Alles auf Anfang? Gedanken zu Flucht, Exil und Emanzipation jüdischer Künstlerinnen und Akademikerinnen im Zuge der NS-Herrschaft

Von Anne Olsen und Georg Langenberg

Frauen, die sich in den 1920er Jahren ein hohes Maß an Eigenständigkeit erarbeitet hatten, wurden durch Flucht und Exil in eine prekäre Lage versetzt: Ihre bislang erreichten Freiheiten ließen sich unter den neuen Lebensbedingungen nicht ohne Weiteres aufrechterhalten. In ihrem Streben nach Selbstbestimmung standen sie mitunter wieder am Anfang. Diese Problemstellung bildet den Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit jüdischen Akademikerinnen und Künstlerinnen, die vor dem NS-Regime fliehen mussten. Der Verlust beruflicher Netzwerke sowie sozialer und finanzieller Sicherheit konnte ihre Handlungsspielräume erheblich einschränken. Wie tiefgreifend die damit einhergehenden biografischen Brüche waren, unterschied sich jedoch von Frau zu Frau. Bereits erreichte Formen der Emanzipation mussten unter den veränderten Lebensbedingungen des Exils neu behauptet und ausgehandelt werden.

Abb. 1: Jüdische geflüchtete Österreicherin bei ihrer Ankunft in Harwich, 12. Dezember 1938. Quelle: National Archives and Records Administration, College Park, MD, Source Record ID: 306-NT-648-F-2, Public Domain.

In der deutschsprachigen Forschung zur Flucht jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen nehmen die Perspektiven betroffener Frauen bisher noch zu wenig Raum ein, insbesondere im Hinblick auf Emanzipations- und Emotionserfahrungen. Dabei ermöglichen ihre Biografien Einblicke in vielschichtige Lebensgeschichten, die von Hoffnung, Mut und Selbstbehauptung, aber auch von Verlust, Sehnsucht und Rückschlägen geprägt waren. Diesem Desiderat widmet sich das Forschungsvorhaben „Weibliche Emanzipation, Migration und Traditionen – Das Beispiel geflüchteter jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen (1933–1945)“ von Francesca Weil. Es geht der Frage nach, wie sich biografische Brüche durch Flucht und Exil konkret auf die Emanzipation dieser Frauen auswirkten. Im Rahmen unserer Mitarbeit an dem Projekt widmen wir uns der biographischen Recherche zu einzelnen Frauen. Dabei wurde uns schnell und eindrücklich bewusst, wie vielfältig diese Erfahrungen das soziale und berufliche Leben sowie die individuellen Emanzipationsprozesse prägten. Der vorliegende Beitrag stellt auf der Grundlage der einschlägigen biografischen Literatur diese Vielfalt exemplarisch anhand von sechs Frauen und ihren Lebensgeschichten dar, darunter auch Gerda Taro, die in Leipzig in antifaschistischen Kreisen politisiert wurde, und die Dresdnerin Lea Grundig. Ein abschließender Vergleich macht sichtbar, wie unterschiedlich sie mit dem Verlust ihrer Ausgangspositionen vor der Flucht umgingen. Weiterlesen →

Aus der Blogosphäre: Transkription des Besucherbuches der Kurfürstlich-Königlichen Bibliothek Dresden

In einem Citizen-Science-Projekt arbeiten die Sächsische Bibliotheksgesellschaft und die SLUB seit einiger Zeit an der Transkription der Besucherbücher der Kurfürstlich-Königlichen Bibliothek in Dresden aus dem Zeitraum 1753 bis 1813: Bbliotheksgeschichte zum Mitmachen. Der Workflow wurde im vergangenen Sommersemester auch im Rahmen des Datenkompetenz-Seminars im Master-Studiengang Digital Humanities der TU Dresden disktutiert und erprobt. Dimitrij Schäfer stellt im Projektblog des Studienganges die Methodik und beispeilhafte Auswertungsmöglichkeiten der Quelle vor:

Transkription des Besucherbuchs der Kurfürstlichen-Königlichen Bibliothek Dresden (SLUB Bestand).Qualitative Forschung anhand von Martin Jenisch d. Ä.

Spielspaß aus dem Drucker: Sind Print-and-Play-Spiele Ephemera?

Von Robin Reschke

Denkt man an vergängliche Dokumente, kommen einem vermutlich zunächst kurzlebige Drucke wie Bierdeckel, Menükarten oder Tafellieder in den Sinn – Ephemera sind Medien, die nach meist einmaliger Nutzung ihren Zweck erfüllt haben. Das steht zunächst im völligen Kontrast zu analogen (und erst recht zu digitalen) Spielen, die sich erst durch eine lange Nachnutzbarkeit qualifizieren: je hochwertiger das Material, desto länger ist der Spielspaß. Print-and-Play-Spiele dagegen sind in Eigenproduktion hergestellte und daher schnell verfügbare Spiele, die auf dem Do-it-yourself-Konzept basieren. In diesem Beitrag möchte ich kursorisch der Frage nachgehen, inwiefern solche Spiele als Ephemera zu bewerten sind, ohne mich dabei explizit im Rahmen der sächsischen Landesgeschichte zu bewegen, wie es die anderen Beiträge dieser Reihe tun.

Das Spiel 12 Parsecs als Print-and-Play-Version (Quelle: https://boardgamegeek.com/image/5842250/12-parsecs)

Analoge Spiele (Brettspiele, Kartenspiele, …) stehen im Kontrast zu den üblichen Medien, die meist auf Kurzlebigkeit ausgerichtet sind? Das stimmt nur teilweise. Weiterlesen →

Aus der Blogosphäre: Biografische Hochschulforschung an der TU Dresden

Zwei Beiträge im Blog des SLUB Open Science Labs fassen die Ergebnisse zweier Workshops im Rahmen des Projektes “Erzähl(t)e Transformation” zusammen. Das Projekt widmet sich der Frage, was die Umbrüche der 1990er-Jahre für ostdeutsche Hochschulen bedeuteten und wie sie “individuell erlebt, institutionell gestaltet und wissenschaftlich reflektiert [wurden]” – und werden, denn auch die Bedeutung dieser Erfahrungen für die Gegenwart der TU Dresden sollen in den Blick genommen werden. Die Workshops im OSL widmeten sich dabeu den Themen „Wie lässt sich Transformation erzählen?“ und „Wie lässt sich erzähltes Wissen aufbewahren?“. Für die nächsten Monate sind vier Erzählcafés geplant, in denen persönliche Erfahrungen geteilt werden können.

Wie lässt sich Transformation erzählen?

Wie lässt sich erzähltes Wissen aufbewahren?