens?

Abb. 1: Synagoge in der Gottschedstraße, Ansicht von Nordosten. Stich von Alfred Krauße nach einer Zeichnung von Adolf Eltzner, 1850 (Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Kupferstich-Kabinett via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit der Georeferenzierung der einzelnen Orte der Religionsausübung kann die religiöse Vielfalt Leipzigs vor der Reichspogromnacht gezeigt werden. Unter Orten der Religionsausübung können Betstuben in Privatwohnungen verstanden werden, Betstuben einzelner jüdischer Vereine, Synagogen oder von jüdischen Vereinen betriebene Ritualbäder. Darüber hinaus soll die räumliche Darstellung verdeutlichen, wie sich die jüdische Gemeinde im Laufe der Zeit entwickelte und wuchs. Dies geschieht durch eine farbliche Kennzeichnung der Orte nach ihrem Gründungszeitraum. Abschließend sollen alle Orte der Religionsausübung auf einem historischen Stadtplan der Stadt Leipzig projiziert und dargestellt werden. Weiterlesen →

Alles auf Anfang? Gedanken zu Flucht, Exil und Emanzipation jüdischer Künstlerinnen und Akademikerinnen im Zuge der NS-Herrschaft

Von Anne Olsen und Georg Langenberg

Frauen, die sich in den 1920er Jahren ein hohes Maß an Eigenständigkeit erarbeitet hatten, wurden durch Flucht und Exil in eine prekäre Lage versetzt: Ihre bislang erreichten Freiheiten ließen sich unter den neuen Lebensbedingungen nicht ohne Weiteres aufrechterhalten. In ihrem Streben nach Selbstbestimmung standen sie mitunter wieder am Anfang. Diese Problemstellung bildet den Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit jüdischen Akademikerinnen und Künstlerinnen, die vor dem NS-Regime fliehen mussten. Der Verlust beruflicher Netzwerke sowie sozialer und finanzieller Sicherheit konnte ihre Handlungsspielräume erheblich einschränken. Wie tiefgreifend die damit einhergehenden biografischen Brüche waren, unterschied sich jedoch von Frau zu Frau. Bereits erreichte Formen der Emanzipation mussten unter den veränderten Lebensbedingungen des Exils neu behauptet und ausgehandelt werden.

Abb. 1: Jüdische geflüchtete Österreicherin bei ihrer Ankunft in Harwich, 12. Dezember 1938. Quelle: National Archives and Records Administration, College Park, MD, Source Record ID: 306-NT-648-F-2, Public Domain.

In der deutschsprachigen Forschung zur Flucht jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen nehmen die Perspektiven betroffener Frauen bisher noch zu wenig Raum ein, insbesondere im Hinblick auf Emanzipations- und Emotionserfahrungen. Dabei ermöglichen ihre Biografien Einblicke in vielschichtige Lebensgeschichten, die von Hoffnung, Mut und Selbstbehauptung, aber auch von Verlust, Sehnsucht und Rückschlägen geprägt waren. Diesem Desiderat widmet sich das Forschungsvorhaben „Weibliche Emanzipation, Migration und Traditionen – Das Beispiel geflüchteter jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen (1933–1945)“ von Francesca Weil. Es geht der Frage nach, wie sich biografische Brüche durch Flucht und Exil konkret auf die Emanzipation dieser Frauen auswirkten. Im Rahmen unserer Mitarbeit an dem Projekt widmen wir uns der biographischen Recherche zu einzelnen Frauen. Dabei wurde uns schnell und eindrücklich bewusst, wie vielfältig diese Erfahrungen das soziale und berufliche Leben sowie die individuellen Emanzipationsprozesse prägten. Der vorliegende Beitrag stellt auf der Grundlage der einschlägigen biografischen Literatur diese Vielfalt exemplarisch anhand von sechs Frauen und ihren Lebensgeschichten dar, darunter auch Gerda Taro, die in Leipzig in antifaschistischen Kreisen politisiert wurde, und die Dresdnerin Lea Grundig. Ein abschließender Vergleich macht sichtbar, wie unterschiedlich sie mit dem Verlust ihrer Ausgangspositionen vor der Flucht umgingen. Weiterlesen →

Geschichte zum Kleben. Werbemarken und ihr Wert für die Landesgeschichte

Von Max Grund

Wenn auf dem Blog Saxorum der „Summer of Ephemera“ ausgerufen wird, dann gilt es, diesem Ruf zu folgen. Daniel Fischer berichtete hier neulich vom Quellenwert des Bierdeckels, welcher in seiner Aussagekraft als Zeitzeuge bisher noch unterschätzt sei.[1] Ich möchte dieser Beobachtung gern eine weitere, bisher ebenfalls noch völlig unterschätzte, Quellengattung zur Seite stellen: die sogenannten Werbemarken.[2]

Diese Form der Ephemera kam kurz vor 1900 auf. Werbemarken waren und sind ein ganz spezielles Druckerzeugnis. Sie wurden zumeist im Buchdruck- oder Lithografieverfahren, seltener als Lichtdruck gedruckt und durchliefen anschließend eine Perforiermaschine. Das Papier entsprach oft dem der Briefmarken. Ähnlich wie bei heutigen Werbeaufklebern ist ihr zentraler Sinn, auf ihrem Untergrund, aber auch im Gedächtnis der sie Sehenden haften zu bleiben. Doch stellt sich die Praxeologie der Werbemarke etwas anders als bei heutigen Werbestickern dar. Während uns Aufkleber heute überall begegnen von der Uni-Toilette über Zugabteile bis hin zu Laptopdeckeln, waren Werbemarken ursprünglich einem sehr bestimmten Ort verhaftet – nämlich auf Postsendungen und in Sammelalben.[3] Nicht von ungefähr sind Werbemarken in der Regel ähnlich den Briefmarken mit den markanten Zähnen an ihrem Rand versehen. Diese Zähnung dürfte nicht nur produktionstechnische Gründe gehabt haben. Auch Kaufmannsbilder[4] wurden in großer Masse unter das Volk gebracht und das ganz ohne Zähnung. Vielmehr dürfte die Zähnung der Werbemarke zusätzlich dazu gedient haben, auch ohne Erklärung zu vermitteln, dass diese auf Postkarten, Briefe oder Paketsendungen geklebt werden sollten. Hierzu diente schließlich auch die Gummierung auf ihrer Rückseite, welche sie ebenfalls von normalen Sammelbildern unterschied. Gleichzeitig wurden Werbemarken zu keiner Zeit als Wertzeichen genutzt, was sie klar von den Briefmarken und anderen Wertmarken unterscheidet. Ihr Sinn war ein rein optischer. Sie waren damit quasi die „blinden Passagiere“ der Briefmarken.

Abb. 1: Werbemarken für Wanderluststrumpffabrikate der Firma Wilhelm Dohmen (Chemnitz) anlässlich der Leipziger Löwenjagd am 19. Oktober 1913 (Quelle: Wikimedia Commons)

In ihrer Eigenschaft als postalische Werbebotschafter unterschieden sie sich auch von den durch Daniel Fischer vorgestellten eher ortstreuen Bierdeckeln. Während erstere meist in mit der darauf abgebildeten Marke verbundenen Lokalen oder an bestimmten Orten zu spezifischen Anlässen ausgegeben wurden und in Gebrauch waren, konnten Werbemarken einen ganz anderen Aktionsradius entwickeln. Zumeist erhielt man die Marken im Geschäft beim Kauf eines Produkts vom Markenbogen oder sie lagen den Produkten bei.[5] Einmal gezielt in Umlauf gebracht, verteilten sie sich mit den Postsendungen übers Land und konnten auf diese Weise auch größere Distanzen zurücklegen. Während die Nutzungsorte der Bierdeckel also mehr oder minder von den ausgebenden Entitäten kontrolliert werden konnten, war die Werbemarke auf die anarchische Verbreitung ihrer Botschaft in der Welt ausgelegt. Gleichzeitig entstanden für die Werbenden auf diese Weise neben der Produktion quasi keine Kosten, da das Porto für die Verbreitung der Werbebotschaft durch die Versendenden übernommen wurde. Außerdem wurden Werbemarken von Anfang an auch gesammelt, wofür gesonderte Alben vertrieben wurden. Die ältesten Werbemarken lassen sich bis in das Jahr 1894 zurückverfolgen.[6] Die ersten Sammelkataloge und auf Werbemarken bezüglichen Zeitschriften erschienen im Jahr 1898.[7] Eine Vorreiterrolle nahm hierbei der Leipziger Verleger Walther Fiedler (1860-1926) ein. Zugleich war das Sammeln von Werbemarken ungleich schwieriger als bei Briefmarken oder Kaufmannsbildern, da auf ihnen nur äußerst selten die zugehörige Serie abgedruckt wurde.[8] So war es Sammlerinnen und Sammlern fast unmöglich, zu ermitteln, welche Marken zu welcher Serie gehörten. Teilweise fehlte es auch schlicht am Überblick über die vorhandenen Marken. In den Sammelalben führte dies zu recht bunten Mischungen, welche auch heute noch eine Erschließung dieser Druckgrafiken in Archiven, Bibliotheken und Sammlungen erschwert. Glücklich konnte sich daher schätzen, wer keine einzelnen Marken, sondern direkt den gesamten Bogen der Reihe erhielt.

Angesichts der potenziellen Verbreitung über große Distanzen und des Zwecks der Bewerbung bestimmter Dinge kommt den auf den Werbemarken abgebildeten Motiven ein großer historischer Quellenwert zu. Weiterlesen →

Nachlassinformationen aus Kalliope für Wikidata erschließen

Ein Beitrag zum Call ‘Wie Archive von Geokoordinaten in Wikidata profitieren‘ (2025). Von Alexander Winkler.

LODifizierung von GLAM-Daten

Viele der Erschließungsdaten aus Kulturerbeeinrichtungen (in der Folge kurz GLAMs für Galleries, Libraries, Archives und Museums) sind mittlerweile maschinenlesbar verfügbar und orientieren sich – bald mehr bald weniger – an den FAIR-Prinzipien.[1]

Die tatsächliche Nachnutzbarkeit[2] ist aber nicht immer voll ausgeprägt. Zahlreiche unterschiedliche Wege des Datenabrufs, mangelnde Dokumentation, eine Vielzahl von Datenformaten – um nur einige Hemmnisse und Herausforderungen zu nennen – können die Arbeit mit GLAM-Daten erschweren. Die Daten sind zwar oft von hoher Qualität und verwenden insbesondere etablierte Vokabulare und Normdaten; bei genauerem Besehen brauchen aber auch diese qualitativ hochwertigen Daten oft noch eine gewisse Vorverarbeitung, ehe sie produktiv genutzt werden können.

So werden Normdaten oft unterschiedlich eingebunden: mit schlichten (und damit schwer maschinell auflösbaren) IDs, mit falschen URIs[3] etc. Es muss also vor einer Weiterverarbeitung erst eine Harmonisierung der Daten erfolgen. Vor der Verarbeitung an sich müssen zudem relevante Daten erst lokal individuell zusammengetragen werden. Die Korpusbildung geht also der Nutzung voraus.

Die Überführung von GLAM-Daten in Linked Open Data (LOD), d.h. die Integration von GLAM-Daten in einen sog. Wissensgraphen kann einige der skizzierten Hürden absenken. LOD sind offen, maximal verknüpft, maschinenlesbar und hoch interoperabel. Verschiedene LOD-Bestände lassen sich über eine sog. Föderation im Verbund abfragen, sodass – so zumindest die Idee – einer Silo-Bildung entgegengewirkt wird.

Das besondere Potential von LOD ist im Kulturerbesektor längst erkannt, wie die Bemühungen der einschlägigen NFDI-Konsortien demonstrieren.[4] Viele dieser Wissensgraphen entwickeln eine eigene Ontologie, die die möglichen Beziehungen zwischen den verschiedenen enthaltenen Entitäten definieren. Es mag hierfür überzeugende inhaltliche Gründe geben, eine optimale Nachnutzbarkeit profitiert jedoch von einem möglichst einheitlichen Datenmodell und einer mehr oder minder zentralisierten Infrastruktur.

Hier kommt nun Wikidata ins Spiel. Weiterlesen →

Wettinische Ehekrisen: Die Fürstin und der Ehebruch

Von Maria Hauber

In meiner Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München untersuche ich vier Fälle, in denen Frauen aus der Dynastie Wettin (welche die sächsischen Herzogtümer und die Kurwürde innehatte) mit Ehebruchvorwürfen konfrontiert waren. Von diesen vier Frauen erreichte nur Elisabeth von Sachsen (1502–1557) die Rehabilitation und konnte sich unbeschadet auf ihren Witwensitz zurückziehen. Die anderen drei hatten weniger Glück: Sie wurden bis zum Ende ihres Lebens auf entlegenen Burgen und Klöstern gefangengesetzt. Anna von Oranien (1544–1577) und Anna von Sachsen-Coburg (1567–1613) mussten hinnehmen, dass ihr Ehegatte sich von ihnen scheiden ließ und neu heiratete. Elisabeth von Pfalz-Simmern (1552–1590) wiederum verstarb nach nur sechsmonatiger Haft unter ungeklärten, aber verdächtigen Umständen. Es ist nicht auszuschließen, dass sie im Auftrag ihres Gatten vergiftet wurde, wie einige Zeitgenossen glaubten. Mit meiner Dissertation möchte ich zu einem besseren Verständnis dazu beitragen, wie Familienehre, Dynastiepolitik und konfessionelle Abhängigkeiten in protestantischen Fürstentümern gegeneinander abgewogen wurden.

After Anthony Mor - Portrait of Anna of Saxony

Anna von Sachsen (1544–1577), Porträt von Anthonis Mor, 1560er Jahre (Muzeum Narodowe we Wrocławiu/Nationalmuseum Wrocław, VIII-720, via Wikimedia Commons)

Die weibliche Untreue in einer mit Herrschaftsrechten ausgestatteten Familie zog immer die Legitimität der Erbfolge in Frage und destabilisierte dadurch direkt die dynastische Herrschaft. Politische Feinde konnten diese Situation nutzen, um eigene Ansprüche durchzusetzen. Nichtsdestotrotz waren dem adligen Ehemann im Mittelalter insofern die Hände gebunden, als Ehebruch keine Annullierung einer Ehe legitimierte – er konnte seine Frau zwar verstoßen, blieb aber dennoch bis zum Ende seines Lebens nach lateinischem Kirchenrecht mit ihr verehelicht. Im Zeitalter der Reformation trat jedoch eine neue Situation ein. Mit der Verweltlichung der Ehe wurde für protestantische Fürsten eine Scheidung mit Option auf Wiederheirat möglich. Außerdem übernahm der Landesherr in Ermangelung einer ausdifferenzierten und funktionsfähigen protestantischen Geistlichkeit das Kirchenregiment. Theoretisch konnte sich daher ein protestantischer Fürst, dessen Frau mutmaßlich Ehebruch begangen hatte, selbst von ihr scheiden. Dies eröffnete natürlich auch die Möglichkeit, bestehende Gerüchte gegen die Ehefrau zu instrumentalisieren, um sich ihrer zu entledigen. Andererseits riskierte der Fürst damit aber nicht nur den Konflikt mit der Schwiegerfamilie, sondern auch das öffentliche Bekanntwerden des Vorfalls. Wenn eine Ehefrau im Verdacht stand, außereheliche sexuelle Kontakte zu unterhalten, sagte dies schließlich auch etwas über den „gehörnten“ Ehemann aus. Er hatte die patriarchalische Kontrolle verloren, war nicht in der Lage, seine Frau im Zaum zu halten und dementsprechend der Lächerlichkeit preisgegeben. Wie navigierten Akteure im 16. Jahrhundert diesen Zielkonflikt?

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Wie der sächsische Anstaltspsychiater Hermann Paul Nitsche zum Täter während der NS-„Euthanasie“ wurde

Von Judith Marie Nitschke

Menschen- und Freiheitsrechte gelten als selbstverständlich – doch das sind sie weder heute, noch waren sie es vor über 90 Jahren. Fast ein Jahrhundert nach den „Euthanasie“-Verbrechen fehlt es in der deutschen Gesellschaft vielfach noch immer an einem umfassenden Bewusstsein und einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. So gilt es sich bewusst zu machen, dass politische Umbrüche, die Krisen hervorrufen, Radikalisierungsstrukturen fördern. Einen Teil der Aufarbeitung hierfür können Täterbiografien leisten, wofür ich im Folgenden ein Beispiel vorstellen möchte: den Lebensweg des Psychiaters Hermann Paul Nitsche (1876–1948) (Abb. 1).

Abb. 1: Porträt von Hermann Paul Nitsche. Quelle: Roemer, Hans/Rüdin, Ernst: Herrn Obermedizinalrat Professor Dr. Paul Nitsche zum 60. Geburtstag. In: Zeitschrift für psychische Hygiene 9 (1936), S. 129 (gemeinfrei)

Anstaltspsychiater und -direktoren sowie Leiter psychiatrischer Forschungsanstalten oder universitärer Abteilungen tragen Verantwortung für die Verbrechen an nahezu 200.000 psychisch kranken und behinderten Anstaltspatientinnen und -patienten während des Nationalsozialismus. Täterbiografien der Beteiligten an der nationalsozialistischen „Euthanasie“ rekonstruieren die Radikalisierungsprozesse von medizinischen Akteuren der Zeit und wenden sich einem individuellen Akteur aus der Täterperspektive zu. Ziel dieser biografisch orientierten Forschung ist es, einzuordnen, wie und unter welchen Bedingungen – also Strukturen, Motiven und individuellen Handlungsspielräumen – Menschen eine Täterkarriere einschlugen. Damit leistet dieser Ansatz einen mikrohistorischen Beitrag im großen Kontext der Täterforschung.

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140 Jahre Schlossbibliothek Oels in Dresden

Von Thomas Haffner

Abb. 1: König Albert von Sachsen, um 1895. Foto: Rudolph Kramer (SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Rechte vorbehalten)

Im Feuilleton des Dresdner Journals vom 22. Oktober 1885 vermeldete Ernst Wilhelm Förstemann, der damalige Direktor der Königlichen Öffentlichen Bibliothek (KÖB) zu Dresden, einer Vorgängereinrichtung der heutigen Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB): „Durch die Gnade Sr. Majestät des Königs hat die hiesige königl. öffentl. Bibliothek in diesen Tagen einen Schatz erhalten, wie er ihr in solchem Umfange seit einem Jahrhundert nicht zu Theil geworden ist.“[1] Damit sind gut 20.000 Bände aus der Schlossbibliothek Oels in Schlesien gemeint, die nach dem Tod des regierenden Herzogs Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg (1806–1884) als Erbe an dessen Vetter König Albert von Sachsen (reg. 1873–1902) (Abb. 1) gefallen waren.

Den Grundstein zu dieser Bibliothek legten die Herzöge von Münsterberg (Ziębice) aus dem böhmischen Adelsgeschlecht von Podiebrad im 16. Jahrhundert in ihren Schlössern zu Oels (Oleśnica) und zu Bernstadt (Bierutów). Nachdem das Herzogtum Oels 1648 an die Herzöge von Württemberg gefallen war, wurde 1699 die Bernstädter mit der Oelser Sammlung vereinigt und nach großem Zuwachs durch private Bibliotheken im 18. Jahrhundert im Sophiensaal, einem ehemaligen Festsaal des Oelser Schlosses aufgestellt (Abb. 2). 25 Jahre nach der Übernahme des Herzogtums Oels durch das Haus Braunschweig-Lüneburg (1792) kam die Entwicklung der Bibliothek zum Stillstand. Zwischen 1825 und 1836 kamen über 2.000 Bände abhanden. Fachkundige Bibliothekare wurden durch nebenamtliche Aufseher ersetzt.[2]

Abb. 2: Schloss Oels von Süden, 1894. Foto: Hermann Krone (TU Dresden/Hermann-Krone-Sammlung, KAD-T-050/05 via SLUB/Deutsche Fotothek, Lizenz: Rechte vorbehalten)

So „war es ein Glück für die zahlreichen wertvollen Handschriften und kostbaren alten seltenen Drucke der Bibliothek, dass sie nun in gute Hände kommen“, wie es im Dezember 1885 im „Neuen Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekswissenschaft“ hieß.[3] Weiterlesen →

Spuren der Vernichtung, Spuren des Lebens: Bücher aus dem südpolnischen Tarnów der Vorkriegszeit in der SLUB Dresden

Ein Beitrag zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust von Gabriela Brudzyńska-Němec1

Tarnów und Oświęcim – Oshpitzin und Tarne

Oświęcim war in der Vorkriegszeit eine typische polnische Kleinstadt im Süden des Landes; von den rund 12.000 Einwohnern war mehr als die Hälfte jüdisch. Nicht anders war es in der galizischen Großstadt Tarnów. Dort zählte man 1939 etwa 40.000 Einwohner und etwa die Hälfte gehörte zur jüdischen Bevölkerung. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts war sie Teil der Stadtgesellschaft, über Generationen hinweg verwurzelt im Alltag.

Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 durch das nationalsozialistische Deutschland und parallel durch die Sowjetunion annektierte das Deutsche Reich bereits im Oktober große Teile des Landes. Oświęcim wurde unmittelbar eingegliedert und in Auschwitz umbenannt, während Tarnów zum von den deutschen Besatzern errichteten Generalgouvernement gehörte.

In Oshpitzin und Tarne, wie Oświęcim und Tarnów auf Jiddisch hießen, endete 1939 das gewohnte Leben abrupt. Es wurde von da an untrennbar Teil der Geschichte der Shoah.

Der erste Transport nach Auschwitz im Juni 1940

Ab 1940 errichteten die Nationalsozialisten in Oświęcim ein Konzentrationslager. Es diente zunächst zur Inhaftierung politischer Gefangener aus dem besetzten Polen. Zwischen 1942 und 1944 entwickelte sich Auschwitz-Birkenau zum größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Bis Januar 1945 wurden dort über eine Million Menschen ermordet, darunter 960.000 Angehörige der jüdischen Bevölkerung aus ganz Europa. Unter den Opfern befanden sich zudem zehntausende Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene sowie Angehörige anderer Nationalitäten.

Ausgerechnet von Tarnów aus brach am 14. Juni 1940 der erste Transport mit politischen Häftlingen in Richtung Auschwitz auf (Abb. 1). Die 728 Männer wurden zuvor im Gebäude der Mikwe, dem jüdischen Ritualbad, zusammengetrieben, das die Deutschen zu einem provisorischen Gefängnis umfunktioniert hatten. Unter den Gefangenen befanden sich auch einige jüdische Intellektuelle.

Güterrampe am Bahnhof Tarnów, 14. Juni 1940

Abb. 1: Gefangene werden auf Waggons verladen. Güterrampe am Bahnhof Tarnów, 14. Juni 1940 (via Wikimedia Commons)

Als am 27. Januar 1945 die Soldaten der 60. Armee des I. Ukrainischen Front der Roten Armee den Lagerkomplex Auschwitz‑Birkenau erreichten, konnten sie noch etwa 7.000 kranke und erschöpfte Überlebende befreien. Der Tag der Befreiung wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt und 2005 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ausgerufen.

An der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) ist dieser Tag in besonderer Weise mit der Arbeit der Provenienzforschung verbunden. Die in den Sammlungen aufgefundenen Bücher, die während der NS-Zeit auf unterschiedlichen Wegen geraubt wurden, zeugen unmittelbar vom Leid der Verfolgten und von den Verbrechen des NS-Regimes. Zugleich bewahren sie bleibende Spuren ihrer einstigen Eigentümer. Alte Stempel, Notizen und Widmungen auf den brüchigen Seiten sind dabei oft die letzten greifbaren Zeugnisse. In drei Fällen aus dem SLUB-Bestand führen die auf NS-Raubgut hinweisen Provenienzspuren direkt nach Tarnów:

Heinrich Margulies: Kritik des Zionismus, Band 1, Wien 1920, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1120405300

Jakob Oettinger: Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina, Den Haag 1916, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1120440653

Joseph Braun: Handbuch der Paramentik, Freiburg im Breisgau 1912, https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1117226883

Folgen wir diesen Spuren …

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  1. Eine gekürzte Version des Beitrags erschien unter dem Titel „Wege der Erinnerung zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Bücher aus Tarnów in der SLUB“ am 26. Januar 2026 im SLUBlog, https://blog.slub-dresden.de/beitrag/2026/01/26/wege-der-erinnerung-zum-internationalen-tag-des-gedenkens-an-die-opfer-des-holocaust-buecher-aus-tarnow-in-der-slub. [↩]

Kartierte Machtdemonstration: Ein digitaler Zugang zur Besetzung des öffentlichen Raumes durch nationalsozialistische Veranstaltungen während des Reichstagswahlkampfes 1936 in Dresden

Von Henrik Selle

Großveranstaltungen spielten für das öffentliche Auftreten der Nationalsozialisten eine zentrale Rolle. Sie wurden gezielt als ein Mittel eingesetzt, die Bilder einer disziplinierten und kraftvollen Bewegung zu erzeugen (vgl. Hagen 2008: 350 f.). Es gab Militärparaden, Feste oder Kundgebungen mit hochrangigen Funktionären, wie etwa der Wahlkampfbesuch Hermann Görings in Dresden im späten März 1936 (Abb. 1). Die sorgfältige Dokumentation und fortlaufende Reproduktion dieser Ereignisse in Fotografie, Film und Presse trug wesentlich dazu bei, dass sie bis heute die Vorstellungen über den Nationalsozialismus prägen (vgl. Hagen/Ostergren 2006: 175).

Abb. 1: Titel eines Artikels zur Großkundgebung mit Hermann Göring in der Straßenbahnhalle Waltherstraße Dresden am 22. März 1936. In: Der Freiheitskampf vom 23. März 1936, S. 5 f.

Der Fokus auf das „Spektakuläre“ versperrt jedoch den Blick auf andere, weniger beachtete Formen der öffentlichen Präsenz der Nationalsozialisten. Wie Lokalbeiträge und Veranstaltungsankündigungen des Dresdner NS-Presseorgans Der Freiheitskampf (FHK) zeigen, fand diese nicht nur in den sporadischen Höhepunkten ihren Ausdruck. Vielmehr entwickelten die Nationalsozialisten auch ein dichtes Netz aus regelmäßigen Parteiveranstaltungen und -aktivitäten. Sebastian Haffner schrieb 1939 aus dem englischen Exil heraus über „die Hakenkreuzfahnen überall, die braunen Uniformen, denen man nirgends auskam […]“ (Haffner 2000: 235) – ein zeitgenössischer Hinweis darauf, dass gerade diese Omnipräsenz der NS-Veranstaltungskultur den öffentlichen Raum und damit die unmittelbare Lebenswelt der Bevölkerung maßgeblich beeinflusste. Eine genauere Betrachtung der Veranstaltungsbeiträge im FHK, ihre exemplarische, digitale Visualisierung und Auswertung eröffnen daher eine Perspektive darauf, mit welcher Systematik der öffentliche Raum durch die Nationalsozialisten besetzt worden ist. Im Rahmen meiner Masterarbeit im Studiengang Digital Humanities an der Technischen Universität Dresden konnte ein digitales Modellierungssystem entworfen werden, das es ermöglicht, die Veranstaltungsbeiträge im FHK systematisch zu erfassen, die räumliche Dimension des NS-Veranstaltungsapparates zu visualisieren und auszuwerten. Einen ersten Einblick in diese Auswertungsmöglichkeiten möchte ich mit diesem Beitrag geben.

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Digitale Kulturdaten in Sachsen vernetzen. Bericht zur DIKUSA-Abschlusstagung (15.–16.12.2025) in Leipzig

Von Ansgar Engels

Am 15. und 16. Dezember 2025 fand in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (SAW) die Abschlusskonferenz des Projekts DIKUSA – Vernetzung digitaler Kulturdaten in Sachsen statt. Sechs außeruniversitäre geisteswissenschaftliche Forschungsinstitutionen in Sachsen führten dieses Verbundprojekt innerhalb von vier Jahren durch. Für die Vernetzung der Daten kooperierten diese Einrichtungen auch mit der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) sowie mit dem Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig. Die Ziele waren die Entwicklung einer gemeinsamen technischen Infrastruktur sowie die Erforschung ausgewählter Aspekte der Kultur- und Sozialgeschichte Sachsens in sechs Teilprojekten. Aufgrund dieser Konzeption konnten die digitalen Kompetenzen der beteiligten Institutionen gestärkt werden.

Präsentation zur DIKUSA-Abschlusstagung (© SAW/Birgit Pfeiffer)

Insgesamt betrachtet haben die Teilprojekte den Raum Sachsen in seinen historischen und heutigen Grenzen mit einem Fokus auf die Zeit vom 17. bis zum 20. Jahrhundert erforscht. Die konkreten Themen waren dabei vielfältig: Weiterlesen →

„Lege aber dieses alles ad acta für eine Geschichte der hiesigen lutherischen Gemeine, welche später geschrieben werden kann“. Briefe Johann Kilians an Gotthold Albert Gumlich

Von Annette Scherer

„Dieser Brief an Dich ist der erste, den ich aus Texas an einen Geistlichen nach Deutschland schreibe. Denn Geistliche erwarten mit Grund eine Darstellung der hiesigen kirchlichen Verhältnisse, wenn sie Briefe von einem Amtsbruder aus fernem Lande erhalten. Nun sind aber die kirchlichen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten Amerika’s und insonderheit in dem jungen, großen Staate Texas von der Art, daß man sich erst hinein leben muß, ehe man mit einiger Kenntniß darüber schreiben kann.“

Erste Seite des Briefs von Kilian an Gumlich vom 20. Dezember 1857 mit Erwähnung des Siedlungsnamens „Serbin“ (Quelle: sachsen.digital)

Mit diesen Zeilen beginnt Johann (auch Jan oder John) Kilian (1811–1884) im Dezember 1857 seinen ersten Brief aus Serbin an seinen Amtsnachfolger in Weigersdorf, den Pastor Gotthold Albert Gumlich (1825–1902). Im Herbst 1854 war Kilian, der seit 1847 die Gemeinde Weigersdorf-Klitten sowie weitere altlutherische Gemeinden in der Lausitz betreut hatte, mit einer Gruppe von über 500 Sorb:innen über Liverpool nach Texas aufgebrochen. Die Etappen dieser Reise sowie die Ansiedlung der Migrant:innen in Texas sind in Kilians Brief in Kürze zusammengefasst. Er bietet damit auch den heutigen Leser:innen einen Einblick in die Herausforderungen, mit denen sich die auswandernden Sorb:innen damals konfrontiert sahen: die Cholerafälle in Liverpool und auf See sowie der deswegen eingelegte Quarantäne-Zwischenstopp in Queenstown, die Ankunft vor Galveston in Texas und die weitere beschwerliche Landreise, Widrigkeiten, wie die Dürre in den Jahren 1856 und 1857, sowie die Lage in der von den Ausgewanderten gegründeten und „Serbin“ benannten Siedlung, die zum Zeitpunkt des Schreibens „schon mehr als 50 Farmen [enthält]“.

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Spielen in der DDR, oder: eine Reise durch das verschwundene Land Sachsen

Von Henrik Schwanitz

Abb. 1: Brettspiel Eine Reise durch Sachsen, VEB Kartonagen- und Bürobedarf Karl-Marx-Stadt, 1965

Der folgende Beitrag schaut auf ein Objekt der DDR-Alltagswelt, das die Themen Spielen und Reisen in der sozialistischen Gesellschaft berührt und dabei Überraschendes bereithält: Im Fokus steht das Brettspiel Eine Reise durch Sachsen, das 1965 durch den VEB Kartonagen- und Bürobedarf Karl-Marx-Stadt herausgegeben worden ist (Abb. 1). So weit, so nüchtern, mag man meinen. Doch sowohl Spiel als auch Herausgeber sind bereits interessant, handelte es sich doch bei dem vom Namen her unscheinbaren VEB Kartonagen- und Bürobedarf zum einen um den 1952 gegründeten Nachfolger des Chemnitzer Brückner-Verlags. Dieser hatte in den 1930er- und 40er-Jahren Brettspiele produziert und vermutlich bereits 19411 mit Eine Reise durch Sachsen und den Sudetengau ein ähnliches Spiel vorgelegt. Zum anderen entwickelte sich aus dem VEB wenig später der in der DDR für seine Familienspiele bekannte und beliebte VEB Spielewerk Karl-Marx-Stadt, kurz SPIKA, dessen Spiele seit 2016 sogar wieder eine Renaissance erleben.

Das Spielprinzip ist einfach: Bis zu sechs Personen bewegen sich mittels eines Würfelwurfs auf dem Spielbrett, das einer Landkarte Sachsens nachempfunden ist. Die Bewegung findet dabei entlang der nummerierten Städte statt. Start und Zielpunkt ist Dresden. Wer die damalige Bezirkshauptstadt zuerst erreicht, ist Sieger. Die Spielanleitung verspricht dabei eine „Reise durch das vielgestaltige Sachsenland, die durch die zerklüftete Felsenwelt der Sächsischen Schweiz, in das Zittauer Gebirge, durch die waldreichen Gebiete des Erzgebirges und des Vogtlands, die von tiefeingeschnittenen Flußtälern unterbrochen werden“, führt.

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  1. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/345743) wie im Anschluss daran auch Robin Reschke in seinem Saxorum-Beitrag (https://saxorum.hypotheses.org/8489) datieren das Spiel auf das Jahr 1932. Allerdings verweisen sowohl der Begriff „Sudetengau“ sowie die Existenz eines Druckvermerks darauf, dass das Spiel erst nach 1939 bzw. wahrscheinlich sogar vielmehr Anfang der 1940er-Jahre veröffentlicht wurde. Die Webseite BoardGameGeek verzeichnet als Publikationsjahr 1941, was diese Datierung unterstreicht (https://boardgamegeek.com/boardgame/113192/eine-reise-durch-sachsen-und-sudetengau). Für den Hinweis zum Druckvermerk danke ich Dr. Frank Metasch. – Anm. der Redaktion: Das kürzlich antiquarisch für den Bestand der SLUB beschaffte Exemplar wurde mit „um 1939“ datiert. [↩]

Kamenzer Weihnachtsmärkte im 19. Jahrhundert

Von Max Grund

Die genauen Ursprünge des Kamenzer Weihnachtsmarkts, der bis in das 20. Jahrhundert hinein eigentlich Christmarkt hieß, liegen im Dunkeln der Geschichte. Auch die folgende kleine Studie kann sich nicht auf die Spurensuche nach seinem Anfang machen. Vielmehr möchte ich einige Streiflichter auf den Kamenzer Weihnachtsmarkt des 19. Jahrhunderts werfen. Eine Zeit, in welcher nicht nur gesellschaftliche Umbrüche, sondern auch ein verheerender Stadtbrand über die kleine Stadt an der Schwarzen Elster hinwegzogen. Findet man spuren dieser Zeitläufte in Bezug auf den Kamenzer Christmarkt? Und wie muss man sich einen solchen Weihnachtsmarkt in einer Kleinstadt der Mitte des 19. Jahrhunderts überhaupt vorstellen? Begeben wir uns auf eine kleine Spurensuche. Ausgangspunkt für die nachfolgenden Beobachtungen sind die Inserate, Annoncen und Verlautbarungen in der seit 1822 wöchentlich im Verlag Carl Samuel Krausche erscheinenden Kamenzer Wochenschrift.[1]

Christbaum in Kamenz 1963

Christbaum in Kamenz 1963. Quelle: Stadtarchiv Kamenz

Ablauf und Zeitpunkt

Der Kamenzer Christmarkt fand immer am Donnerstag vor Weihnachten statt.[2] Da das eigentliche Weihnachtsfest erst am 25. Dezember ist, konnte es also vorkommen, dass der Christmarkt am Tag des Heiligen Abends abgehalten wurde.[3] Der Christmarkt scheint dabei im Laufe der Zeit den regulären Wochenmarkt von seinem Termin verdrängt zu haben. Immer wieder ist zu lesen, dass dieser nach dem Christmarkt, abweichend am folgenden Dienstag stattfinden sollte. Zumindest, wenn dieser nicht auf in die Weihnachtsfeiertage fiel.[4] Ob der Christmarkt auch im Jahr des großen Stadtbrandes von 1842 abgehalten wurde, kann nicht sicher gesagt werden. Es haben sich bisher erst aus dem Jahr 1844 neuerliche Zeugnisse des Marktes finden lassen.[5] Denkbar ist, dass im Katastrophenjahr selbst materielle und finanzielle Ressourcen fehlten. Weiterlesen →

Die SLUB Dresden gedenkt der Folgen der NS-Diktatur mit einem neuen Mahndepot am Japanischen Palais

Von Nadine Kulbe

Das Kunst- und Geschichtsprojekt „Gravuren des Krieges – Mahndepots in Dresden“ erinnert seit 2001 an die Folgen des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur in Dresden. An Orten, die während dieser Jahre in der Stadt eine besondere Rolle gespielt haben, werden Edelstahlhülsen in den Boden eingelassen. Sie enthalten einen kurzen Text über die Geschichte des Ortes sowie ein Foto, das den Zustand bei der Einlassung zeigt. Seit dem Start des Projekts wurden mehr als 60 Mahndepots verlegt und damit ebenso viele Orte als Schauplätze des Nationalsozialismus markiert. Nun kommt im 80. Jahr nach dem Ende des NS-Regimes mit dem Japanischen Palais als Sitz der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek (SLB) ein weiterer Ort hinzu.

 Japanisches Palais, Eingangsfront, 1925

Abb. 1: Walter Hahn: Japanisches Palais, Eingangsfront, 1925 (SLUB/Deutsche Fotothek, df_hauptkatalog_0305018).

Deutsche Bibliotheken übernahmen im Nationalsozialismus eine aktive Rolle. Sie waren in die NS-Propaganda eingebunden, mussten NS-Literatur bevorzugt zur Verfügung stellen, setzten Verordnungen des Staates ihr Personal, die Nutzenden und die Kulturpolitik betreffend um, sie profitierten von den Enteignungen politischer Gegner:innen, von Jüdinnen und Juden und von den als jüdisch deklarierten Menschen, so der Dresdner Romanist Victor Klemperer. Und schließlich bekamen Bibliotheken die Folgen des von NS-Deutschland angezettelten Weltkriegs unmittelbar zu spüren: durch die Zerstörung von Gebäuden bei Bombenangriffen, durch die Vernichtung von Beständen im Feuer oder den Verlust von Büchern mit Abtransport der Alliierten. All dies gilt auch für die ehemalige SLB – an ihrem Sitz, dem Japanischen Palais in Dresden, werden die NS-Diktatur und deren Folgen offensichtlich.[1]

Die Institution

Das Japanische Palais am heutigen Palaisplatz 11 war von 1786 bis 1945 der Sitz der SLB, einer Vorgängerin der heutigen Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Weiterlesen →