Alles auf Anfang? Gedanken zu Flucht, Exil und Emanzipation jüdischer Künstlerinnen und Akademikerinnen im Zuge der NS-Herrschaft

Von Anne Olsen und Georg Langenberg

Frauen, die sich in den 1920er Jahren ein hohes Maß an Eigenständigkeit erarbeitet hatten, wurden durch Flucht und Exil in eine prekäre Lage versetzt: Ihre bislang erreichten Freiheiten ließen sich unter den neuen Lebensbedingungen nicht ohne Weiteres aufrechterhalten. In ihrem Streben nach Selbstbestimmung standen sie mitunter wieder am Anfang. Diese Problemstellung bildet den Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit jüdischen Akademikerinnen und Künstlerinnen, die vor dem NS-Regime fliehen mussten. Der Verlust beruflicher Netzwerke sowie sozialer und finanzieller Sicherheit konnte ihre Handlungsspielräume erheblich einschränken. Wie tiefgreifend die damit einhergehenden biografischen Brüche waren, unterschied sich jedoch von Frau zu Frau. Bereits erreichte Formen der Emanzipation mussten unter den veränderten Lebensbedingungen des Exils neu behauptet und ausgehandelt werden.

Abb. 1: Jüdische geflüchtete Österreicherin bei ihrer Ankunft in Harwich, 12. Dezember 1938. Quelle: National Archives and Records Administration, College Park, MD, Source Record ID: 306-NT-648-F-2, Public Domain.

In der deutschsprachigen Forschung zur Flucht jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen nehmen die Perspektiven betroffener Frauen bisher noch zu wenig Raum ein, insbesondere im Hinblick auf Emanzipations- und Emotionserfahrungen. Dabei ermöglichen ihre Biografien Einblicke in vielschichtige Lebensgeschichten, die von Hoffnung, Mut und Selbstbehauptung, aber auch von Verlust, Sehnsucht und Rückschlägen geprägt waren. Diesem Desiderat widmet sich das Forschungsvorhaben „Weibliche Emanzipation, Migration und Traditionen – Das Beispiel geflüchteter jüdischer Akademiker:innen und Künstler:innen (1933–1945)“ von Francesca Weil. Es geht der Frage nach, wie sich biografische Brüche durch Flucht und Exil konkret auf die Emanzipation dieser Frauen auswirkten. Im Rahmen unserer Mitarbeit an dem Projekt widmen wir uns der biographischen Recherche zu einzelnen Frauen. Dabei wurde uns schnell und eindrücklich bewusst, wie vielfältig diese Erfahrungen das soziale und berufliche Leben sowie die individuellen Emanzipationsprozesse prägten. Der vorliegende Beitrag stellt auf der Grundlage der einschlägigen biografischen Literatur diese Vielfalt exemplarisch anhand von sechs Frauen und ihren Lebensgeschichten dar, darunter auch Gerda Taro, die in Leipzig in antifaschistischen Kreisen politisiert wurde, und die Dresdnerin Lea Grundig. Ein abschließender Vergleich macht sichtbar, wie unterschiedlich sie mit dem Verlust ihrer Ausgangspositionen vor der Flucht umgingen.

Gerda Taro (1910–1937) – Avantgarde im Spanischen Bürgerkrieg

Gerda Taro-Anonymous

Abb. 2: Gerda Taro an der Guadalajara Front im Spanischen Bürgerkrieg, Juli 1937. Quelle: Wikimedia Commons/icp.org, gemeinfrei.

Gerda Taro (geb. Gerta Pohorylle) wurde am 1. August 1910 in Stuttgart als Tochter aus Ostgalizien stammender jüdischer Eltern geboren (Schaber 2013: 13–15). Gerta Pohorylle wuchs in Stuttgart auf, besuchte die Mädchenrealschule und schloss diese im Juni 1927 ab. Ihre wohlhabende Tante unterstützte Gertas Bildung, indem sie für ein Jahr auf das Pensionat Villa Florissant am Genfer See schickte. Dort wurde großer Wert auf sprachliche und kreative Ausbildung gelegt, sodass Gerta nach ihrer Rückkehr Deutsch, Englisch, Französisch und ein wenig Spanisch sprach (Schaber 2013: 23–27). Im Frühjahr 1929 zog ihre Familie nach Leipzig, um dort die wirtschaftlichen Chancen des familiären Eiergroßhandels zu verbessern. In den liberalen und antifaschistischen Kreisen der Industriemetropole wurde Gerta politisiert. Sie trat nie einer Partei bei, positionierte sich jedoch politisch links und antifaschistisch. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und ihrer Schutzhaft 1933 floh sie Ende des Jahres nach Paris (Schaber 2013: 37–61). Im September 1934 lernte Gerta ihren späteren Partner, den ungarischen Fotografen Endre Ernö Friedmann kennen. Durch Friedmann begann Gerta auch als Fotografin zu arbeiten. Um ihre Auftragslage zu verbessern und antisemitische sowie fremdenfeindliche Zuschreibungen zu umgehen, nahmen sie die Namen Gerda Taro und Robert Capa an (Schaber 2013: 75–94). Ende Juli 1936 brachen beide nach Spanien auf, um dort den Bürgerkrieg fotografisch festzuhalten. Die internationale Veröffentlichung ihrer Aufnahmen verschaffte ihnen große mediale Aufmerksamkeit (Schaber 2013: 94). Robert Capa war in Paris, während Gerda Taro am 25. Juli 1937 das Ende der Schlacht von Brunete dokumentierte. Nach einem schweren Luftangriff der deutschen Legion Condor wurde sie bei einem Unfall von einem republikanischen Panzer überrollt. Am Morgen des 26. Juli 1937 starb sie im Lazarett an den Folgen des Unfalls (Schaber 2013: 172–174). Während des Spanischen Bürgerkriegs wurde Gerda Taro zum Medienstar. Nach ihrem Tod geriet ihre eigene fotografische Leistung jedoch lange hinter dem Ruhm Robert Capas in Vergessenheit. Oft wurde sie nur als seine verstorbene Partnerin und nicht als gleichwertige Fotografin wahrgenommen. Rund 70 Jahre nach ihrem Tod rückte Gerda Taro stärker in die öffentliche Wahrnehmung, als im sogenannten ‚Mexikanischen Koffer‘ zahlreiche zuvor unbekannte Negative von ihr wiederentdeckt wurden. Taro gilt als erste Fotoreporterin, die bei der Kriegsberichterstattung an der Front ums Leben kam, und als Pionierin der modernen Kriegsfotografie.

Lea Grundig (1906–1977) – Kunst gegen das Vergessen

Bundesarchiv Bild 183-12603-0002, Lea Grundig beim Malen

Abb. 3: Lea Grundig bei der Arbeit, 16. November 1951. Quelle: Wikimedia Commons/Bundesarchiv, Bild 183-12603-0002, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.

Lea Grundig wurde 1906 als Lina Lea Langer in eine wohlhabende, orthodox-jüdische Kaufmannsfamilie in Dresden geboren (van Laak 2025: 24–25). Sie entschied sich gegen den Willen ihres Vaters für ein Kunststudium in Dresden, wo sie Teil eines Kreises linker Künstler:innen wurde und ihren zukünftigen Ehemann Hans Grundig kennenlernte (Heiner 2016: 15–16). Ab 1933 wurden die antifaschistischen Werke Lea und Hans Grundigs als ‚entartet‘ eingestuft; beide arbeiteten fortan im Untergrund (Heiner 2016: 31–39). Nach mehreren Verhaftungen wurde sie Ende 1939 aus der Haft entlassen und floh nach Bratislava (Offenbach 2025: 169–171). Im September 1940 setzte sie ihre Flucht auf dem Seeweg nach Haifa fort. Aufgrund der fehlenden Genehmigung wurde ihr vor Ort die Einreise zunächst verweigert (Heiner 2016: 49–50; van Laak 2025: 47–48). Im November 1940 überlebte Grundig den von der zionistischen Untergrundorganisation Haganah verübten Sprengstoffanschlag auf das Schiff Patria, bei dem zahlreiche Menschen starben (Offenbach 2025: 177–178). Es folgte eine etwa elfmonatige Internierung im britischen Lager Atlit, über die sie später schrieb: „Unser Leben war ein Gewebe von leidvollsten Erfahrungen, eine Verfilzung von Ängsten, […]“ (Grundig 1958: 216). Ihre Eindrücke verarbeitete sie künstlerisch und die dort entstandenen Werke wurden unmittelbar nach ihrer Zeit im Lager ausgestellt (van Laak 2025: 65–67). Nach ihrer Freilassung eröffnete ihr das Leben in Palästina neue soziale und künstlerische Handlungsspielräume: Sie lernte Hebräisch, baute sich einen eigenen sozialen Kreis auf und führte ihre künstlerische Karriere fort (Heiner 2016: 54–61). In Palästina malte sie ferne Landschaften, porträtierte Menschen und illustrierte Kinderbücher (van Laak 2025: 70–81). Parallel schuf sie Werke, die die Shoah thematisierten und gegen Wegsehen und Vergessen mahnten (Heiner 2016: 84–85). Im Jahr 1949 kehrte sie zu Hans Grundig nach Dresden zurück, wo sie 1950 als erste Frau Professorin an der Akademie der Bildenden Künste wurde (Heiner 2016: 98–100). In den Folgejahren gelang ihr mit der Illustration der Grimm’schen Märchen ein weiterer sichtbarer künstlerischer Erfolg (Heiner 2016: 107–110). Sie starb 1977 und hinterließ rund 3.000 Werke (Heiner 2016: 117). Lea Grundigs Lebensweg zeigt, wie eng Emanzipation, Flucht und Exil miteinander verwoben sein konnten. Die damit verbundenen Erfahrungen von Verfolgung, Verlust und Neuorientierung veränderten ihr Leben und Werk tiefgreifend. Zugleich entwickelte sie neue künstlerische Motive und Handlungsmöglichkeiten, die ihre Selbstverortung prägten.

Ellen Auerbach (1906–2004) – Das neue Sehen im Exil

Abb. 4: Selbstporträt von Ellen Auerbach auf einer Liege sitzend, sich selbst im Spiegel fotografierend. New York, 1950. Quelle: VG Bild-Kunst/Akademie der Künste Berlin, Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Ellen Auerbach (geb. Rosenberg) wurde am 20. Mai 1906 in Karlsruhe in eine bürgerliche jüdische Familie geboren. Ihr künstlerisches Talent und Interesse wurden bereits früh gefördert, sodass sie 1924 in Karlsruhe ein Studium der Bildhauerei beginnen konnte und dieses 1928 an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart fortsetzte (Messner 2023: 186). 1929 schenkte ihr Onkel ihr eine Kamera. Diese faszinierte sie so sehr, dass sie noch im selben Jahr nach Berlin zog, um beim deutschen Bauhaus-Fotografen Walter Peterhans Fotografie zu studieren. Gemeinsam mit ihrer Mitschülerin Grete Stern gründete sie das Atelier ringl+pit. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie vor allem durch Werbefotografie, daneben entstanden Kurzfilme (Messner 2023: 186). Nach Beginn der NS-Diktatur emigrierte sie im November 1933 allein über die Schweiz und Italien nach Palästina und erreichte von Genua aus Ende des Jahres mit einem Schiff Haifa (Messner 2023: 188). Nach einem Besuch bei Grete Stern in London kehrten Ellen und ihr Ehemann Walter Auerbach im Juni 1934 nach Palästina zurück. In dieser Zeit schuf sie mit dem Film Die große Reise, der die Ungewissheit der Reise ins Exil im modernen Stil des Neuen Sehens dokumentiert, ein zentrales Werk ihres künstlerischen Schaffens (Messner 2023: 191). Im Mai 1936 reisten Ellen Auerbach und ihr Mann nach London, um von dort aus nach New York zu emigrieren (Messner 2023: 197). Mit dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 wurde Ellen Auerbachs ohnehin schon eingeschränkte Freiheit weiter beschnitten: Als enemy alien unterlag sie restriktiven Kontrollmaßnahmen und musste jede Reise genehmigen lassen. Doch nicht nur die Emigration, sondern vor allem das Gefühl, nirgends den gesellschaftlichen, weltanschaulichen und künstlerischen Normen zu entsprechen, prägte ihr Leben. Berlin hatte ihr als Jüdin, Frau und Künstlerin die größte Selbstbestimmung geboten, doch mit der Flucht verlor sie diese Freiheit (Graeve Ingelmann 2006: 71–94). Sie starb am 30. Juli 2004 in New York.

Helene Weigel (1900–1971) – Karriereunterbrechung im Exil

Helene Weigel as "Mother" in Bertolt Brecht's play The Mother.

Abb. 5: Helene Weigel als ‚Mutter‘ in Bertolt Brechts gleichnamigem Schauspiel, Berliner Ensemble, 30. September 1967. Foto: Abraham Pisarek. Quelle: Wikimedia Commons/Deutsche Fotothek, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.

Helene Weigel wurde im Mai 1900 in Wien in eine jüdisch-konservative Familie geboren (Kebir 2002: 10–11; Wünschmann 2006: 14). Sie besuchte das reformpädagogische Gymnasium der Eugenie Schwarzwald und verfolgte entgegen dem Willen der Eltern ihren Traum, Schauspielerin zu werden (Wünschmann 2006: 14–15; Stern 2000: 16). In den 1920er Jahren feierte sie zunächst in Frankfurt, dann in Berlin große Bühnenerfolge (Wünschmann 2006: 17). Dort führte sie als emanzipierte junge Frau ein freies, ungebundenes Leben (Kebir 2002: 24). 1924 lernte sie Bertolt Brecht kennen. Beide teilten ein „ganz und gar antibürgerliches Lebensgefühl“ (Stern 2000: 16) und sympathisierten mit den Ideen der KPD. Noch im selben Jahr bekam sie ihren Sohn Stefan, den sie bis zur Heirat mit Brecht 1929 ihren Eltern verschwieg (Wünschmann 2006: 17). Die Ehe war geprägt von Brechts zahlreichen Liebschaften und den damit verbundenen Zugeständnissen Weigels (Wünschmann 2006: 17–21). Nach dem Reichstagsbrand flohen Weigel und Brecht über Prag und Wien nach Dänemark. Damit begann ein etwa fünfzehnjähriges Exil, das sie über Schweden, Finnland, Moskau und Wladiwostok schließlich in die Vereinigten Staaten führte (Stern 2000: 62). Anders als Brecht konnte Weigel ihre Karriere im Exil nicht fortsetzen. Ihre Resignation zeigt sich in ihren Briefen: „Meine idiotische Existenz hängt mir sehr zum Halse raus. Ich war und bin noch immer eine brauchbare Person, und der Winterschlaf dauert zu lange“ (Mahlke 2000: 14). Sie stellte ihre berufliche Laufbahn zurück, organisierte den Familienalltag und unterstützte den Erfolg Brechts (Stern 2000: 69–74). Nach dem Krieg kehrte das Ehepaar nach Europa zurück (Stern 2000: 139). Dies änderte Weigels Situation grundlegend: Im Januar 1949 feierte sie als Hauptdarstellerin bei der Aufführung von Brechts Mutter Courage einen ihrer größten Erfolge (Stern 2000: 155–157). Noch im selben Jahr übernahm sie die Intendanz des neu gegründeten Berliner Ensembles (Wünschmann 2006: 48). Es folgten 22 arbeitsintensive Jahre, teils auf Kosten eigener Bühnenrollen (Stern 2000: 161). Nach Brechts Tod 1956 verwaltete sie seinen Nachlass und führte sein Vermächtnis fort (Stern 2000: 196–210; Kebir 2002: 279–343). Sie starb 1971 in Berlin (Wünschmann 2006: 69). Weigels Lebensweg zeigt, wie Flucht und Exil insbesondere die berufliche und persönliche Unabhängigkeit von Frauen erheblich einschränken konnten. Während Weigel ihre eigene Karriere weitgehend unterbrechen musste, übernahm sie familiäre und organisatorische Aufgaben und trug somit maßgeblich zum Erfolg ihres Ehemanns Brecht bei. Zugleich verdeutlicht ihr Beispiel jedoch auch, dass das Exil nicht zwangsläufig zum endgültigen Karrierebruch führen musste.

Lise Meitner (1878–1968) – Pionierin zwischen Patriarchat und NS

Abb. 6: Lise Meitner an der Catholic University of America in Washington D.C., 1946. Quelle: Wikimedia Commons/Smithsonian Institution Archives, Acc. 90-105 – Science Service, Records, 1920s-1970s, Public Domain.

Elise Meitner wurde 1878 in Wien in eine jüdische Familie geboren (Rennert/Traxler 2018: 15). Nach einem langen Weg zum Physikstudium wurde sie 1906 als zweite Frau an der Universität Wien im Hauptfach Physik promoviert (Stolz 1989: 15–16). Anschließend ging sie nach Berlin und lernte dort den Chemiker und späteren Nobelpreisträger Otto Hahn kennen (Stolz 1989: 17–18). Ihre langjährige, produktive Zusammenarbeit war von Beginn an von strukturellen Ungleichheiten geprägt, so war Meitner am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie zunächst „unbezahlter Gast in Hahns Abteilung“ (Stolz 1989: 26). Dennoch erlebte sie in den Zwischenkriegsjahren ihre „goldenen Jahre“ (Rennert/Traxler 2018: 80): 1919 erhielt sie als eine der ersten Frauen in Deutschland den Professorentitel, 1922 die Lehrberechtigung und auch ihre Forschung fand zunehmend internationale Anerkennung (Rennert/Traxler 2018: 81–82, 85–89). Im Jahr 1933 wurde ihr jedoch die Lehrbefugnis entzogen, sie blieb aber weiterhin in Berlin (Stolz 1989: 39). Mit der Annexion Österreichs unterlag Meitner fortan unmittelbar den NS-Rassengesetzen (Stolz 1989: 40). Ihr gelang 1938 die Flucht über die Niederlande und Dänemark nach Stockholm (Rennert/Traxler 2018: 124–127, 134–135). Dort musste sie ihren Lebensstandard drastisch senken, ihre Verzweiflung zeigte sich in ihren Briefen an Hahn: „Ich fühle mich so ganz verloren und hilflos. […] Ich bin hier ganz allein, kann niemanden um Rat fragen und merke daneben, daß ihr vergesst, was ich geschrieben habe“[1]. Auch die Arbeitsbedingungen am dortigen Nobel-Institut für Physik enttäuschten sie, ihr standen weniger Apparate und Literatur zur Verfügung als in Berlin (Rennert/Traxler 2018: 137). Sie blieb aber brieflich eng mit Hahn in Kontakt und leistete so aus dem Exil einen entscheidenden Beitrag zur Entdeckung der Kernspaltung (Rennert/Traxler 2018: 142–154). Dies änderte jedoch nichts an ihrem isolierten Leben in Stockholm (Rennert/Traxler 2018: 157). Erst nach Kriegsende verbesserte sich ihre Lage, sie erhielt Ehrendoktortitel und wurde in mehrere wissenschaftliche Gesellschaften und Akademien aufgenommen (Rennert/Traxler 2018: 186–187). Nach 22 Jahren in Schweden zog sie im Alter von 82 Jahren zu ihrem Neffen Otto Robert Frisch nach Cambridge, wo sie 1968 starb (Stolz 1989: 85). Meitners Biografie zeigt, dass Flucht und Exil nicht zwangsläufig Freiheit mit sich brachten. Während sie vor 1938 trotz struktureller Benachteiligung zunehmend wissenschaftliche Handlungsspielräume gewinnen konnte, führte das Exil zunächst zu Isolation und zum Verlust bereits errungener Freiräume. Erst nach Kriegsende konnte sie wieder an frühere fachliche Anerkennung anknüpfen.

Hertha Nathorff (1895–1993) – Überleben in New York

Abb. 7: Porträt von Hertha Nathorff, vor 1993. Fotograf: Patrick Hörl. Quelle: Museum zur Geschichte von Christen und Juden Schloss Großlaupheim/Patrick Hörl. Alle Rechte vorbehalten.

Hertha Nathorff (geb. Einstein) wurde 1895 in Laupheim in eine wohlhabende jüdische Unternehmerfamilie geboren. Ihr Vater sah sie „als Ersatz für seinen verlorenen Sohn“ (Benz 1987: 21), wodurch sie auf eine Lateinschule sowie ein Gymnasium in Ulm gehen durfte, die sonst nur Jungen vorbehalten waren. Nach dem Abitur studierte sie von 1914 bis 1919 Medizin in Heidelberg, München und Freiburg, wo sie ihr Staatsexamen ablegte (Benz 1987: 21–25). Ab 1920 arbeitete sie als Ärztin in Berlin und leitete dort von 1923 bis 1933 erfolgreich ein Kinder- und Säuglingsheim des Roten Kreuzes. Zusätzlich übte sie am Charlottenburger Krankenhaus von 1928 bis 1933 eine unbezahlte Tätigkeit als Frauen- und Eheberaterin aus (Benz 1987: 25–160). Sie engagierte sich in der Berliner Ärztekammer und wurde als erste Frau in den Gesamtausschuss der Berliner Ärzte gewählt (Benz 1987: 60). Hertha Nathorff praktizierte in Berlin, bis ihr als jüdischer Ärztin zum 30. September 1938 im Rahmen des Reichsbürgergesetzes die Approbation entzogen wurde (Benz 1987: 105–113). Im Frühjahr 1939 begann sie mit ihrem Mann und Sohn die Flucht über London nach New York, wo die Familie am 22. Februar 1940 ankam (Benz 1987: 130–167). Ihr Ehemann lernte nach der Ankunft in den USA für das Staatsexamen, um vor Ort als Arzt praktizieren zu dürfen. In dieser Zeit arbeitete sie als Haushaltshilfe und nahm alle möglichen Jobs an, um die Familie zu ernähren. Sie konnte zwar als Sprechstundenhilfe, Krankenpflegerin oder medizinische Publizistin arbeiten, aber nie wieder als Ärztin (Benz 1987: 168–179). Die Flucht, die fehlende Anerkennung ihres Abschlusses und ihre schwierige finanzielle Lage verhinderten, dass Nathorff in den USA wieder in ihrem Beruf tätig sein konnte, der in Deutschland einen wesentlichen Bestandteil ihrer Selbstbestimmung dargestellt hatte. 1941 bereitete sie sich vergeblich auf das Staatsexamen vor. Als sie die Hilfe ihres Mannes erbat, verweigerte er ihr diese mit den Worten: „Ich bin der Ernährer der Familie“ (Benz 1987: 189). Die Anhäufung von Traumata und der Verlust ihrer Autonomie veranlassten sie 1941 zum Suizidversuch im Hudson River (Benz 1987: 189–190). Hertha Nathorff lebte bis zu ihrem Tod nach langer Krankheit im Jahr 1993 in der Wohnung, die ihre Familie 1942 in New York bezogen hatte – ihr Mann starb bereits 1954.

Sechs Frauen, unzählige Erfahrungen

Abb. 8: Jüdische Geflüchtete aus Österreich bei ihrer Ankunft in Harwich, 12. Dezember 1938. Quelle: Wide World Photo via United States Holocaust Memorial Museum, Public Domain.

Flucht und Exil prägten nicht nur die Karrieren dieser Frauen, sondern auch ihre Identitäten. Vor der Verfolgung durch das NS-Regime hatten sie sich berufliche und persönliche Freiräume erkämpft, die durch Verfolgung und Flucht gefährdet oder zerstört wurden. Ob sie erneut berufliche und persönliche Handlungsspielräume gewinnen konnten, hing unter anderem von den jeweiligen Exilbedingungen, sozialen Netzwerken und Arbeitsmöglichkeiten ab. Die Biografien zeigen unterschiedliche Wege: Während Hertha Nathorff im Exil einen beruflichen Statusverlust erlebte und gezwungen war, außerhalb ihres ärztlichen Berufs zu arbeiten, war auch Helene Weigels Handlungsspielraum zunächst stark eingeschränkt. Ihr gelang es jedoch, nach dem Exil wieder an berufliche Erfolge anzuknüpfen. Lise Meitner setzte ihre wissenschaftliche Arbeit trotz Isolation und erschwerter Arbeitsbedingungen im Exil fort und leistete einen entscheidenden Beitrag zur Deutung der Kernspaltung. Andere fanden im Exil neue Wege und Formen der Selbstbehauptung. So griff Lea Grundig neue künstlerische Motive auf und verarbeitete Themen wie ihre Verfolgung, Flucht, Internierung und die Shoah. Ellen Auerbach hielt die Ungewissheit der Flucht im Stil des Neuen Sehens fest, konnte aber nie an ihre Berliner Unabhängigkeit anknüpfen. Gerda Taro wurde im Exil zum Medienstar, doch im Schatten des Ruhms Robert Capas geriet ihre eigene fotografische Leistung lange in den Hintergrund. Für alle sechs Frauen stellte die Flucht einen tiefen biografischen Bruch dar. Sie verloren nicht nur Arbeitsplätze und berufliche Anerkennung, sondern auch soziale und persönliche Freiräume. Zugleich waren sie dem Exil nicht nur passiv ausgeliefert. Einige fanden neue Ausdrucksformen, Arbeitsfelder und Möglichkeiten der Selbstbehauptung. Gerade die Spannung zwischen Verlust, Einschränkungen und fortbestehender Handlungsfähigkeit verbindet die Lebenswege dieser Frauen.


Autor:innen

Anne Olsen studiert Gymnasiallehramt für die Fächer Geschichte und Französisch an der Universität Leipzig und ist als studentische Hilfskraft für Francesca Weil am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) tätig.

Georg Langenberg studiert Politikwissenschaften und Geschichte an der Technischen Universität Dresden und absolvierte im Rahmen seines Studiums ein Praktikum bei Francesca Weil am HAIT.


Literaturverzeichnis


[1] Brief von Lise Meitner an Otto Hahn vom 21. September 1938, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin, III. Abt., Rep. 14, Nr. 4870, zit. nach Rennert/Traxler 2018: 136.

Beitragsbild: Jüdische Geflüchtete bei ihrer Ankunft in New York, 3. Juni 1939, Auschnitt. Quelle: The New York Times/National Archives and Records Administration via United States Holocaust Memorial Museum, Public Domain.


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GastautorIn (22. September 2026). Alles auf Anfang? Gedanken zu Flucht, Exil und Emanzipation jüdischer Künstlerinnen und Akademikerinnen im Zuge der NS-Herrschaft. Saxorum. Abgerufen am 11. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16tie


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