Eine Rezension zu Hans-Peter Lühr/Johannes Schütz (Hgg.): Refugiumsbürgertum in Dresden. Gespräche zu einer verschwundenen Lebensform, Dresden/München: Thelem, 2026, ISBN 978-3-95908-635-6, verfasst von Thomas Bürger
In Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ von 2008 tauchen Leserinnen und Leser tief ein in die Dresdner Lebenswelten des Bürgertums, das „auf dem Berg“, dem Villenviertel Weißer Hirsch, den Zumutungen der sozialistischen Diktatur trotzte und „in den Musennestern … die süße Krankheit Gestern“ pflegte. In Tellkamps genialem Panorama aus Dichtung und Wahrheit spielen auch der „Baron Arbogast“ mit seinem „Institut“ sowie sein Vortragszirkel ausgewählter Mitglieder eine Rolle, hinter denen unschwer der Physiker Manfred von Ardenne und sein Club im Lingnerschloss zu erkennen sind.
Das prominente Anwesen der Familie von Ardenne in Loschwitz und die Ermöglichung exklusiver Treffen von Wissenschaftlern und Künstlern im Lingnerschloss war ein politisches Zugeständnis des Ulbricht-Staats an einen hochbegabten Physiker, den man nach seinem Zwangsaufenthalt in der Sowjetunion von 1945 bis 1955 nicht an den Westen verlieren wollte. Wie sein Sohn, der Physiker Alexander von Ardenne, sich an den Vater und an das Leben eines ‚Refugiumsbürgertums‘ auf dem Berg erinnert, hat nun der Dresdner Historiker und Autor Hans-Peter Lühr zusammen mit Johannes Schütz in Form eines Sammelbands mit Interviews veröffentlicht. Acht aktuelle und frühere Gespräche sind enthalten: mit dem Elektroakustiker Peter Fürst (geb. 1942 in Braunschweig), der Kunstsammlerin Renate Glück (1923 Großröhrsdorf – 2018 Dresden), dem Kunsthistoriker und Kustos Hans Joachim Neidhardt (1925 Leipzig – 2024 Dresden), der Denkmalpflegerin Elisabeth Hütter (1921 Kischker/Serbien – 2015 Berlin), dem Soloflötisten Eckart Haupt (geb. 1945 in Zittau), dem Internisten Jan Schulze (geb. 1942 in Davos) und mit Oberlandeskirchenrat Christoph Münchow (geb. 1946 in Zwickau).

Alexander (l.) und Manfred von Ardenne, 1996. Foto: privat (Verwendung mit freundlicher Genehmigung, alle Rechte vorbehalten)
Diese denkbar verschiedenen Persönlichkeiten verbindet eine bürgerliche Lebensführung, die auf Bildung und Leistung, Verantwortungs- und Wertebewusstsein gründet und kulturelle Traditionen pflegt. Weiterlesen












